
Nachwirkungen
25 Jahre nach 9/11: USA erinnern an Opfer und Folgen
Die Erinnerung an 9/11 ist unvollständig, wenn sie bei Heldentum und Zusammenhalt endet. Auf die Anschläge folgten Kriege, Gewalt und Argwohn gegen Muslime – und ein Sicherheitsapparat, der heute auch Trumps Abschiebepolitik trägt.
Von Konrad Ege Mittwoch, 09.09.2026, 18:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 09.09.2026, 18:24 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Am 11. September jähren sich die Terroranschläge von 2001 in den USA zum 25. Mal. 19 Terroristen des Netzwerks Al-Kaida entführten vier Passagierflugzeuge, steuerten zwei in das World Trade Center in New York und eines in das Pentagon bei Washington. Die vierte Maschine – United-Airlines-Flug 93 – stürzte in Pennsylvania ab. Ein Vierteljahrhundert danach vermisst man jedoch in den politisch gespaltenen USA den damals von vielen empfundenen gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Feierlichkeiten sind wie an jedem Jahrestag geplant. In Manhattan – am früheren Standort der Zwillingstürme des Welthandelszentrums – werden im Beisein hochrangiger Regierungsvertreter die Namen der fast 3.000 Menschen verlesen, die ums Leben gekommen sind. US-Präsident Donald Trump wurde ursprünglich in New York erwartet, hat sich einem Bericht der „New York Times“ zufolge inzwischen jedoch entschieden, stattdessen an der Gedenkfeier im Pentagon teilzunehmen. Ein Grund sei der Umstand, dass beim Gedenken am Ground Zero Politiker keine Reden halten dürfen, Trump dort jedoch angeblich sprechen wollte. Die New Yorker Veranstalter betonen seit 25 Jahren den politisch neutralen Charakter des Gedenkens.
Im Pentagon, dem Hauptquartier des damaligen Verteidigungsministeriums, das heute offiziell Kriegsministerium heißt, kommen Angehörige und Militärs zu einer Gedenkveranstaltung zusammen. Auch nahe Shanksville im Bundesstaat Pennsylvania wird an die Opfer erinnert. Dort stürzte United Airlines Flug 93 ab – die vierte von Terroristen entführte Maschine. Passagiere und Besatzungsmitglieder hatten zuvor versucht, die Entführer zu überwältigen.
„Oh my God“
Rückblicke beginnen gerne mit dem Satz: Der 11. September 2001 war ein sonniger Herbsttag. Erste Fernsehberichte wenige Minuten vor neun Uhr Ortszeit waren unsicher: Ist es ein Großbrand? Bilder zeigten Rauchwolken. Es gebe unbestätigte Berichte von einem Flugzeug. Dann plötzlich eine erschrockene Ansage, „Oh my God, ein zweites Flugzeug ist in ein anderes Gebäude geflogen“.
Die Türme stürzten ein. Menschen flohen durch graue Staubwolken. Fassungslose Menschen schrien vor Entsetzen. Feuerwehrsirenen heulten. Medien und Politik waren sich schnell einig: Es sei ein „Angriff auf Amerika“. 25 Jahre später soll das Ereignis nicht in der Geschichte versinken. „Einhundert Millionen Amerikaner sind zu jung, um sich an diesen Tag zu erinnern, der unsere Stadt und unsere Nation für immer verändert hat“, fasst die 9/11-Gedächtnisstätte in New York zusammen. Eine neue Generation müsse aus dem Verlust lernen und sich an den „inspirierenden Geschichten“ von Tapferkeit, Mitgefühl und Zusammenhalt orientieren.
Fast 750 Menschen an 9/11-bedingten Erkrankungen gestorben
Mit inspirierend sind vornehmlich die Ersthelfer gemeint. Erinnerungen konzentrieren sich auf Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten, die unter Lebensgefahr in die Gebäude gestürmt sind. New Yorks Feuerwehr veranstaltet deshalb eine besondere Gedenkfeier, um der 343 getöteten Feuerwehrleute und Sanitäter zu gedenken – sowie der mehr als 400 anderen Angehörigen der Behörde, die seither an 9/11-bedingten Erkrankungen gestorben sind.
Der Umgang mit dem Jahrestag hat zudem eine zusätzliche politische Komponente gewonnen. Es wird auch daran erinnert, dass vor fünf Jahren – im August 2021 – die letzten US-Streitkräfte aus Afghanistan abzogen, nach beinahe zwanzig Jahren Krieg gegen die Taliban. Der damalige republikanische Präsident George W. Bush hatte den Krieg nach den Terroranschlägen vom 11. September ausgerufen. Was anfangs viel Beifall bekam, verlor zunehmend Zustimmung. Trump hatte die Demokraten wegen des Abzugs scharf attackiert.
Tochter von totem Feuerwehrmann für gewaltfreie Konfliktlösung
Elizabeth Miller aus Port Jervis in New York war sechs Jahre alt, als ihr Vater Douglas Miller ums Leben kam. Er war einer der Feuerwehrmänner, die damals in das World Trade Center rannten, erzählte Miller dem Evangelischen Pressedienst (epd). In ihren Augen war er ein Held, doch auch ein liebender Vater, der gerne gesungen und für seine Familie Probealarme veranstaltet hat. Miller leitet heute den Verband „September 11th Families for Peaceful Tomorrows“, der sich für gewaltfreie Konfliktlösung einsetzt.
Sie habe Probleme damit, dass Politiker vorgäben, sie handelten im Namen der 9/11-Familien. Es stimme wohl, dass manche Familien sich repräsentiert fühlen, „doch sie haben uns nicht gefragt“. Sie hofft, dass man sich am Jahrestag nicht nur an die Tragödie erinnert, sondern auch an das, was danach passiert ist, vor allem an die Kriege mit den vielen Opfern. Mehr als 2.400 US-Soldaten starben im Afghanistan-Krieg.
Argwohn und Gewalt gegen Muslime nach Anschlägen
Die Zeit nach 9/11 war eine Zeit des Argwohns und der Gewalt gegen Muslime. Vorurteile sind geblieben. Heute ist der Muslim Zohran Mamdani Bürgermeister von New York City. Für Aufsehen sorgt aktuell eine angeblich von Zehntausenden unterzeichnete Petition, Mamdani solle nicht zu den Feierlichkeiten zum Jahrestag kommen. Es gebe „Besorgnis“, wird unscharf formuliert. Mamdani habe „Verbindungen“ zu Individuen, die „extremistische Ideologien“ nicht kritisch genug betrachteten, heißt es vorsichtig.
In der Folge der Anschläge verschärften die USA ihre Sicherheitsvorkehrungen massiv. Als Reaktion wurde das US-Heimatschutzministerium geschaffen, dessen Jahresbudget inzwischen bei mehr als 100 Milliarden US-Dollar liegt. Zu dem Ministerium gehört auch die Einwanderungsbehörde ICE. Sie soll unter Präsident Donald Trump mit teils rabiaten Einsätzen die von ihm angekündigte größte Abschiebekampagne in der Geschichte der USA umsetzen. (epd/mig) Aktuell Ausland
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