MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Der feine Unterschied

Ein „muslimisches“ Ehrenmord und ein „deutsches“ Familiendrama

In einer Pressemitteilung vom 5. Januar 2009 forderte die Staatsministerin Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Migrantenorganisationen auf, ihren Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zu verstärken. „Respektspersonen aus der Gemeinschaft der Zugewanderten müssen sehr deutlich machen, dass weder Religionen noch Traditionen Gewalt und Unterdrückung von Frauen rechtfertigen.“

Hintergrund dieser Aufforderung ist ein Mordfall aus Harsewinkel im Kreis Gütersloh. Nach türkischen Medienberichten soll die Frau Anfang des Jahres von ihrem Ehemann aus Eifersucht getötet worden sein. Der 26-Jährige Ehemann sei kurzzeitig nach Deutschland gekommen, um seine Frau in die Türkei zu holen. Die 18-Jährige habe dieses Ansinnen jedoch vermutlich abgelehnt und sich stattdessen von ihm trennen wollen. „Ich bin entsetzt über dieses Verbrechen“, erklärte Maria Böhmer. „Für so genannte Ehrenmorde darf es in unserem demokratischen Rechtsstaat keine mildernden Umstände geben. Die Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen endet dort, wo Menschenrechte und Gleichberechtigung missachtet werden“.

Der Fall wurde auch vereinzelt von der deutschen Presse aufgegriffen. Alle Medienberichte – ob türkisch oder deutsch – haben gemeinsam, dass die Tat als Eifersuchts- oder Beziehungsdrama bezeichnet wird. Nur Frau Böhmer meint, ein „Ehrenmord“ zu erkennen.

Der Begriff „Ehrenmord“ hatte nach dem Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü im Februar 2005 Hochkonjunktur in Deutschland. Nahezu die gesamte Medienlandschaft berichtete fast täglich darüber. Nicht weil es einen Anstieg dieser Schandtaten gab, sondern weil Regierungsmitglieder – darunter auch Frau Maria Böhmer – sich fast täglich veranlasst sahen, sich darüber zu äußern. Der Begriff „Ehrenmord“ ist seit dem untrennbar mit der Herkunft des Täters verbunden. Stammt der Täter aus einem muslimischen Land, werden Fälle, die, wenn sie von einem Deutschen verübt worden wären, üblicherweise als Familiendrama bezeichnet werden, fortwährend als Ehrenmorde tituliert.

Die Konzentration auf muslimische Täter wiederum führte bei der Mehrheitsgesellschaft zu der Annahme, Ehrenmorde seien tatsächlich muslimisch religiös bedingt. So wurden muslimische Männer in den Augen der Mehrheitsgesellschaft peu à peu zu gewalttätigen Patriarchaten und deren Frauen und Töchter zu bemitleidenswerten Opfern. Gegen die Verbreitung dieses äußerst verzerrten Bildes wurde selbstverständlich mit Kritik begegnet. Selbst Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, räumte Mitte 2008 eine gewisse Doppelmoral in den Medien ein. Der Mord an einer Frau eines Türken werde als “Ehrenmord” bezeichnet, während der deutsche Ehemann meist aus “Eifersucht” handele.

Die Medien scheinen über die Jahre verstanden zu haben, dass die Linie zwischen einem Mord aus verletzter Ehre und Eifersucht hauchdünn ist, wenn nicht sogar derart miteinander vermengt, dass eine Unterscheidung kaum möglich ist. Letzten Endes dürften die Mordmotive, ob „Ehre“ oder „Eifersucht“, wohl kaum von großer Bedeutung sein. Viel wichtiger ist die Tat und der Taterfolg, die meist ähnlich sind: Ein Mann sticht auf eine Frau ein, die stirbt.

Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

50 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Gert sagt:

    Das mag sein, aber es stimmt halt auch.

  2. Weiss sagt:

    Oh Mann, alleine die Tatsache, dass wir hier dieses Thema diskutieren müssen, zeigt, wie weit es mit unserem Land gekommen ist. Man muss sich mal vorstellen: wir diskutieren einen kulturellen Unterschied, weil er für uns zum Problem geworden ist. Wann wacht endlich dieses Land auf und macht damit Schluß??

  3. Markus Hill sagt:

    Sie entschuldigen jetzt hier den türkischen Ehrenmord in Deutschland damit, dass der doch keine türkische Spezialität sei? Habe ich das richtig verstanden?
    (Seien Sie mir nicht böse, wir reden hier von Verbrechen in Deutschland, von Türken an Türken – in Verbindung stehend mit einem recht merkwürdigen Begriff von Ehre, sozusagen in Bergbauern-Tradition).

    PS: Ich differenziere hier durchaus und rede bewusst nicht von Ehrenmord & Islam. Die Morde aus dem Motiv “Ehre”, die man sehr häufig in der Presse findet. Nicht von konventionellen Eifersuchtsmorden.

  4. O. sagt:

    Ich habe eine Frage: kennt jemand muslimische Länder, in denen „Ehrenmorde“ nicht stattfinden, bzw. familiäre Tötungsdelikte nicht als eien Ehrenmorde bezeichnet werden?
    Für die Infos vielen Dank im Voraus!

    P.S.: in Bezug auf das Buch von Schiffauer „Die Gewalt der Ehre“, das im Forum als „lesenswert“ bezeichnet wird: der Autor analysiert im Buch nicht Ehrenmorde, sondern eine Gruppenvergewaltigung von Jugendlichen aus zerrütteten Familien, die in den Gesprächen mit ihm aussagen, dass ihre Tat in ihrem Herkunftsland eindeutig als strafbar eingeordet wird. Seine Argumentation baut der Autor auf der Analyse von etwa 27 weiteren Literaturquellen, die leider keine weitereführende Literatur zum Thema „Ehremorde“ sind. Die Geschichte wird dabei durch seine Beobachtungen eines Kinderstreits in Anatolien umrahmt.

  5. Boli sagt:

    Nun an dem Thema kann man erkennen das die Grenzlinie bezüglich Unterscheidung Familiendrama und Ehrenmord übergreifend ist in Randbereichen. Das man nicht jeden Mord unter Türken bzw. Muslimen als Ehrenmord bezeichnen kann ist auch klar. Nur es gibt halt auch kaum Menschen die nicht irgendwo bestimmten Pauschalisierungen erliegen. Und die Presse macht sich auch schlicht nicht immer die Mühe jedes Detail heraus zu finden, was einen Mord so oder so nennen lässt.
    Und noch schlimmer rechtfertigen sich sogar auch noch die Täter nicht selten unter Einbeziehung der Religion aus Unkenntnis bzw. Falschauslegung der eigenen Religion, was die gleiche Misere bezüglich Unterscheidung von Islam und Islamismus
    Das was der Presse und auch der Gesellschaft in der Folge so aufstösst ist das was den Ehrenmord explizit vom Familiendrama unterscheidet. Man kann durchaus sagen das in fast jedem Familiendrama auch Ehrenmordanteile vorhanden sind. Es gibt aber ein absolut eindeutiges Merkmal was einen Ehrenmord unverkennbar macht.
    Ein Familiendrama wird so gut wie immer von EINER Person ausgeführt. Und das so gut wie immer nicht langfristig geplant sondern im Affekt ausgeführt. Also die Psyche knallt durch und der Typ läuft Amok.
    Der Ehrenmord ist quasi auch wenn nur von einer oder zwei Personen ausgeführt letztendlich eine Art Kollektivmord da häufig bei der Planung noch mehr als zwei Personen bzw. die Kernfamilie involviert sind.
    Und das was die Gesellschaft verabscheut und das auf was sich die Presse stürzt ist eben genau dieses „kleine“ aber feine Detail. Der in westlichen Gesellschaften nahezu unbekannte gemeinschaftlich geplante und eventuell sogar gemeinschaftlich (im Falle von z.B. Steinigungen) ausgeführte Mord.
    Und egal ob Familiendrama oder Ehrenmord. Mord ist Mord. Nur ist die menschliche Psyche nicht eh schon anfällig genug einen Mord zu begehen. Auf die Variante des Ehrenmordes kann also gut verzichtet werden. Noch mehr sollte man sogar besser daran arbeiten das die Psyche generell nicht anfällig für Mord im Allgemeinen wird.

  6. Klose sagt:

    @Ozan

    „300 000 Kindesmißbräuche in Deutschland…“

    Vorsicht mit solchen Zahlen. Im arabischen Raum gilt vieles NICHT als Kindesmißbrauch, was hier als solcher gezählt wird, z.b. Kinderehe etc. Ich denke nicht, dass man das Thema Ehrenmorde mit Kindesmißbrauch aufwiegeln sollte, das sind zwei völlig unterschiedliche Themen. Kindesmißbrauch ist, wenn Sie sich die Mühe machen zu recherchieren, keineswegs ein genuin deutsches/mitteleuropäisches Problem.

  7. Klose sagt:

    Wenn man sich so die Kommentare der „Migaziner“ durchliest, also vornehmlich der Kommentatoren mit scheinbar türkischen Wurzeln, kommt man zu dem Schluß, daß alle Kritiker falsch liegen.
    Ehrenmorde? Bei uns? Keineswegs, ist das gleiche wie das deutsche Familiendrama.
    Ausländerkriminalität? Quatsch, die Zahlen stimmen nicht, Medienhetze, Sie haben keine Ahnung von Statistik. Bildungsmangel? Wir? Wenn, dann weil wir (Migranten mit türkisch-arabischen Wurzeln im Gegensatz zu Vietnamesen, Polen und Russen) kollektiv diskriminiert werden.
    Integrationsprobleme? Nein, das wird hochgeputsch. Eigentlich ist alles im grünen Bereich.
    Ängste vor einer zunehmenden Islamisierung? Ha ha ha, machen Sie sich nicht lächerlich!

    So kann man keine Debatte führen, leider. So kommt man nicht voran. Sehen Sie, wir geben ja alles zu: es stimmt, dass die Deutschen fremdenängstlich sind, bieder, langweilig, zurückgezogen. Es stimmt, dass viele Sachen hinsichtlich der Integration von Muslimen versäumt wurden. Es stimmt, dass Ausländer tagtäglich diskriminiert werden, herabgewürdigt oder nicht ernst genommen werden. Hier wird aber dran gearbeitet durch zahllose Initiativen und es ist in den letzten Jahrzehnten sehr, sehr viel erreicht worden.

    Geben Sie doch auch mal was zu, bitte.

  8. Mehmet sagt:

    Zugeben immer, aber ohne zu pauschalisieren und ein „wir“ und „ihr“ zu kreieren, denn ist es nicht alles schwarz und weiß. die grauzonen sind wichtig! Wogegen man sich als Türke gerne wehrt, ist, dass nicht ALLE Türken gewalttätig oder Bildungsarm sind, nicht der Islam GENERELL zu Gewalt auffordert etc. Diese absolutistischen, wissenschaftlich nicht belegbaren Behauptungen machen es einem schwer, hier auch nur mitzulesen. Ich fordere die Menschen bei Behauptungen wie „viele Türken sind so“ auf Quellen zu bringen, Statistische Daten, Wissenschaftliche Ausarbeitungen.
    Ich persönlich kritisiere den türkischen Stolz, die Frauenbenachteiligung in den islamischen Ländern aufgrund falscher Auslegung des Islams und auch den Islam selbst, und das nicht zu knapp! Nur sehe ich hier bei einigen Personen, dass sie sehr pauschalisierend urteilen und nicht differenzieren innerhalb der türkischen bzw. islamischen Gesellschaft. Die verschiedenen Strömungen bez. eines Themas werden nicht erkannt.
    Und wissen Sie was mich am meisten aufregt? Wenn man ein Thema durchdiskutiert hat und zu einem Schluss gekommen ist, aber dieselbe Person dieses Thema nochmal woanders aufrollt mit genau denselben (!) Argumenten, die schon widerlegt wurden. Das Problem ist einfach, dass man bei bestimmten Diskussionspartnern wenig bis keinen Erkenntnisgewinn sieht.
    Sie werden auch bei vielen Kritikern sehen, dass sie AUSSCHLIEßLICH negative Kritik anbringen. Nun: Egal welches Thema es ist, sollte es möglich sein, pro- und kontra-argumente gegenüber zu stellen. Nur scheint dies nicht gewollt zu sein.
    Ich könnte hier sonst noch so einige Sachen aufschreiben aber es hat ja im Enddefekt doch keinen Sinn….

  9. Mehmet sagt:

    Klose,
    das hier ist zum Beispiel auch ein Problem. Das Beispiel mit den Kindesmißbrauchen wurde gebracht, um zu zeigen, dass aufgrund dieser Zahlen Deutschland nicht ein Land der „Kindesmissbräuche“ ist. Was machen Sie? Sie vergleichen dies mit der Anzahl der Kindesmißbräuche in islamischen Ländern, um Deutschland Kindesmißbräuche zu relativieren.
    Seine Aussage war:
    Bei 5000 Ehrenmorden weltweit werden bestimmte Länder als „Länder des Ehrenmords“ gebrandmarkt, jedoch sollte man Länder nichtmal mit 300 000 Kindesmissbräuchen betiteln, EGAL welches Land das ist (!).

    Wir können hier aber definitiv zu dem Schluss kommen, dass Ehrenmorde wie Kindesmißbrauch ausgemerzt werden müssen. Da wird mir wie Ihnen niemand widersprechen.

  10. Klaus Finkenkrug sagt:

    Ich möchte Sie nicht in Ihren Grundfesten erschüttern, aber dass die Türken „angeworben“ wurden, gehört ins Reich der Märchen:

    Das Anwerbeabkommen mit der Türkei kam – ähnlich wie das erste Anwerbeabkommen, das auf Wunsch Italiens abgeschlossen wurde – auf Wunsch und auf Druck der türkischen Militärregierung zustande. Es wurde bezeichnenderweise federführend durch das deutsche Außenministerium abgeschlossen (und eben nicht durch das deutsche Wirtschaftsministerium). Die Türkei befand sich zu dieser Zeit – nach der Ära von Adnan Menderes – in einer sehr prekären wirtschaftlichen Situation. Eine wirtschaftliche Entlastung sollte durch die Emigration von überschüssigen Arbeitskräften, den dadurch entstehenden Rückfluss von Devisen ins Land und eine Modernisierung durch das spätere Mitbringen von wirtschaftlichem Know-How erfolgen.

    Die USA übten Druck auf Deutschland aus, das von der Türkei geforderte Anwerbeabkommen abzuschließen. Dadurch sollte die Militärregierung der Türkei unterstützt werden, denn die Türkei hatte 1959 der Stationierung einer Staffel von US-amerikanischen Atomraketen an der Grenze der UDSSR zugestimmt und war ein strategisch wichtiger NATO Partner (Siehe Kubakrise – unmittelbare Vorgeschichte). Die USA befürchtete, dass nach dem Putsch im Mai 1960 die Lage in der Türkei instabil war, wie die Umbildung des Kabinetts von Cemal Gürsel am 27. August 1960 und die Ankündigung von Neuwahlen für 1961 zeigten. Die sehr schwierige wirtschaftliche Lage, die zum Teil Versorgungsengpässe zur Folge hatte, führte 1960 und 1961 zu breiten Unruhen – es wurde sogar der Ausnahmezustand verhängt. Die USA befürchteten einen wachsenden Einfluss der Sowjetunion und ein Ausscheren der Türkei aus der NATO, wenn die Wirtschaft der Türkei nicht durch das Anwerbeabkommen stabilisiert würde.


Seite 4/5«12345»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...