
AfD wächst
Jetzt braucht die Demokratie Rückgrat
Warnen, abgrenzen, nach rechts rücken – und trotzdem wächst die AfD. Diese Sackgasse ist gefährlich: Demokratie braucht wirksame Politik und Bürger, die für gleiche Rechte und Menschenwürde einstehen.
Von Nasim Ebert-Nabavi Mittwoch, 09.09.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 09.09.2026, 9:09 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Wie viele Wahlergebnisse braucht eine Demokratie, bis sie aufhört, die Gefahr kleinzureden? 43,8 Prozent der Zweitstimmen hat die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erhalten. Fast jeder zweite Wähler hat sein Kreuz bei einer Partei gesetzt, deren Landesverband als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird und deren völkische Vorstellung von Zugehörigkeit seit Jahren öffentlich bekannt ist.
Das ist kein politischer Betriebsunfall mehr, kein kurzer Ausschlag aus Frust und kein Missverständnis zwischen Politik und Bevölkerung. Es ist eine bewusste politische Entscheidung, einer solchen Partei Macht zu verschaffen.
Seit Jahren begleitet den Aufstieg der AfD eine bemerkenswert hartnäckige Entlastungserzählung. Ihre Wähler seien vor allem enttäuscht, abgehängt, wütend oder von den etablierten Parteien nicht mehr erreicht worden. Tatsächlich sind die Motive vielfältig. Sie reichen von wirtschaftlicher Unsicherheit und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen über politische Entfremdung bis hin zu Ressentiments, nationalistischen Überzeugungen und dem Wunsch nach einem grundlegenden politischen Bruch.
Doch so unterschiedlich die Gründe sein mögen, sie ändern nichts daran, was mit dieser Stimme politisch legitimiert wird. Erklärung ist keine Entschuldigung.
Wer 2026 die AfD wählt, entscheidet sich nicht für eine Partei, deren politische Richtung erst nach der Wahl erkennbar würde. Ihr völkisches Verständnis von Zugehörigkeit, ihre Abwertung gesellschaftlicher Vielfalt und ihr Verhältnis zu zentralen Institutionen der liberalen Demokratie sind seit Jahren Gegenstand der öffentlichen Debatte. All das liegt offen zutage. Man muss kein Wahlprogramm auswendig kennen, um zu wissen, welcher politischen Kraft man seine Stimme gibt. Gerade deshalb greift die Erzählung vom bloßen Protest zu kurz.
„Wer AfD wählt, kann hinterher nicht erklären, welche Teile dieser Entscheidung angeblich nicht gemeint waren.“
Ein Stimmzettel kennt keine Fußnote. Wer AfD wählt, kann hinterher nicht erklären, welche Teile dieser Entscheidung angeblich nicht gemeint waren. Die Stimme verschafft der Partei Macht. Wer sie gibt, trägt Verantwortung dafür. Nicht nur für den Protest, den er ausdrücken wollte, sondern auch für die Politik, der er damit den Weg öffnet.
Das auszusprechen ist keine pauschale Verurteilung ihrer Wähler. Im Gegenteil: Es nimmt sie als mündige Bürger ernst. Wer wählen darf, darf auch nicht aus der Verantwortung für die eigene Wahl herausgeredet werden. Wirtschaftliche Not kann Wut erklären. Politische Enttäuschung kann Protest erklären. Das Gefühl, vom Staat nicht mehr gehört zu werden, verlangt nach einer politischen Antwort. Nichts davon macht jedoch ein Weltbild harmlos, das Menschen nach Herkunft und Zugehörigkeit unterscheidet und gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Ausgrenzung ersetzt. Frust erklärt eine Entscheidung. Er hebt ihre Folgen nicht auf.
Doch genau hier darf die Analyse nicht enden. Wer nach einem solchen Wahlergebnis ausschließlich auf die Wähler zeigt, macht es sich ebenso einfach wie jene, die sie von jeder Verantwortung freisprechen. Dieses Ergebnis ist auch ein Urteil über die politische Mitte: über verlorenes Vertrauen, gebrochene Erwartungen und einen Staat, dessen Handlungsfähigkeit viele Menschen gerade dort vermissen, wo sie sie im Alltag am dringendsten brauchen.
Menschen sehen Schulen, in denen seit Jahren Mangel verwaltet wird. Sie warten monatelang auf Arzttermine, erleben steigende Mieten, hohe Preise und eine Infrastruktur, die vielerorts sichtbar an ihre Grenzen kommt. Kommunen fehlt es an Personal und Geld, während politische Versprechen weiter produziert werden. Wer solche Erfahrungen als bloßes Wahrnehmungsproblem abtut, verkennt einen wesentlichen Teil der politischen Krise. Vertrauen geht dort verloren, wo Politik Probleme eher erklärt als löst.
„Das Versprechen ist gefährlich: Das eigene Leben werde besser, wenn andere weniger dazugehören.“
Genau in diese Lücke stößt die AfD. Sie löst die Probleme nicht, sie übersetzt sie in Schuld. Aus komplexen gesellschaftlichen Konflikten werden Gruppen von Menschen, aus Unsicherheit wird Ressentiment. Das Versprechen dahinter ist ebenso schlicht wie gefährlich: Das eigene Leben werde besser, wenn andere weniger dazugehören.
Diese Erzählung wirkt, weil sie einfach ist. Und sie gewinnt dort an Kraft, wo demokratische Politik Vertrauen verliert. Eine besondere Verantwortung trägt deshalb die Bundesregierung, die für viele der politischen Entscheidungen steht, an denen sich Unzufriedenheit konkret festmacht. Doch auch die demokratischen Parteien insgesamt müssen sich fragen, welchen Anteil sie daran haben, dass Probleme zu oft kleingeredet, verschleppt oder in der Sprache der AfD beantwortet wurden.
Die Verantwortung für das einzelne Kreuz bleibt beim Wähler. Die Verantwortung dafür, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, liegt bei der demokratischen Politik.
„Der Versuch ist gescheitert, die AfD zu schwächen, indem man ihre Sprache übernimmt.“
Zu lange hat sich die politische Mitte vor allem an einer Frage abgearbeitet: Wie hält man die AfD von der Macht fern? Mit Brandmauern, Koalitionsausschlüssen, Warnungen und Abgrenzung. Das alles kann notwendig sein. Aber es ersetzt keine Antwort auf die viel wichtigere Frage: Warum sollten Menschen wieder Vertrauen in demokratische Parteien haben?
„Wir sind nicht die AfD“ ist eine Haltung. Aber noch kein politisches Angebot. Abgrenzung kann notwendig sein, Vertrauen ersetzt sie nicht. Wer Menschen zurückgewinnen will, muss mehr bieten als das Nein zur AfD: eine glaubwürdige Vorstellung davon, wie dieses Land besser regiert werden soll.
Ebenso gescheitert ist der Versuch, die AfD zu schwächen, indem man ihre Sprache übernimmt. Seit Jahren wird die Migrationsdebatte härter, während immer mehr gesellschaftliche Probleme unter diesem einen Schlagwort verhandelt werden. Das Ergebnis ist nicht eine schwächere AfD, sondern eine verschobene politische Mitte. Wer ihre Begriffe übernimmt, übernimmt auch einen Teil ihrer Deutung der Wirklichkeit.
Über Migration muss gestritten werden. Aber wer aus politischen Problemen Gruppen von Menschen macht, hat die Grenze zwischen Gestaltung und Ausgrenzung überschritten. Gerade jetzt muss diese Grenze sichtbar bleiben.
„Wenn Menschen mit Einwanderungsgeschichte ihre Zugehörigkeit rechtfertigen sollen, ist die Verschiebung längst vollzogen.“
Eine Gesellschaft verändert sich lange, bevor ihre Gesetze es tun. Sie verändert sich in der Sprache, in ihren Selbstverständlichkeiten und darin, wer plötzlich wieder erklären muss, warum er dazugehört.
Wenn Menschen mit Einwanderungsgeschichte ihre Zugehörigkeit rechtfertigen sollen, Muslime zuerst als Sicherheitsproblem erscheinen oder Schutzsuchende fast nur noch als Belastung verhandelt werden, ist die Verschiebung längst vollzogen.
Normalisierung beginnt nicht mit dem großen Bruch. Sie beginnt dort, wo das, was gestern noch als Grenzüberschreitung galt, heute kaum noch Widerspruch auslöst.
Genau darin liegt die Gefahr dieses Moments. Nicht nur in der Stärke der AfD, sondern in der Versuchung, sich an sie zu gewöhnen. Millionen Wähler abzuschreiben wäre ebenso falsch wie ihnen nach dem Mund zu reden. Verachtung gewinnt niemanden zurück. Und wer sich der AfD anpasst, verschiebt nur die eigenen Grenzen. Und Resignation wäre das größte Geschenk an eine Partei, die vom Misstrauen in die demokratische Ordnung lebt.
Gerade deshalb dürfen demokratische Kräfte jetzt nicht nachlassen. Demokratie verteidigt sich nicht von selbst. Sie bleibt nur stark, wenn Menschen bereit sind, für sie einzustehen, gerade dann, wenn der Gegenwind wächst.
„Menschenwürde hängt nicht von Umfragewerten ab. Gleiche Rechte sind keine Gefälligkeit der Mehrheit.“
Für die demokratischen Parteien heißt das: Vertrauen zurückgewinnen. Nicht mit neuen Versprechen, sondern mit Politik, die wirkt. Und zugleich dort klar bleiben, wo es nichts zu verhandeln gibt. Menschenwürde hängt nicht von Umfragewerten ab. Gleiche Rechte sind keine Gefälligkeit der Mehrheit. Zugehörigkeit darf nicht nach Herkunft bemessen werden. Über Migration, Wirtschaft, soziale Sicherheit oder Klimapolitik darf hart gestritten werden. Darüber, ob Freiheit und gleiche Rechte für alle gelten, nicht. Wer jetzt glaubt, die politische Mitte müsse weiter nach rechts rücken, verwechselt Anpassung mit Antwort. Die AfD wird nicht kleiner, wenn ihre Maßstäbe normaler werden.
Sachsen-Anhalt ist kein Endpunkt. Schon am 20. September wählen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Und in gut zweieinhalb Jahren steht die nächste Bundestagswahl bevor. Die politische Richtung dieses Landes ist noch nicht entschieden.
Ein Wahlergebnis ist kein Schicksal. Ab er es ist ein Auftrag. Jetzt ist nicht die Zeit, im Einsatz für unsere Demokratie nachzulassen. Jetzt ist die Zeit, sie gemeinsam zu verteidigen. Denn Demokratie verliert nicht, weil wir über den richtigen Weg streiten. Sie verliert, wenn wir aufhören, gemeinsam für sie einzustehen. (mig) Meinung
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