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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Der feine Unterschied

Ein „muslimisches“ Ehrenmord und ein „deutsches“ Familiendrama

In einer Pressemitteilung vom 5. Januar 2009 forderte die Staatsministerin Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Migrantenorganisationen auf, ihren Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zu verstärken. „Respektspersonen aus der Gemeinschaft der Zugewanderten müssen sehr deutlich machen, dass weder Religionen noch Traditionen Gewalt und Unterdrückung von Frauen rechtfertigen.“

Hintergrund dieser Aufforderung ist ein Mordfall aus Harsewinkel im Kreis Gütersloh. Nach türkischen Medienberichten soll die Frau Anfang des Jahres von ihrem Ehemann aus Eifersucht getötet worden sein. Der 26-Jährige Ehemann sei kurzzeitig nach Deutschland gekommen, um seine Frau in die Türkei zu holen. Die 18-Jährige habe dieses Ansinnen jedoch vermutlich abgelehnt und sich stattdessen von ihm trennen wollen. „Ich bin entsetzt über dieses Verbrechen“, erklärte Maria Böhmer. „Für so genannte Ehrenmorde darf es in unserem demokratischen Rechtsstaat keine mildernden Umstände geben. Die Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen endet dort, wo Menschenrechte und Gleichberechtigung missachtet werden“.

Der Fall wurde auch vereinzelt von der deutschen Presse aufgegriffen. Alle Medienberichte – ob türkisch oder deutsch – haben gemeinsam, dass die Tat als Eifersuchts- oder Beziehungsdrama bezeichnet wird. Nur Frau Böhmer meint, ein „Ehrenmord“ zu erkennen.

Der Begriff „Ehrenmord“ hatte nach dem Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü im Februar 2005 Hochkonjunktur in Deutschland. Nahezu die gesamte Medienlandschaft berichtete fast täglich darüber. Nicht weil es einen Anstieg dieser Schandtaten gab, sondern weil Regierungsmitglieder – darunter auch Frau Maria Böhmer – sich fast täglich veranlasst sahen, sich darüber zu äußern. Der Begriff „Ehrenmord“ ist seit dem untrennbar mit der Herkunft des Täters verbunden. Stammt der Täter aus einem muslimischen Land, werden Fälle, die, wenn sie von einem Deutschen verübt worden wären, üblicherweise als Familiendrama bezeichnet werden, fortwährend als Ehrenmorde tituliert.

Die Konzentration auf muslimische Täter wiederum führte bei der Mehrheitsgesellschaft zu der Annahme, Ehrenmorde seien tatsächlich muslimisch religiös bedingt. So wurden muslimische Männer in den Augen der Mehrheitsgesellschaft peu à peu zu gewalttätigen Patriarchaten und deren Frauen und Töchter zu bemitleidenswerten Opfern. Gegen die Verbreitung dieses äußerst verzerrten Bildes wurde selbstverständlich mit Kritik begegnet. Selbst Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, räumte Mitte 2008 eine gewisse Doppelmoral in den Medien ein. Der Mord an einer Frau eines Türken werde als “Ehrenmord” bezeichnet, während der deutsche Ehemann meist aus “Eifersucht” handele.

Die Medien scheinen über die Jahre verstanden zu haben, dass die Linie zwischen einem Mord aus verletzter Ehre und Eifersucht hauchdünn ist, wenn nicht sogar derart miteinander vermengt, dass eine Unterscheidung kaum möglich ist. Letzten Endes dürften die Mordmotive, ob „Ehre“ oder „Eifersucht“, wohl kaum von großer Bedeutung sein. Viel wichtiger ist die Tat und der Taterfolg, die meist ähnlich sind: Ein Mann sticht auf eine Frau ein, die stirbt.

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50 Kommentare
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  1. Ekrem Senol sagt:

    @ Ragtimer

    Ich halte die Unterscheidung von Mordmotiven ebenfalls für wichtig. Wogegen ich mich in meinem Artikel sträube ist, dass Millionen Muslime in diesem Land unter Generalverdacht gestellt werden. Über Verhältnisse in Familien, in denen Ehrenmorde möglich sind, bruachen wir uns nicht zu unterhalten. Ich kann es ebensowenig nachvollziehen.

    Wenn aber ein Fall kein Ehrenmord war, finde ich es unverantwortlich, daraus eins zu konstruieren. Die Folgen habe ich versucht, im folgenden Beitrag zu erläutern.

    http://www.migazin.de/2009/02/23/familiendrama-vs-ehrenmord-in-der-deutschen-presselandschaft/

  2. Heinrich sagt:

    Wer aus einem brutal übersteigerten, egoistischen „Ehrvorstellung“ (Eine niedrigster sittlicher Stufe) heraus seine Schwester – oder Tochter, Frau – tötet, damit sie nicht so frei leben kann, wie sie das will, der muss für immer ins Gefängnis. Und das ist gut und richtig so.

  3. Ekrem Senol sagt:

    @ Heinrich

    Darüber, ob „Ehrvorstellung“ die niedrigste sittliche Stufe ist, kann man sicherlich streiten. Ansonsten sind wir einer Meinung.

  4. Ozan sagt:

    Eine interessante Studie des BKA zum Thema „Ehrenmord“:

    http://www.bka.de/pressemitteilungen/2006/pm190506.html

    PS: Jedes Jahr gibt es schätzungsweise 5000 Ehrenmorde weltweit: von einem Problem des Islams mit Ehrenmorden kann mithin nicht im geringsten die Rede sein, hält man sich die Zahl derer, die dem Islam angehören vor Augen.
    Niemand käme beispielsweise auf die Idee den Deutschen und dem Christentum per se ein Problem mit Kindern zu bescheinigen, nur weil es jährlich mehr als 300 000 Kindesmißbräuche gibt, allein in Deutschland wohlgemerkt.

  5. Heinrich sagt:

    @ Ekrem Senol

    Ich zitiere Ihnen zum Mordmerkmal „niedrige Beweggründe“ mal aus dem Tröndle/Fischer (auflagenstärkster Kommentar zum StGB), 54. A. § 211 Rn 9ff: Die herrschende Meinung versteht unter diesem Begriff solche Motive, die sittlich auf niedrigster Stufe angesiedelt sind und nach den Wertmaßstäben des deutschen Kulturkreises besonders verwerflich oder gar verachtenswert sind. … Auch ein sogenannter „Ehrenmord“ kann unter „sonstige niedrige Beweggründe“ subsumiert werden, da zur Bestimmung dieses Mordmerkmals (nach anfänglich anderer Wertung) nun nicht mehr der ausländische, sondern der inländische Kulturkreis entscheidend ist.

    Ob eine Tat auf niedrigster sittlicher Stufe steht, muss sich nach unsrern Wertvorstellungen beurteilen. Wer seine Schwester brutal ermordet, regelrecht hinrichtet, ihr das Lebensrecht abspricht, weil sie sich schminkt, westlich anzieht und so leben will, wie es für jedes deutsche Mädchen selbstverständlich ist, dessen Tat wäre wahrscheinlich auch von der Schwurgerichtskammer, der ich früher mal angehörte, nur als Mord geahndet worden.

  6. Ekrem Senol sagt:

    @ Ozan

    Vielen Dank für den intressanten Link! Die Studie bietet viele brauchbare Informationen und Zahlen. Jeder, der sich nicht nur oberfläschlich mit der Problematik beschäftigt, erkennt schnell, dass Pauschalisierung fehl am Platz ist. Leider werden diese Fälle Seitens der Medien derart serviert, als wären sie alltäglich. Alltäglich sind hingegen, wie Sie zutreffend ausführen, ganz andere Fälle, die aber allem Anschein nach weniger interessieren.

  7. Krischan Piepengruen, OStR sagt:

    „Wie aber soll das alles verwirklicht werden, wenn beispielsweise ein Ahmet von seinem deutschen Nachbarn Klaus mit Argwohn betrachtet wird, nur weil er Muslim ist? Dies gilt es zu verhindern. Ihre Aufgabe ist es, Ahmet und Klaus einander näher zu bringen, deren Verständnis füreinander zu fördern.“

    Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten, dass es nicht mehr als einen Achmed gibt, der seinen Nachbarn Klaus mit Argwohn betrachten, weil er kein Moslem ist?

    Solange „Scheiß-Deutscher“ (neben „Jude!“) das Lieblingsschimpfwort von türkischen Problemjugendlichen ist, würde ich meine Aufgabe als türkischer Journalist eines Blogs für Migrantenprobleme darin sehen, eben diesen türkischen Jugendlichen klarzumachen, wo sie hier eigentlich leben!

    Davon finde ich in Ihrem Blog herzlich wenig.
    Warum eigentlich?
    Ich lese immer nur, wie wir Deutsche uns zu verhalten hätten.
    Warum eigentlich?

  8. Ekrem Senol sagt:

    @ Heinrich

    § 211 Abs. 2 Var. 4 StGB kennt eine Reihe von „Beweggründen“, die nach allgemeiner sittlicher Anschauung auf tiefster Stufe stehen: Hass, Eifersucht, Rassenhass, Ausländerfeindlichkeit etc. (vgl. Lackner/Kühl (Fn. 3), § 211 Rn. 5 a.). Welches von diesen Beweggründen nun am tiefsten – im Sinne einer Superlative – einzustufen ist – so habe ich Sie jedenfalls verstanden, dürfte von Fall zu Fall und von Person zu Person unterschiedlich bewertet werden, daher streitig. Für mich beispielsweise ist das Mord „zur Befriedigung des Geschlechtstriebs“ kaum zu überbieten, wenn ein Kind das Opfer ist.

  9. Ekrem Senol sagt:

    @ Krischan Piepengruen, OStR

    Zunächst einmal vielen Dank für das aufmerksame Lesen des MiGAZIN. Nun zu Ihren Fragen, die nicht doppelt aufführen möchte:

    Warum eigentlich?

    Ohne bestehende Probleme kleinreden zu wollen, bevorzuge ich es über Themen zu schreiben, die nicht täglich im Mainstream zu finden sind. Wenn Sie über türkische Problemjugendliche lesen wollen, haben Sie sicher keine Problem damit, die gewünschte Lektüre am Zeitungsstand zu finden.

    Wir werden uns hier sicherlich auch mit „Ihren“ Themen befassen, selbstkritisch sein, wo es erforderlich ist, da uns eine Verbesserung der Gesamtsituation am Herzen liegt. Allerdings wollen wir nicht den Mainstream kopieren, sondern eine andere, eine weitere Perspektive bieten. Wenn Sie ebenfalls an einer Verbesserung interessiert sind, sollten Sie hier öfter lesen. Möglicherweise gibt es den einen oder anderen Denkanstoß.

  10. Robert Groenewold sagt:

    Nochmal:

    In westlichen Ländern, auch in nicht-christlichen westlichen Ländern wie z.B. Japan, dürfen junge Frauen ein „Liebesleben in eigener Regie“ haben, dürfen einen Freund haben, sich verabreden zum Tanzen usw usf.

    Im islamischen Kulturkreis ist das nicht vorgesehen, die Frau darf nur den Mann heiraten, den ihre Familie ihr „vorschlägt“. Eine andere Chance je zu einem Ehe- und schlussendlich dann auch Sexualpartner zu kommen haben Frauen im islamischen Kulturkreis ja nicht.

    Und, wie ich weiter oben schon dargelegt hatte. die Familie wiederum steht unter dem peramanenten „Namus“-Druck ihres sozialen Umfeldes, und das ist himmelweit von deutschen „Familiendramen“ entfernt, wo niemals ein Mord als „ehrenhafte Tat“ gewertet wird.


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