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Schule (Symbolfoto) © de.depositphotos.com

Geduldsfach

Mehr als 20 Jahre Versuchsbetrieb für muslimische Schüler

Aus dem Modell sollte längst Regelbetrieb geworden sein. Stattdessen reicht die Palette bis heute von staatlicher Islamkunde bis zur provisorischen Trägerschaft. Trotzdem besuchen mehr muslimische Schüler islamischen Religionsunterricht – in absoluten Zahlen.

Donnerstag, 17.09.2026, 10:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 17.09.2026, 9:31 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Mehr als zwei Jahrzehnte nach den ersten Modellversuchen gibt es in Deutschland noch immer keinen flächendeckenden, institutionell gleichgestellten islamischen Religionsunterricht. Während christlicher Religionsunterricht seit Jahrzehnten zum regulären Schulangebot gehört, hängt es für muslimische Schülerinnen und Schüler stark vom Wohnort ab, ob und in welcher Form sie ihre Religion als Schulfach kennenlernen können.

Das schlägt sich auch in den Teilnehmerzahlen nieder. Nach einer aktuellen Recherche des Mediendienstes Integration besuchen bundesweit rund 84.000 Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen islamischen Religionsunterricht oder Islamkunde. Damit hat sich ihre Zahl seit 2015 zwar etwa verdoppelt. Gemessen an der Zahl muslimischer Schülerinnen und Schüler bleibt der Anteil jedoch gering.

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Sieben Millionen Muslime in Deutschland

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) lebten 2015 rund 4,7 Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland. Im vergangenen Jahr schätzte das Bamf die Zahl der muslimischen Religionsangehörigen mit Migrationshintergrund aus islamisch geprägten Herkunftsländern in Deutschland auf zwischen 6,6 und 7 Millionen.

Im Saarland besuchen der Recherche zufolge lediglich zwei Prozent der muslimischen Schülerschaft den Islamunterricht, in Niedersachsen knapp vier Prozent und in Nordrhein-Westfalen sieben Prozent. Bayern erreicht mit rund 15 Prozent einen deutlich höheren Anteil – bietet allerdings keinen bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht, sondern einen staatlich verantworteten Islamunterricht.

Fünf Länder ganz ohne Angebot

Ein wesentlicher Grund für die niedrigen Zahlen liegt im Angebot selbst. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es überhaupt keinen Islamunterricht. In Bayern und Schleswig-Holstein wird Islamkunde beziehungsweise Islamunterricht in staatlicher Verantwortung angeboten. Religionsgemeinschaften bestimmen dort nicht wie beim klassischen Religionsunterricht die religiösen Grundsätze des Fachs mit. Es handelt sich damit nicht um bekenntnisorientierten Religionsunterricht im Sinne des üblichen Modells nach dem Grundgesetz.

Auch in anderen Bundesländern ist der islamische Religionsunterricht vielfach über Sonder-, Übergangs- oder Modellkonstruktionen organisiert. Rheinland-Pfalz und das Saarland arbeiten weiterhin mit Modellangeboten. Rheinland-Pfalz hat zwar inzwischen Verträge mit islamischen Religionsgemeinschaften geschlossen und bereitet einen weiteren Ausbau vor. Nordrhein-Westfalen wiederum stützt seinen islamischen Religionsunterricht auf eine besondere gesetzliche Übergangsregelung. Diese wurde zuletzt bis zum 31. Juli 2031 verlängert.

Besonders deutlich wird das Provisorium in Baden-Württemberg. Dort wurde nach jahrelangem Modellbetrieb 2019 die öffentlich-rechtliche Stiftung Sunnitischer Schulrat geschaffen. Die Stiftung bezeichnet sich selbst als „Surrogat einer sunnitischen Religionsgemeinschaft“. In ihrer Satzung ist ausdrücklich von einer „provisorischen Trägerschaft“ des sunnitischen Religionsunterrichts die Rede.

Nicht die Nachfrage ist das Problem

Die Politik verweist auf die organisatorischen Besonderheiten des Islams. Das erschwere den Aufbau eines Angebots. Anders als die großen Kirchen verfügt der Islam über keine zentrale Organisationsstruktur. Zudem gibt es seit Jahren Auseinandersetzungen darüber, welche Verbände als Religionsgemeinschaften anerkannt werden können und wie groß ihr Einfluss auf Lehrpläne und Lehrkräfte sein darf.

Diese Schwierigkeiten erklären einen Teil der Entwicklung. Sie erklären jedoch kaum, warum zahlreiche Lösungen auch mehr als 20 Jahre nach den ersten Versuchen noch Modell-, Übergangs- oder Ersatzcharakter haben. Das Grundgesetz unterscheidet beim Religionsunterricht nicht danach, ob Schülerinnen und Schüler christlichen, jüdischen oder muslimischen Glaubens sind – und fordert Gleichbehandlung.

Vertrauen ist entscheidend

Hinzu kommt ein Vertrauensproblem. Gerade wenn der Staat bei einem bekenntnisorientierten Fach besonders stark in die Lehre eingreift oder Religionsgemeinschaften nur über Sonderkonstruktionen beteiligt werden, kann bei muslimischen Eltern der Eindruck entstehen, dass ihrem Bekenntnis mit größerem Misstrauen begegnet wird als anderen Religionen.

Hinweise darauf liefert eine 2025 veröffentlichte Untersuchung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Für die qualitative Studie wurden zwischen 2020 und 2024 Eltern, Lehrkräfte und Vertreter muslimischer Organisationen in sechs Bundesländern befragt. Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass mangelnde Transparenz und starke staatliche Eingriffe von muslimischen Akteuren als Zeichen von Skepsis wahrgenommen werden können. Wahrgenommene Diskriminierung und fehlende gesellschaftliche Anerkennung des Islams könnten das Vertrauen in staatliche Bildungsinstitutionen zusätzlich beeinträchtigen.

Umgekehrt zeigen Evaluationen, dass regulär angebotener islamischer Religionsunterricht bei Schülerinnen, Schülern und Eltern durchaus auf Zustimmung stößt. Das spricht dafür, dass nicht der Religionsunterricht als solcher das zentrale Problem ist, sondern auch die Frage, wie verlässlich, transparent und gleichberechtigt er organisiert wird.

Islamwissenschaftler fordert Ausbau

Der Erlanger Islamwissenschaftler Mathias Rohe fordert deshalb einen weiteren Ausbau des islamischen Religionsunterrichts. Nötig seien insbesondere mehr Stellen und mehr entsprechend ausgebildete Lehrkräfte. Angesichts der großen Zahl muslimischer Schülerinnen und Schüler reiche das bestehende Angebot nicht aus.

Rohe sieht darin auch eine Antwort auf problematische Angebote von Extremisten im Internet. Kinder und Jugendliche könnten im schulischen Religionsunterricht lernen, sich kritisch mit religiösen Aussagen auseinanderzusetzen und Online-Propaganda etwas entgegenzusetzen. (mig) Aktuell Panorama

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