
Nachtlicht
Die Monster unter dem Bett
Rechtsextremismus, Klimakrise, Wohnungsnot und soziale Unsicherheit erscheinen oft als getrennte Probleme - sie gehen aber aus derselben Wirtschaftsordnung hervor. Nur darüber redet niemand. Ein Comic von „Calvin und Hobbes“ liefert die passend absurde Regierungserklärung.
Von Joachim Glaubitz Sonntag, 09.08.2026, 19:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 08.08.2026, 22:01 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Es gibt einen Calvin & Hobbes-Comic, der mich seit einiger Zeit beschäftigt. Calvin, ein kleiner Junge, liegt mit Hobbes, seinem Stofftiger im Bett. Das Licht ist noch an. „Sobald wir das Licht ausschalten“, sagt Calvin, „kommen die Monster wieder unter dem Bett hervor.“
Hobbes antwortet: „Es ist schwierig mit etwas zu leben, was dich töten will.“ Es folgt ein Satz, den vermutlich jede Regierung unterschreiben würde: „Wir müssen irgendetwas tun.“ Also beschließen die beiden, einfach die ganze Nacht wach zu bleiben und das Licht anzulassen.
Somehow every plan is worse than the monsters.
#CalvinandHobbes #KidLogic— Calvin and Hobbes (@calvin-and-hobbes.bsky.social) 15. Juli 2026 um 01:00
Dann kommt Calvins letzter Satz: „Ich frage mich, ob wir das Bett anzünden könnten (um die Monster zu vertreiben), ohne dass gleich das ganze Haus abbrennt.“ Mein erster Gedanke: Das ist eine wirklich absurde, witzige Idee.
Beim zweiten Lesen hielt ich jedoch inne und stutzte. Geht es hier wirklich nur um Kinderängste und Kinderlogik? Oder steckt in diesem Comic nicht eine erstaunliche Krisendiagnose unserer Gegenwart? Denn genau so gehen wir inzwischen mit Krisen um.
„Die Monster sind überall. Sie heißen Rechtsextremismus, Klimakrise, Wohnungsnot, Pflegenotstand, soziale Ungleichheit oder Demokratiekrise.“
Die Monster sind überall. Sie heißen Rechtsextremismus, Klimakrise, Wohnungsnot, Pflegenotstand, soziale Ungleichheit oder Demokratiekrise. Aber Monster kommen nicht aus dem Nichts. Sie brauchen einen Ort, an dem sie entstehen und leben können: unter Calvins Bett. Dieses Bett ist kein neutraler Ort.
Überträgt man den Comic auf unsere Gesellschaft, steht das Bett für jene Wirtschaftsordnung, auf der unser Zusammenleben seit Jahrhunderten aufbaut. Der Historiker Sven Beckert beschreibt in seiner Geschichte des Kapitalismus, dass diese Ordnung keineswegs naturgegeben ist. Sie ist historisch entstanden und hat sich über Jahrhunderte entwickelt. Genau wie Calvins Bett war sie nicht einfach schon immer da.
Wir erleben die Krisen unserer Zeit häufig als voneinander unabhängige Probleme. Mal reden wir über den Wohnungsmarkt, dann über Migration, anschließend über die Rente oder das Gesundheitssystem.
Doch vielleicht gehören diese Themen viel enger zusammen, als wir glauben. Vielleicht entstehen sie nicht zufällig nebeneinander, sondern sind unterschiedliche Erscheinungsformen derselben Wirtschaftsweise.
Und wie sieht die typische Reaktion auf diese Gemengelage aus? Licht anlassen.
„Wir betrachten die Probleme nicht an ihren grundsätzlichen Mechanismen und Strukturen, sondern behandeln ihre Folgen.“
Wir betrachten die Probleme nicht an ihren grundsätzlichen Mechanismen und Strukturen, sondern behandeln ihre Folgen. Der Blick unter das Bett scheint zu riskant.
Stattdessen versuchen wir, die Symptome zu lindern. Der politische Fokus liegt fast immer darauf, wirtschaftliches Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern – selbst dann, wenn dadurch soziale oder ökologische Probleme weiter verschärft werden. Sozialleistungen werden gekürzt und Menschen immer stärker in die Rolle abhängiger Wertschöpfung gedrängt. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag oder längere sachgrundlose Befristungen in Beschäftigungsverhältnissen sind nur einige Beispiele. Sie alle werden mit wirtschaftlicher Vernunft begründet.
Reformen sind grundsätzlich nichts Schlechtes. Natürlich können sie Belastungen mindern oder Missstände beheben. Doch wenn Reformen vor allem Symptome behandeln, ohne die Ursachen in den Blick zu nehmen, haben sie einen blinden Fleck.
Sie verändern nicht das Bett, auf dem wir liegen. Sie helfen uns lediglich, zu glauben, dass etwas gegen die Monster unter unserem Bett getan wird. Schlimmer noch: Manche Reformen scheinen die Monster sogar zu füttern.
„Während wir das Licht eingeschaltet lassen, wird es unter dem Bett immer voller.“
Wenn ökologische Ziele hinter kurzfristiger Wettbewerbsfähigkeit zurückstehen, wächst die Klimakrise weiter. Werden Arbeitnehmerrechte geschwächt und soziale Sicherungssysteme zurückgebaut, nimmt die soziale Unsicherheit zu. Wird Wohnen immer stärker zur Ware, verschärft sich die Wohnungsnot. Während wir das Licht eingeschaltet lassen, wird es unter dem Bett immer voller.
Und dann kommt Calvins letzter Satz. Er ist der Grund, warum mich dieser Comic nicht mehr loslässt. Calvin fragt nicht, wie man besser mit den Monstern leben kann. Er fragt auch nicht nach einem helleren Licht oder einem größeren Bett. Er fragt, ob man das Bett vielleicht anzünden könnte. Ein absurder Gedanke.
Wer würde schon gerne sein Bett brennen sehen – und erst recht sein Haus?
Jedoch, Calvin verschiebt damit die Perspektive. Während alle anderen überlegen, wie man mit dem Problem leben kann, fragt er plötzlich nach dessen Voraussetzung. Was wäre, wenn wir aufhören würden, Krisen nur verwalten zu wollen? Wenn wir stattdessen fragen würden, warum sie immer wieder entstehen?
Der Comic beantwortet diese Fragen nicht. Aber er stellt eine Frage, die wir uns viel zu selten erlauben: Was wäre, wenn nicht die Monster unser eigentliches Problem sind – sondern das Bett, unter dem sie immer wieder entstehen?
Und vielleicht steckt noch eine Hoffnung in diesem Comic. Calvin liegt nicht allein im Bett. Neben ihm sitzt Hobbes, sein Tiger.
„Keiner von beiden hat eine fertige Lösung. Aber keiner bleibt mit seinen Ängsten allein.“
Die beiden sprechen miteinander. Sie denken gemeinsam nach. Sie widersprechen sich, suchen nach Erklärungen und entwickeln neue Gedanken. Keiner von beiden hat eine fertige Lösung. Aber keiner bleibt mit seinen Ängsten allein.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Gesellschaft verändert sich selten dadurch, dass ein Einzelner plötzlich die perfekte Antwort findet. Sie verändert sich dort, wo Menschen miteinander sprechen, gemeinsam nach Ursachen suchen und den Mut entwickeln, das scheinbar Selbstverständliche infrage zu stellen. Vielleicht beginnt jede bessere Zukunft genau so.
Nicht mit einem Reformpaket. Sondern mit einem Gespräch im Dunkeln. (mig) Meinung
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