
Patientensicherheit
Warum Putzhilfen im Krankenhaus nicht dolmetschen sollten
Sprachbarrieren betreffen einer Forschungsgruppe zufolge zehn Prozent aller Patientenkontakte in Deutschland. Sie fordern, professionelle Verständigung in der Gesundheitsversorgung. Die Politik dürfe nicht weiter auf die Übersetzung von Kindern und Reinigungskräften setzen.
Montag, 28.09.2026, 15:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 28.09.2026, 15:25 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Wenn Ärzte ihre Patienten nicht verstehen, kann das Folgen haben: Missverständnisse, unnötige Untersuchungen oder im schlimmsten Fall eine falsche Diagnose. Sprachbarrieren sind im deutschen Gesundheitswesen keine Seltenheit. Einer internationalen Forschungsgruppe zufolge sind hierzulande rund zehn Prozent aller Patientenkontakte davon betroffen.
Die Experten fordern in einer gemeinsamen „Hamburger Erklärung“, Mehrsprachigkeit nicht länger als Ausnahmefall zu behandeln. Sprachliche Verständigung müsse vielmehr fester Bestandteil einer professionellen Gesundheitsversorgung werden. Sprachbarrieren seien besonders in der psychosozialen Versorgung, wo Gespräche selbst ein wichtiges Instrument für Diagnose und Therapie seien, ein großes Risiko.
Wenn Angehörige und Reinigungskräfte übersetzen
Bislang wird nach Einschätzung der Forschenden vielerorts improvisiert. Beschäftigte im Gesundheitswesen seien häufig auf Angehörige, Reinigungskräfte oder andere nicht ausgebildete Personen als Dolmetscher angewiesen. Teilweise kämen auch digitale Übersetzungsprogramme zum Einsatz, deren Qualität insbesondere bei seltener gesprochenen Sprachen begrenzt sei. Strukturelle Lösungen und ein ausreichendes Problembewusstsein fehlten vielerorts.
Problematisch ist nach Angaben der Wissenschaftler auch, wenn Kinder für ihre Eltern übersetzen müssen. Dies komme in Gesundheitseinrichtungen regelmäßig vor und könne für die betroffenen Kinder gravierende Folgen haben, sagte Barbara Schouten von der Universität Amsterdam. Die „Hamburger Erklärung“ fordert ausdrücklich, den Einsatz von Kindern als Dolmetscher in Gesundheitseinrichtungen zu verhindern.
Auch mehrsprachige Beschäftigte springen demnach häufig ein. So könnten beispielsweise Reinigungskräfte, Service- oder Sicherheitsmitarbeiter über Sprachkenntnisse verfügen, die dem medizinischen Personal fehlen. Oft seien diese Beschäftigten jedoch weder für das Dolmetschen ausgebildet noch würden sie dafür zusätzlich bezahlt. Die Erklärung empfiehlt deshalb Schulungen, Betreuung und eine zusätzliche Vergütung, wenn Beschäftigte regelmäßig solche Aufgaben übernehmen.
Politik soll Dolmetschdienste finanzieren
Erarbeitet wurde die „Hamburger Erklärung“ im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts „Multilingualism in Providing Quality Mental Health Care to Migrants – Needs, Resources and Practices“ (MiM2M). Beteiligt waren Wissenschaftler aus Deutschland, den Niederlanden, Rumänien und Südafrika.
Die Forschenden sehen dabei nicht allein Ärzte und Kliniken in der Verantwortung. Auch die Politik müsse die Voraussetzungen für eine mehrsprachige Gesundheitsversorgung schaffen. Die Erklärung fordert rechtliche und organisatorische Regelungen sowie ausreichende Mittel für professionelle Dolmetschdienste. Zudem sollten entsprechende Ausbildungen gefördert werden.
Modelle zeigen, wie es gehen kann
Dass solche Angebote möglich sind, zeigen nach Angaben der Projektverantwortlichen bereits einzelne Modelle. So gibt es für die 77 Kliniken des hessischen Gesundheitsunternehmens Vitos ein eigenes Dolmetschsystem. In Hamburg können niedergelassene Ärzte sowie Psychotherapeuten den Angaben zufolge kostenlos professionelle Dolmetscher hinzuziehen. Vorgestellt wurde zudem eine Gruppenpsychotherapie, bei der bis zu fünf professionelle Dolmetscher eingesetzt werden.
„Es braucht dringend strukturelle Verbesserungen im Gesundheitswesen – insbesondere einen flächendeckenden Zugang zu qualifizierten Dolmetschern“, erklärte Jana Husemann, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hamburg. Damit könnten Missverständnisse, unnötige Untersuchungen und Fehldiagnosen vermieden werden.
Sprachliche Verständigung als Patientensicherheit
Ein vergleichsweise einfacher Schritt wäre aus Sicht der Forschenden bereits, die bevorzugte Sprache von Patienten systematisch in deren Basisdaten zu erfassen. Einrichtungen sollten außerdem wichtige Unterlagen wie Einwilligungserklärungen und Informationsmaterialien professionell in häufig benötigte Sprachen übersetzen und Beschäftigte für Gespräche mit Dolmetschern schulen.
Die Hamburger Erklärung versteht sprachliche Verständigung dabei nicht als freiwillige Zusatzleistung. Sie bezeichnet den sprachlichen Zugang vielmehr als Teil der Infrastruktur für klinische Sicherheit. Unterstützt wird die Erklärung unter anderem von der Bundespsychotherapeutenkammer, dem Aktionsbündnis Patientensicherheit, dem Deutschen Roten Kreuz, Save the Children Deutschland und dem Bundesverband der Netzwerke von Migrantenorganisationen. (mig) Aktuell Panorama
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