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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Der feine Unterschied

Ein „muslimisches“ Ehrenmord und ein „deutsches“ Familiendrama

In einer Pressemitteilung vom 5. Januar 2009 forderte die Staatsministerin Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Migrantenorganisationen auf, ihren Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zu verstärken. „Respektspersonen aus der Gemeinschaft der Zugewanderten müssen sehr deutlich machen, dass weder Religionen noch Traditionen Gewalt und Unterdrückung von Frauen rechtfertigen.“

Hintergrund dieser Aufforderung ist ein Mordfall aus Harsewinkel im Kreis Gütersloh. Nach türkischen Medienberichten soll die Frau Anfang des Jahres von ihrem Ehemann aus Eifersucht getötet worden sein. Der 26-Jährige Ehemann sei kurzzeitig nach Deutschland gekommen, um seine Frau in die Türkei zu holen. Die 18-Jährige habe dieses Ansinnen jedoch vermutlich abgelehnt und sich stattdessen von ihm trennen wollen. „Ich bin entsetzt über dieses Verbrechen“, erklärte Maria Böhmer. „Für so genannte Ehrenmorde darf es in unserem demokratischen Rechtsstaat keine mildernden Umstände geben. Die Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen endet dort, wo Menschenrechte und Gleichberechtigung missachtet werden“.

Der Fall wurde auch vereinzelt von der deutschen Presse aufgegriffen. Alle Medienberichte – ob türkisch oder deutsch – haben gemeinsam, dass die Tat als Eifersuchts- oder Beziehungsdrama bezeichnet wird. Nur Frau Böhmer meint, ein „Ehrenmord“ zu erkennen.

Der Begriff „Ehrenmord“ hatte nach dem Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü im Februar 2005 Hochkonjunktur in Deutschland. Nahezu die gesamte Medienlandschaft berichtete fast täglich darüber. Nicht weil es einen Anstieg dieser Schandtaten gab, sondern weil Regierungsmitglieder – darunter auch Frau Maria Böhmer – sich fast täglich veranlasst sahen, sich darüber zu äußern. Der Begriff „Ehrenmord“ ist seit dem untrennbar mit der Herkunft des Täters verbunden. Stammt der Täter aus einem muslimischen Land, werden Fälle, die, wenn sie von einem Deutschen verübt worden wären, üblicherweise als Familiendrama bezeichnet werden, fortwährend als Ehrenmorde tituliert.

Die Konzentration auf muslimische Täter wiederum führte bei der Mehrheitsgesellschaft zu der Annahme, Ehrenmorde seien tatsächlich muslimisch religiös bedingt. So wurden muslimische Männer in den Augen der Mehrheitsgesellschaft peu à peu zu gewalttätigen Patriarchaten und deren Frauen und Töchter zu bemitleidenswerten Opfern. Gegen die Verbreitung dieses äußerst verzerrten Bildes wurde selbstverständlich mit Kritik begegnet. Selbst Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, räumte Mitte 2008 eine gewisse Doppelmoral in den Medien ein. Der Mord an einer Frau eines Türken werde als “Ehrenmord” bezeichnet, während der deutsche Ehemann meist aus “Eifersucht” handele.

Die Medien scheinen über die Jahre verstanden zu haben, dass die Linie zwischen einem Mord aus verletzter Ehre und Eifersucht hauchdünn ist, wenn nicht sogar derart miteinander vermengt, dass eine Unterscheidung kaum möglich ist. Letzten Endes dürften die Mordmotive, ob „Ehre“ oder „Eifersucht“, wohl kaum von großer Bedeutung sein. Viel wichtiger ist die Tat und der Taterfolg, die meist ähnlich sind: Ein Mann sticht auf eine Frau ein, die stirbt.

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50 Kommentare
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  1. sandra sagt:

    @Ekrem Senol
    Leider ist es nun mal so das ein unterschied gemacht wird wer wem das recht auf lebn nimmt .Ein türkischer Bürger bringt seine Freundin(Frau)um dann ist es Ehrenmord ein deutscher Bürger tut das selbe dann ist es ein Familiendrama ich kann kein unterschied sehen aber Politik und Press machen den unterschied bei der Religion.Wie wird es denn gedeutet wenn ein deutscher sich zum islam bekennt und dann seine Frau umbringet ??Ich möchte damit nicht rectfertige was manche Menschen anderen antuhen.Nur solle bei der veröffentlichung und in der Politk ob deutsch oder ausländer bei einem mord kein unterschied gmacht werden .Vieleicht sollten sich manchPolitiker(presse)doch einfach mal mit 2 gewisse büchern befassen und sie verstehn vieleicht ändert sich dann manche denkweise!ich kann mich nicht daran erinnern das dort drin steht nimm aus niedrigen Gründen jemaden das leben

  2. Robert Groenewold sagt:

    Ein Ehrenmord ist immer auch ein Familiendrama, aber ein Familiendrama ist nicht immer ein Ehrenmord.

    Das ganze „Namus“-Konzept gibt es in nicht-islamischen Gesellschaften so nicht.

    Es gilt in der deutschen Gesellschaft nie der Mord an der eigenen Schwester/Mutter als „ehrenhafte Tat“ bzw. es gilt kein deutscher Mann als „unehrenhaft“, weíl er seine vorehelich schwangere Tochter/Schwester *nicht* umbringt.

  3. Ozan sagt:

    @ Robert Groenewold

    Gehts noch ne Ecke pauschalisierender? Zwischen Schwarz und weiß gibt es noch einige kleine aber durchaus feine Nuancen…Mit Pauschal-Aussagen a la „islamischer Kulturkreis sind so, nicht-islamische Gesellschaften dagegen so“ konstruiert man ein WIR-die guten/SIE- die Bösen-Konstrukt, das uns nicht wirklich weiter bringt…

  4. Ekrem Senol sagt:

    @ Robert Groenewold

    Sie sollten sich mal nach Ehrenmorden in Spanien, Italien, Griechenland, Bulagrien, Portugal erkundigen – alles nicht islamische Länder. Wenn Sie Europa verlassen, lohnt sich auch ein Blick auf Brasilien, Equador, Japan, China, Korea und USA. Dadruch, dass Sie uns immer und immer wieder das Gleiche auftischen, wird ihre Behauptung nicht zur Wahrheit. Aber immerhin scheinen Sie verstanden zu haben, wie die hiesigen Medien arbeiten.

  5. Hansguck sagt:

    nein deutsche „Familiendrama“ sind keine „Ehrenmorde“ aber es stimmt wenn ein Familiendrama bei Türken passiert wird es „Ehrenmord“ genannt.

    Ebenso wurden „Ehrenmorde“ von Libanesischen Christen dazu gerechnet. Auch wird z.b. ein Vorfall in Türkei eher beachtet als in Mexiko.

  6. Krischan Piepengruen sagt:

    Na, liebe Frau Zastera, da haben Sie aber etwas vergessen. Sie schreiben

    „In den 60er Jahren hat man die türkischen Männer als Gastarbeiter in die BRD geholt, um die niederen Arbeiten zu erledigen, wofür sich die “Wessis” zu fein waren.“

    Man hat sie nicht geholt. Gekommen sind sie freilwillig.
    Und für das Arbeiterledigen gab es – merken Sie auf! – Lohn.
    Der muß offenbar weit über dem gelegen haben, was es in der Türkei damals gegeben hat.
    Sonst wäre ja keiner gekommen.

    Wenn Sie, liebe Frau Zastera, einen Handwerker engagieren und bezahlen, der Ihnen den Keller verputzt, dann hat er doch damit kaum das Recht gewonnen, für ewig und drei Tage an Ihrem Küchentisch zu sitzen. (Oder ist das bei Ihnen anders?) Deutschland war damals kein Einwanderungsland und hatte damals auch keinen Grund, eines zu werden.

    Erst durch den völlig ungebremsten Familiennachzug (zuzüglich „Importbräute“) ist dann das gegenwärtige Desaster entstanden. Daß die Deutschen diesen Zuzug, der jeder Regel einer vernünftigen Einwanderungspolitik widerspricht, zugelassen haben, ist ihrem Gutmenschentum und ihrer Dummheit zu danken, na, jedenfalls der der herrschenden politischen Klasse und der der Meinungsführer.

    Insofern ist mir hier auf diesen Seiten auch nicht ganz klar, was die kühne Behauptung, das MIGAZIN sei gegen den Mainstream, eigentlich soll. Hier wird genau das vertreten, was der politische und journalistische Mainstream uns seit Jahren zu verkaufen sucht: Die ungebremste Einwanderung aus der Türkei und den arabischen Ländern sei eine kulturelle Bereicherung für unser Land. Das ist doch der Mainstream seit vielen vielen Jahren …

    Viele meine türkischen Schüler behaupten demzufolge allen Ernstes, die Türken hätten Deutschland nach dem Kriege aufgebaut. Da lachen ja die Hühner!

    Ich kann ihnen dies freilich so übel nicht nehmen. Claudia Roth glaubt’s vermutlich bis heute noch ….

  7. Ekrem Senol sagt:

    @ Krischan Piepengruen

    Man hat sie nicht geholt. Gekommen sind sie freilwillig.

    Ihrer Logik nach schließen sich „nicht geholt“ und „freiwilliges kommen“ gegenseitig aus. Gezwungen wurde sicherlich niemand. Es gab ein „freiwilliges kommen“, wenn man finanzielle Armut nicht als eine Notsituation sieht. Die Anwerberbüros in den türkischen Großstädten wurden aber vom Deutschen Staat eröffnet. Insofern gab es auch ein „holen“.

    für ewig und drei Tage an Ihrem Küchentisch zu sitzen.

    Sie sollten sich mal erkundigen, welchen Saldo Gastarbeiter in Deutschland aufweisen. Wer wem am Küchentich sitzt, war – dachte ich zumindest – nach dem Mauerfall geklärt. Im Übrigen verwechseln Sie den Werkvertrag (Handwerker) mit dem Dienstvertrag (Arbeitnehmer). Hinsichtlich der Beendigung beider Vertragstypen gibt es nicht unwesentliche Unterschiede.

    MIGAZIN sei gegen den Mainstream

    Wo haben Sie das bitte gelesen? (zeigen!) 🙂 Sie scheinen Talent für Überinterpretationen zu haben, wenn ihnen nicht gefällt, was Sie lesen. Auf jede einzelne Abwegigkeit werde ich daher nicht mehr eingehen.

  8. Es mag schon richtig sein, dass es sich beim vorliegenden Fall vermutlich nicht um einen „Ehrenmord“ handelt, sondern einen Eifersuchtsmord. Der Versuch, dies als Argument dafür zu nehmen, das gesamte Kapitel „Ehrenmorde in den muslimisch geprägten Migranten-Communities in allen nichtmuslimische Ländern“ zu entsorgen, ist unredlich, um es sehr schwach zu formulieren! Solange die Muslime weltweit beim Thema Ehrenmorde weiter sich selbst (und natürlich die „Ungläubigen“ gleich mit) belügen, wird sich die Situation nicht verbessern. Eine ehrliche Analyse wäre der erste Schritt zur Besserung. Und die Analyse sieht nun mal so aus, dass Morde von Vätern an Töchtern, von Brüdern an Schwestern, in der westlichen Welt außerhalb muslimischer Zirkel schlicht unbekannt sind. Im zweiten Schritt könnte man dann fragen, woher das kommt. Aber was tun, wenn sich sowohl Migranten als auch ihre vermeintlichen „Freunde“ bereits gegen den ersten Schritt sperren?

    MfG, fs

  9. Friede sagt:

    Fakt ist doch, dass es Ehrenmorde gibt. Morde, verübt meist an Frauen, die im Familienkreis beschlossen werden. Fakt ist aber auch, dass wenn Frau Böhmer einen Ehrenmord nicht von einem Eifersuchtsmord unterscheiden kann dies nicht für ihre Qualifikation spricht. Ebenfalls Fakt ist, dass von der deutschen Gesellschaft sowohl der Ehrenmord als auch der Eifersuchtsmord geächtet wird. Fakt ist aber auch, dass diese sogenannten Ehrenmorde welche in Deutschland verübt werden nicht zwangsläufig den Migranten untergeschoben werden können. Es handelt sich nämlich um Migranten aus dem islamischen Kulturkreis und nicht um die vielen anderen sonstigen Migranten. Es handelt sich also in diesem Zusammenhang wenn man das Wort Migrant verwendet nicht um eine sorgfältige Differenzierung sondern um eine Pauschalisierung die verwendet wird der political correctness zu Liebe. Führt damit aber zu einer Verunglimpfung von anderen Migranten.
    Fakt ist für mich aber auch, dass Sie Herr Senon versuchen, hier Kritik auf der Basis zu üben in dem sie andere schlechte Beispiele anführen, wie Eifersuchtsmorde oder Ehrenmorde in Italien, Spanien usw. Dies macht aber keinen einzigen Ehrenmord der hier in Deutschland passiert besser und stellt allenfalls den Versuch einer Relativierung dar.
    UND, es ist eine Selbstverständlichkeit, dass sich innerhalb der christlichen Verbände zahlreiche Organisationen finden, die sich mit Gewalt an Frauen beschäftigen und diesen zur Seite stehen. Weißer Ring etc pp. Dazu braucht es keinen Aufruf da es bereits verhanden ist. Während sich aber muslimische Frauen in den kaum vorhanden islamischen Einrichtungen die es gibt widerum Repressalien ausgesetzt sehen. Sie können gerne Informationen von Frau Serap Cileli dazu beziehen die sehr mutig versucht wirklich sich dieses Problemes anzunehmen.
    Fazit: Ich halte Ihre Äußerungen zum Thema Ehrenmord genauso sehr unqualifiziert und nicht besonders hilfreich wie die von Frau Böhmer. Es wird an der Sache an sich vorbeigeredet. Mit der eigentlichen Problematik mag sich keiner von Ihnen Beiden scheinbar auseinandersetzen.

  10. Ekrem Senol sagt:

    @ Friede

    Sie haben Recht, wenn Sie von einer Pauschalisierung reden, wenn man Ehrenmorde Migranten zuspricht. Tatsächlich werden Ehrenmorde von bestimmten Migrantengruppen verübt und nicht von allen. Sie ziehen den Kreis aber zu eng, wenn sie Ehrenmorde nur Migranten aus dem islamischen Kulturkreis zuordnen. Dass Migranten auch aus nicht islamischen Kulturkreisen Ehrenmorde begehen, ist Fakt und stelt keine Relativierung des Problems dar. Im Gegenteil: Es zeigt, dass das Problem nicht – wie Sie es selbst auch behaupten – auf eine Religionszugehörigkeit reduziert werden kann, mithin größer ist, als behauptet. Wenn Frau Böhmer aus einem Familiendrama – wie sie täglich in allen Gesellschaftsschichten passieren – ein Ehrenmord macht und dies dann zum Anlass nimmt, Migrantenorganisationen aufzufordern, sie sollten sich mehr gegen Gewalt einsetzen, dann fördert es Vorurteile folgender Art:

    Religion > Islam > rückständig > Unterdrückung der Frau > Zwangsheirat und Ehrenmord
    http://www.migazin.de/2009/04/03/sinus-milieu-studie-offenbart-grose-vorurteile-gegenuber-muslimen/


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