
56 Jahre später
Sieben Tote, ein später Verdacht und Jahrzehnte ohne Aufklärung
Beim NSU-Komplex zeigte sich, wie schwer sich Sicherheitsbehörden damit taten, rechtsextreme Gewaltverbrechen aufzuklären. Der Fall eines Brandanschlags auf ein jüdisches Altenheim in München zeigt: Die Geschichte solcher Ermittlungsdefizite reicht viel weiter zurück.
Von Birol Kocaman Donnerstag, 20.08.2026, 13:01 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20.08.2026, 13:01 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Sieben Holocaustüberlebende starben, 15 Menschen wurden verletzt. Mehr als 56 Jahre nach dem Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in der Münchner Reichenbachstraße gehen die Ermittler inzwischen davon aus, den mutmaßlichen Täter identifiziert zu haben. Doch die neuen Erkenntnisse werfen zugleich schwerwiegende Fragen nach der Arbeit von Polizei und Justiz auf.
Denn der Mann, den die Generalstaatsanwaltschaft München heute für den wahrscheinlichsten Täter hält, war offenbar keineswegs ein Unbekannter. Der damals 25-Jährige war als rechtsextrem und antisemitisch bekannt, war bereits wegen Sprengstoffdelikten aufgefallen und geriet später wegen weiterer schwerer Straftaten ins Visier der Polizei.
Verdächtiger lebte noch Jahrzehnte
Der mutmaßliche Täter starb erst 2020. Damit bestand über Jahrzehnte die Möglichkeit, ihn zu vernehmen und seine Angaben mit Zeugenaussagen und Beweismitteln abzugleichen. Auch bei den erneuten Ermittlungen des Generalbundesanwalts zwischen 2013 und 2017 lebte der Mann noch. Damals konzentrierten sich die Ermittlungen unter anderem auf eine mögliche linksextreme Täterschaft. Ein konkreter Tatverdacht ließ sich nicht erhärten, das Verfahren wurde 2017 eingestellt.
Dass ein heute als zentral bewerteter Verdächtiger zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht entscheidend in den Fokus geriet, wirft neue Fragen auf. Noch schwerer wiegt, dass sich heute teilweise nicht mehr rekonstruieren lässt, was Behörden in den vergangenen Jahrzehnten über ihn wussten und welchen Hinweisen sie nachgingen. Neben einer möglichen linksextremen Tatmotivation wurde ursprünglich auch ein möglicher palästinensischer Hintergrund der Tat geprüft.
Der Fall erinnert damit in einem wesentlichen Punkt an das Behördenversagen im Fall des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), dessen Mitglieder über Jahre mordeten, Sprengstoffanschläge verübten und Banken überfielen, ohne dass die Sicherheitsbehörden die rechtsextreme Tatserie erkannten: Nicht immer scheitert die Aufklärung rechtsextremer Gewalt daran, dass Hinweise fehlen. Entscheidend kann sein, wie Behörden vorhandene Hinweise bewerten, deuten, miteinander verknüpfen und weiterverfolgen – oder auch nicht.
Hinweis aus dem Gefängnis
Besonders brisant: Nach Recherchen mehrerer Medien soll ein Mithäftling den späteren Verdächtigen bereits in den 1970er-Jahren belastet haben. Der Mann saß damals wegen des Diebstahls der sogenannten Blutenburger Madonna im Gefängnis. Gegenüber einem Mitgefangenen soll er den Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus eingeräumt haben.
Ob, wann und bei welcher Behörde dieser Hinweis einging und welche Ermittlungen daraufhin eingeleitet wurden, ist nicht geklärt. Auch parlamentarische Nachfragen brachten bislang keine Klarheit darüber, ob der Mann damals überhaupt als Verdächtiger vernommen wurde.
Dabei hätte sein Hintergrund Anlass für eine intensive Prüfung gegeben. Nach den heute bekannten Erkenntnissen war der Mann bereits als Jugendlicher wegen Sprengstoffanschlägen auf Telefonhäuschen verurteilt worden. Zeugen beschrieben ihn später als ausgeprägten Antisemiten. Er soll Hitlerreden gehört, NS-Devotionalien besessen und Schießübungen durchgeführt haben. Nach Angaben der heutigen Ermittler passt sein Profil in wesentlichen Punkten zur Tat.
Beweismittel verschwunden, Akten nicht beigezogen
Die jahrzehntelangen Ermittlungen wurden zusätzlich dadurch erschwert, dass wichtige Beweismittel nicht mehr vorhanden sind. Ein am Tatort sichergestellter Benzinkanister wurde nach Angaben der Bundesregierung zwischen 1992 und 1995 vernichtet. Auch Verpackungsmaterial und ein Klebestreifen, die zum Transport des Brandmittels gehört haben sollen, sind nicht mehr auffindbar. Damit gingen Originalasservate eines bis dahin ungeklärten siebenfachen Mordes verloren.
Auch beim Bundeskriminalamt existieren nach früheren Angaben der Bundesregierung keine eigenen Akten mehr zu dem Anschlag. Warum einzelne Entscheidungen in den Ermittlungen getroffen oder bestimmte Spuren nicht weiterverfolgt wurden, lässt sich deshalb heute teilweise nicht mehr nachvollziehen.
Fragen wirft auch die erneute Untersuchung durch den Generalbundesanwalt zwischen 2013 und 2017 auf. Zwar wurden umfangreiche Altakten ausgewertet. Eigene Akten des Bundesamtes und der Landesämter für Verfassungsschutz wurden nach Angaben der Bundesregierung jedoch nicht angefordert. Warum darauf verzichtet wurde, ist in den Ermittlungsakten demnach nicht dokumentiert. Bis heute ist zudem nicht öffentlich geklärt, welche Erkenntnisse die Nachrichtendienste über den nun verdächtigten Mann oder sein Umfeld besaßen.
Anschlag nach Gottesdienst
Der Brand war am Abend des 13. Februar 1970 im Treppenhaus des jüdischen Gemeindehauses in der Reichenbachstraße gelegt worden. Kurz zuvor war ein Gottesdienst in der Synagoge zu Ende gegangen. Das Feuer schnitt den Bewohnerinnen und Bewohnern des dort untergebrachten Altenheims den Fluchtweg ab. Sieben Menschen starben. Nach Angaben der Ermittler waren alle Holocaustüberlebende. 15 weitere Menschen wurden verletzt, vier davon schwer.
Die Generalstaatsanwaltschaft München nahm das Verfahren im April 2025 erneut auf. Ausschlaggebend waren unter anderem neue Zeugenaussagen. Eine Frau berichtete glaubhaft von Äußerungen des Verdächtigen unmittelbar vor der Tat. Nach Angaben der Ermittler verdichteten sich dadurch die Hinweise auf den Mann. Weil er bereits gestorben ist, wurde das Verfahren eingestellt. Eine gerichtliche Klärung wird es nicht mehr geben. Für den Mann gilt weiterhin die postmortale Unschuldsvermutung.
Nicht nur ein ungeklärter Cold Case
Die neuen Erkenntnisse verändern dennoch den Blick auf den Fall. Jahrzehntelang galt der Anschlag vor allem als eines der großen ungeklärten antisemitischen Gewaltverbrechen der Bundesrepublik.
So wird aus einem jahrzehntelang ungelösten Mordfall zugleich eine Geschichte über verlorene Beweismittel, nicht dokumentierte Entscheidungen und möglicherweise verpasste Chancen. Und über ein Problem, das spätestens seit dem NSU-Komplex als strukturelle Schwäche deutscher Sicherheitsbehörden bekannt ist: Rechtsextreme Gewalt wird nicht nur dann übersehen, wenn es keine Hinweise gibt. (mig) Aktuell Panorama
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