
Brexit-Bilanz
Weniger EU-Bürger, mehr Einwanderung: London diskutiert Konsequenzen
Mit dem Brexit wollte Großbritannien die Einwanderung stärker kontrollieren. Er veränderte Migration aber anders als erwartet. Zehn Jahre nach dem Referendum stellt Premierminister Burnham nun eine zentrale Brexit-Entscheidung zur Diskussion.
Montag, 26.10.2026, 15:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 26.10.2026, 15:23 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum stellt der britische Premierminister Andy Burnham eine der zentralen Entscheidungen des EU-Austritts wieder zur Diskussion: die europäische Personenfreizügigkeit. Er will eine offene Debatte über ihre mögliche Wiedereinführung führen. Seine Begründung: Die Einwanderung nach Großbritannien habe sich seit dem Brexit grundlegend verändert. Die frühere EU-Migration sei in mancher Hinsicht leichter zu bewältigen gewesen.
Viele EU-Bürger seien früher für einige Jahre zum Arbeiten gekommen und anschließend wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt, sagte Burnham der Sunday Times. Heute würden sich dagegen mehr Menschen dauerhaft in Großbritannien niederlassen. Er forderte eine „ehrliche Diskussion“ über die Folgen des Brexit und das künftige Verhältnis zur EU.
Brexit sollte Einwanderung begrenzen
Die Kontrolle über die Einwanderung gehörte zu den wichtigsten Versprechen der Brexit-Befürworter. Beim Referendum im Juni 2016 stimmte eine knappe Mehrheit für den EU-Austritt. Großbritannien verließ die Europäische Union im Januar 2020, die Personenfreizügigkeit endete nach einer Übergangsphase zum Jahreswechsel 2020/2021. Seither benötigen neu einreisende EU-Bürger für die meisten Beschäftigungen ein Arbeitsvisum.
Doch die Entwicklung verlief anders als von vielen Brexit-Befürwortern erwartet. Nach dem Ende der Freizügigkeit stieg die Nettozuwanderung zunächst auf historische Höchststände. Nach revidierten Zahlen des britischen Statistikamtes ONS erreichte sie im Zwölfmonatszeitraum bis März 2023 rund 944.000 Menschen.
Regierung sorgte für Migrationsrekorde
Der Anstieg war allerdings keine zwangsläufige Folge des Brexit. Die damalige konservative Regierung unter Boris Johnson schaffte zwar die Freizügigkeit für EU-Bürger ab, erleichterte gleichzeitig aber die Einreise für zahlreiche Beschäftigte aus Drittstaaten. Besonders stark wuchs die Anwerbung von Pflegekräften. Hinzu kamen internationale Studierende, Familienangehörige sowie Menschen, die über besondere Aufnahmeprogramme aus der Ukraine und Hongkong einreisten.
Die Migrationsforscherin Madeleine Sumption von der Universität Oxford kommt in einer Analyse zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum zu dem Ergebnis, dass der starke Anstieg wesentlich auf Entscheidungen der britischen Regierungen zurückging. Großbritannien hatte mit dem EU-Austritt größere Möglichkeiten zur Steuerung der Einwanderung gewonnen – und nutzte sie zunächst.
Weniger Europäer, mehr Menschen aus Drittstaaten
Inzwischen ist die Nettozuwanderung nach verschärften Visaregeln wieder deutlich gesunken. Für 2025 weist das Statistikamt einen Wanderungsüberschuss von 171.000 Menschen aus. Das ist weniger als ein Fünftel des Höchststands von 2023.
Grundlegend verändert hat sich jedoch die Herkunft der Zugewanderten. Während bei EU-Bürgern und weiteren europäischen Staatsangehörigen im Jahr 2025 rund 42.000 Menschen mehr aus- als einwanderten, lag der Wanderungsüberschuss bei Menschen aus Nicht-EU-Staaten bei rund 350.000. Hinzu kam eine Nettoabwanderung britischer Staatsangehöriger.
Politischer Streit über die Freizügigkeit
Burnhams Vorstoß stößt in der britischen Politik auf unterschiedliche Reaktionen. Wohnungsbauministerin Angela Rayner unterstützt eine offene Diskussion über das Verhältnis zur EU. Die oppositionellen Konservativen und die migrationskritische Partei Reform UK lehnen eine Rückkehr zur Freizügigkeit ab. Sie verweisen auf das Brexit-Referendum und das Versprechen, die Einwanderung eigenständig zu kontrollieren.
Am Montag schränkte Burnham seinen Vorstoß allerdings ein. Wie er in einem Interview mit dem Sender ITV erklärte, werde er die Freizügigkeit nicht ohne Volksabstimmung wieder einführen. Während der laufenden Legislaturperiode wolle er zudem an den bisherigen Brexit-Festlegungen seiner Labour-Partei festhalten.
EU-Großbritannien-Gipfel im November
Konkreter werden könnten zunächst begrenzte Erleichterungen. Beim EU-Großbritannien-Gipfel am 20. November in Brüssel soll über eine engere Zusammenarbeit gesprochen werden, auch in Migrationsfragen. Verhandelt wird unter anderem über ein Programm, das jungen Menschen zeitlich begrenzte Aufenthalte zum Arbeiten und Studieren ermöglichen soll. Eine Einigung steht noch aus.
Mit der früheren EU-Freizügigkeit wäre ein solches Programm nicht vergleichbar. Sie ermöglichte EU-Bürgern grundsätzlich, ohne Arbeitsvisum in Großbritannien zu leben und zu arbeiten – und Briten umgekehrt in den EU-Staaten. Zehn Jahre nach dem Brexit steht dieses Recht damit erstmals wieder ausdrücklich zur politischen Diskussion. (mig) Aktuell Ausland
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