
25 Jahre Sippenhaft
Auf 9/11 folgte Generalverdacht gegen Muslime
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erlebten viele Muslime in Deutschland Misstrauen, Ausgrenzung und pauschale Verdächtigungen. Die Folgen reichten von Diskriminierung im Alltag bis zur staatlichen Rasterfahndung – und wirken gesellschaftlich bis heute nach.
Von Karsten Packeiser Dienstag, 08.09.2026, 11:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 08.09.2026, 11:28 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
„In der Schule wurden Kinder gefragt, ob ihre Eltern auch Terroristen sind“, erinnert sich die Psychologin Malika Laabdallaoui. Die gebürtige Marokkanerin ist Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Rheinland-Pfalz und berichtet über die Monate nach dem 11. September 2001, als sich unter dem Eindruck der apokalyptischen Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers in New York eine Welle von Angst, Misstrauen und Vorurteilen in ganz Deutschland breitmachte: „Für Muslime war das eine sehr aufgewühlte Zeit und ein Wendepunkt, alle standen plötzlich unter Generalverdacht.“
Rassismus hätten Zuwanderer aus islamischen Ländern in der Bundesrepublik bereits vor 2001 erlebt, stellt sie klar. Aber plötzlich sei es gesellschaftlich allgemein akzeptiert gewesen, in jedem Muslim einen Täter und Extremisten zu sehen. „Ein Freund hatte sich beim Flughafen beworben und bereits eine Zusage erhalten, aber plötzlich bekam er ohne Angabe von Gründen wieder eine Absage“, erinnert sich Laabdallaoui. „Ein anderer Freund war bei einer Unternehmensberatung, und auf einmal wurden ihm die Projekte entzogen, bis er von selbst kündigte.“
Verfassungsgericht muss Rasterfahndung stoppen
Schon bald nach den Anschlägen wurde klar, dass die Terroristen des 11. Septembers ausgerechnet in Deutschland mit den Vorüberlegungen für die Angriffe begonnen hatten. Drei der vier Selbstmordpiloten gehörten zur sogenannten „Hamburger Terrorzelle“ um Mohammed Atta. In der Folge starteten die deutschen Sicherheitsbehörden beispiellose Ermittlungen. Tausende völlig unbescholtene junge Männer gerieten im Zuge einer Rasterfahndung ins Visier der Polizei – weil sie Muslime waren oder für solche gehalten wurden. Keine einzige terroristische „Schläferzelle“ konnte dabei enttarnt werden. Erst 2006 setzte das Bundesverfassungsgericht dem Vorgehen ein Ende.
„Mit den beiden Türmen stürzten an diesem Tag nicht nur Gebäude ein“, sagt der Exil-Iraner Behrouz Asadi, der jahrzehntelang für die Flüchtlingshilfe der Malteser tätig war. Nach dem Terrorangriff auf die Vereinigten Staaten wurde es für ihn schwierig, über Flucht und Integration zu sprechen: „Besonders problematisch war und ist, dass gerade Menschen, die selbst vor islamistischen oder religiös begründeten politischen Systemen und Ideologien fliehen – beispielsweise aus dem Iran oder aus Afghanistan – hier teilweise mit genau diesen Ideologien gleichgesetzt werden.“
Muslim als Referent über den Islam unerwünscht
Ähnliche Erfahrungen machte auch der Theologe Jürgen Micksch, ehemaliger Ausländerbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und einer der Pioniere des interkulturellen Dialogs in der Bundesrepublik. Er war 2001 ein gefragter Referent zum Thema Islam, erlebte in dieser Rolle aber auch Anfeindungen und Unwissenheit. Zu einem Wendepunkt für ihn wurde ein Telefonat mit einer Schule, als er vorschlug, einen muslimischen Freund als Referenten zu schicken: „Da hieß es dann: Das kommt überhaupt nicht infrage. Unsere Kinder und deren Eltern haben Angst.“
Micksch überlegte, wie solche Widerstände überwunden werden könnten und hatte eine Idee: Christen, Muslime und Juden könnten zu dritt auftreten und über ihre Religionen informieren. Der erste Schulbesuch eines „abrahamischen Teams“ fand bereits im November 2001 in Mainz statt. Bundesweit mehr als 700 folgten seither. Aus Deutschland schwappte die Idee sogar in Länder des Nahen Ostens.
Geburtsstunde der Dialogforen
Auch bei vielen Verantwortlichen reifte bald die Erkenntnis, dass Muslime und Nichtmuslime in der Bundesrepublik Möglichkeiten für einen Austausch brauchten. Dem Netzwerker Micksch gelang es 2002 gemeinsam mit dem Gießener Mediziner Yasar Bilgin, in Frankfurt erstmals zum Deutschen Islamforum einzuladen. Dort saßen Vertreter der auch untereinander zerstrittenen Islamverbände mit Sicherheitsbehörden, aber auch Gewerkschaften, Kirchen und anderen Kräften an einem Tisch. „Das war damals sensationell“, erinnert sich der heute 85-jährige Micksch.
Weitere Dialogformate folgten. Als positive Folge der Anschläge des 11. Septembers habe tatsächlich der interreligiöse Dialog an Bedeutung gewonnen, sagt der Flüchtlingshelfer Behrouz Asadi. Dabei ist den Verantwortlichen klar: Der organisierte Austausch hat die breite Bevölkerung bis heute noch nicht erreicht. Auslöser für neue Wellen pauschaler Ablehnung von Muslimen gibt es hingegen regelmäßig weiter – sei es der Aufstieg der Terrorgruppe „Islamischer Staat“, die Flüchtlingskrise von 2015 oder zuletzt der Gaza-Krieg. (epd/mig) Aktuell Panorama
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