
Kita-Wende?
Was Priens neuer Sprachtest für Familien bedeutet
Bis zu ein Drittel der Kinder startet mit unzureichenden Sprachkenntnissen in die Schule. Bildungsministerin Prien will mit einem neuen Kita-Gesetz gegensteuern: Kinder sollen künftig im Alter von vier Jahren auf ihre sprachliche Entwicklung getestet werden. Für Familien und Kitas könnte sich einiges ändern.
Von Verena Schmitt-Roschmann Donnerstag, 16.07.2026, 11:08 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 16.07.2026, 11:19 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Mittagessen bei den „Füchsen“. Die Kinder im Berliner Fröbel-Kindergarten Seeburger Straße löffeln ihre Karottensuppe, erstmal herrscht gemütliche Ruhe. Als der größte Hunger gestillt ist, wird es lebhafter. Ein kleiner Junge füttert seinem Tischnachbarn Brotstückchen, ein Grüppchen fängt an zu quatschen. Dann packt ein Mädchen die Neugier. „Henrik, was machst du?“, fragt sie den Erzieher, der etwas abseits sitzt und die Kinder beobachtet.
Sprachstandserhebung nennt sich das, was Henrik macht – er beobachtet im Kita-Alltag systematisch, wie einzelne Kinder sich verständigen, wie gut sie sprechen, wo es vielleicht noch hapert, wie man helfen könnte. Genau das ist Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) das zentrale Anliegen bei ihrem neuen Gesetz für eine bessere frühe Bildung. Der Entwurf ist seit Mittwoch bekannt. Nach dem „Gute-Kita-Gesetz“ von 2019 und dem „Kita-Qualitätsgesetz“ von 2023 folgt Priens „Kita-Startchancen-und-Qualitäts-Entwicklungsgesetz“.
„Bildungsschere öffnet sich“
Wer dieses Wortungetüm unfallfrei lesen und aussprechen kann, hat das deutsche Bildungswesen wohl erfolgreich durchlaufen. Vielen Jungen und Mädchen fällt das aber schwer. Kurz vor der Einschulung haben nach Daten aus diversen Bundesländern bis zu einem Drittel der Kinder keine ausreichenden Sprachkenntnisse, um im Unterricht gut mitzukommen. Dabei geht es nicht nur um Deutsch in Zuwandererfamilien. Auch muttersprachliche Kinder haben mitunter Schwierigkeiten beim richtigen Formulieren und Verstehen.
Prien verweist auf die extrem unterschiedlichen Startchancen für Kinder in Deutschland, die sich dann oft durch die ganze Schullaufbahn ziehen. „Die Bildungsschere ist zu, wenn ein Kind auf die Welt kommt, und sie öffnet sich dann bis zur Einschulung, und dann wird sie nur noch unwesentlich geschlossen“, sagt Prien.
Die Antwort sind für sie verbindliche Sprachtests für alle Vierjährigen und gezielte Fördermaßnahmen nach einheitlichen Standards. Mit ihrem neuen Kita-Gesetz verspricht der Bund bis 2034 insgesamt 9,25 Milliarden Euro. Das Geld soll vor allem Zeit für intensivere Betreuung finanzieren.
Unterschiede in den Bundesländern
Mit Hilfe des Bundes haben einige Länder schon viel angestoßen, sie haben Beobachtungsverfahren und Tests mit klingenden Namen wie BaSiK oder BeoKiz, HASE oder BaSis. In vielen Ländern gibt es zusätzliche Hilfen vor der Einschulung, so etwa die sogenannten Vorlaufkurse in Hessen.
„Jedoch zeigt die Länderauswertung, dass aktuell nur in der Hälfte der Länder landesweit einheitliche standardisierte Beobachtungsverfahren eingesetzt werden“, heißt es im nationalen Bildungsbericht. Auch Schuleingangsuntersuchungen seien nicht einheitlich, die Ergebnisse kaum vergleichbar. Kurzum: Die Länder kennen das Problem, sie probieren viel aus, aber nicht immer koordiniert.
„Möglichst früh in der Kita starten“
Waltraud Weegmann vom Deutschen Kitaverband nennt einen anderen Knackpunkt. „Wenn alle Kinder mit hervorragenden Deutschkenntnissen in die Schule kommen sollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass sie vorher möglichst früh mit der Kita starten“, sagt Weegmann der Deutschen Presse-Agentur. Wenn Schwierigkeiten erst im fünften Lebensjahr entdeckt werden, dann werde die Zeit vor der Einschulung zu knapp.
Seit 2013 gibt es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag. Aber Weegmann weiß: „Die Kinder, die den Kita-Besuch am meisten bräuchten, weil sie sprachliche Defizite haben, kommen viel zu spät zu uns.“ Einige bekämen keinen Platz oder es sei für sie zu teuer. Oder die Familien fremdeln mit dem Kita-System.
Sind die Kinder tagsüber mit Gleichaltrigen in der Betreuung, kommt aus ihrer Sicht vieles von allein. „Die Kinder lernen Sprache im ganz normalen Tagesablauf in der Kita“, sagt die Verbandschefin. „Die Erzieherinnen und Erzieher sind genau dafür ausgebildet. Meist muss es gar keine besondere Sprachförderung geben.“ Nur wenige Kinder hätten spezielle Probleme wie Sprachfehler oder Probleme beim Hören, die therapiert werden müssten.
Kinder wollen verstehen
Henrik, der Erzieher aus der Fröbel-Kita in Spandau, sagt: „Meine Erfahrung zeigt eigentlich, dass die Kinder verstehen wollen und verstanden werden wollen. Das ist ein unheimlich starker Motor.“ Für die Erzieherinnen und Erzieher bleibt aber erheblicher Aufwand, die Kinder systematisch und professionell richtig einzuschätzen.
In den Fröbel-Kitas benutzen sie das Beobachtungstool BaSiK, bei dem jedes einzelne Kind rund um seinen Geburtstag in Alltagssituationen in den Blick genommen wird. Beobachtungen wie die beim Mittagessen der „Füchse“ werden in das Computerprogramm eingepflegt. Daraus zeigt sich über die Zeit Fortschritt oder Förderbedarf. Mehrere Kolleginnen und Kollegen schauten sich das gemeinsam an, sagt Kita-Leiterin Lisa Theel. Zusammen überlege man sich Angebote für die Kinder, die sie mit Spaß zum Sprechen bringen. Es braucht Zeit. Das heißt Personal. Heißt Geld.
Priens Kita-Gesetz sieht 30 Minuten in der Woche je Kind für die Planung und Begleitung der Förderung vor. In Kitas mit besonders vielen Kindern in schwierigen Lebenslagen soll mehr investiert werden – 20 bis 60 Stunden pro Woche zusätzlich je nach Größe der Einrichtung. Ziel des Ganzen für Prien: „So stärken wir den Übergang in die Schule und die gesamte Bildungskette von Anfang an.“
Sparen im Geburtenknick?
Weegmann befürchtet, dass Sparzwänge in eine andere Richtung weisen könnten. Plötzlich gebe es nicht nur in Ostdeutschland freie Kita-Plätze, auch in Städten wie Stuttgart oder Essingen, München, Köln oder Düsseldorf schrumpften die Wartenlisten, sagt die Chefin des Kitaverbands. Mit sinkenden Geburtenzahlen könnte Personal abgebaut werden. „Wir sagen stattdessen: Wir müssen jetzt in die Qualität der Kitas investieren und dabei alle Kinder mitnehmen.“
Bundesministerin Prien sieht das ähnlich: Sie will die „demografische Rendite“ sichern. Das neue Kita-Gesetz sei „das größte bildungspolitische Projekt dieser Koalition – und Schlüssel für eine Trendwende in der Bildungspolitik“, sagt die CDU-Politikerin. „Denn gute Bildung beginnt nicht erst in der Schule, sondern in der Kita.“ (dpa/mig) Leitartikel Panorama
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