
Moralgefälle
Was uns die US-WM über unsere Debattenmoral verrät
Die WM in den USA zeigt uns nicht nur unsere sportliche Mittelklasse, sondern auch unsere drittklassige Debattenmoral – und den deutschen Freundschaftsrabatt für westliche Werte, denen wir gerne universelle Geltung zuschreiben.
Von Birol Kocaman Donnerstag, 16.07.2026, 14:56 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 16.07.2026, 14:56 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Diese Weltmeisterschaft zeigt uns nicht nur, wo der deutsche Fußball inzwischen steht: irgendwo in der internationalen Mittelklasse. Sie zeigt auch, in welcher Liga unsere öffentliche Debattenmoral spielt. Und die ist drittklassig.
Bei dieser WM ist es heiß. Sehr heiß. In Philadelphia wurden bei einem Achtelfinale 39 Grad erwartet. Die Sportschau berichtete über eine „Hitzewelle“ und mögliche Spielunterbrechungen. Das ZDF fragte schon vor dem Turnier, ob dies die „heißeste Fußball-WM aller Zeiten“ werde. Sachlich, besorgt, medizinisch gut begründet. Doch diesmal ist die Hitze plötzlich wieder das, was sie meteorologisch betrachtet schon immer war: Wetter.
Vor vier Jahren war sie mehr. In Katar galt das Klima als Beweis für die Absurdität der gesamten WM-Vergabe. Dass es auf der Arabischen Halbinsel im Sommer heiß werden könnte, hatte die FIFA offenbar überrascht wie Weihnachten im Dezember. Das Turnier musste in den europäischen Winter verlegt, der komplette Spielbetrieb umgebaut werden. Jede Temperaturmeldung fügte sich in das große Urteil ein: falsches Land, falscher Ort, falsche WM.
Natürlich sind Philadelphia und Doha nicht identisch. Aber bemerkenswert ist, welche Funktion das Wetter in der jeweiligen Debatte erfüllt. In Katar war das Thermometer ein politischer Zeuge der Anklage. In den USA ist es wieder nur ein Messgerät – mit dem jetzt die Vierteilung der 90 Minuten für noch mehr Werbung als Trinkpausen verkauft wird.
„Kritik an der laufenden WM gibt es durchaus. Sie bleibt nur handlich. Jeder Vorfall bekommt seine eigene Schublade.“
Das Wetter ist nur das sichtbarste Beispiel für die unterschiedlichen Maßstäbe. Kritik an der laufenden WM gibt es durchaus. Sie bleibt nur handlich. Jeder Vorfall bekommt seine eigene Schublade. Danach geht es weiter mit Taktik, Toren und dem neuen Regelwerk für Einwürfe.
Ein anderes Beispiel: Dem somalischen Schiedsrichter Omar Abdulkadir Artan verweigerten die US-Behörden trotz eines gültigen Visums die Einreise. Artan war 2025 als Afrikas bester Schiedsrichter ausgezeichnet worden und sollte als erster Somalier bei einer Weltmeisterschaft Spiele leiten. Stattdessen wurde er an der Grenze zurückgewiesen. Die FIFA erklärte, für die Einreiseentscheidungen der USA nicht zuständig zu sein. So wurde es auch in Deutschland gemeldet und kritisiert. Alles in allem blieb es aber ein Visafall.
Die iranische Nationalmannschaft durfte zunächst nur innerhalb von 24 Stunden vor ihren Spielen in die USA einreisen und musste unmittelbar danach wieder ins Mannschaftsquartier im mexikanischen Tijuana zurückkehren. Für ein Turnier, das allen Teilnehmern gleiche sportliche Bedingungen verspricht, ist das eine deutliche Verschiebung: Hereinkommen, Fußball spielen, wieder verschwinden. Auch darüber wurde berichtet. Es blieb ein diplomatischer Sonderfall.
„In den USA bleibt es weiter sportlich, wir bewundern Pässe von Messi und Tore von Kane.“
Dann sah US-Präsident Donald Trump die Rote Karte gegen den amerikanischen Stürmer Folarin Balogun und griff zum Telefon. Er bat FIFA-Präsident Gianni Infantino, den Platzverweis überprüfen zu lassen. Kurz darauf setzte die FIFA die automatische Sperre zur Bewährung aus. Ein beispielloser politischer Vorstoß während einer Weltmeisterschaft. Das US-Team hätte auf den Einsatz von Balogun freiwillig verzichten können, tat es aber nicht.
In der deutschen Öffentlichkeit blieb dies eine Trump-Geschichte. Eine weitere Eskapade eines Präsidenten, dessen Ausfälle inzwischen offenbar als Naturereignis gelten. Manche Länder haben Hitze, die USA haben Trump. Da kann man nichts machen. Man stelle sich diese Vorgänge mit vertauschten Rollen vor.
Meinung
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