
Gerald Knaus im Gespräch
Migrationsexperte: Rückgang bei Asylzahlen hat wenig mit Bundesregierung zu tun
Die schwarz-rote Bundesregierung lobt sich für die gesunkene Zahl neu ankommender Flüchtlinge. Mit ihrer Politik habe das aber nur wenig zu tun, resümiert der Migrationsexperte Gerald Knaus im Gespräch. In der Migrationspolitik stellt er der Bundesregierung im ersten Amtsjahr kein gutes Zeugnis aus.
Von Corinna Buschow Dienstag, 05.05.2026, 12:46 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 05.05.2026, 12:46 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Auf den Amtsantritt der CDU-geführten Bundesregierung vor einem Jahr folgten schnell die bis heute umstrittenen Zurückweisungen Schutzsuchender an den deutschen Grenzen. Auf die gesunkene Zahl neu ankommender Flüchtlinge hätten die nur eine geringe Auswirkung, sagte der Migrationsforscher Gerald Knaus im Gespräch. Er sieht sogar die Gefahr, dass sie zum „Bumerang“ werden könnten, und schlägt andere Instrumente vor.
Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt haben eine „Migrationswende“ versprochen. Ist die nach Ihrer Einschätzung gekommen?
Gerald Knaus: Die Zahl der Asylanträge ist seit Ende 2024 stark zurückgegangen, und die Zahl der Abschiebungen ist etwas gestiegen. Ersteres hat allerdings wenig mit der Politik der Bundesregierung zu tun. Die wichtigste Entwicklung seit 2024 betrifft die größte Gruppe, die in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland Asylanträge gestellt und Schutz bekommen hat: Flüchtlinge aus Syrien. 2024 erhielten 77.500 Syrerinnen und Syrer Schutz in Deutschland, 2025 waren es weniger als 400. Es kommen seit Ende 2024 und dem Sturz des Assad-Regimes einfach viel weniger Syrer in die EU, auch nach Griechenland und Österreich. Das Ende von Assad war der wichtigste Wendepunkt, auch für die Asylzahlen in Deutschland.
Das heißt, die so umstrittenen Zurückweisungen Schutzsuchender an den deutschen Grenzen haben keine Auswirkung?
„Diese Zurückweisungen werden über kurz oder lang eingestellt werden müssen, denn sie sind europarechtswidrig.“
Sie haben eine sehr geringe Auswirkung. Seit Mai 2025 sind es im Monat zwischen 100 bis 200 Zurückweisungen von Menschen, die einen Asylantrag stellen wollten. Wie viele von diesen es einfach mehrfach versuchen, bis es doch klappt, weiß niemand. Dazu kommt: Diese Zurückweisungen werden über kurz oder lang eingestellt werden müssen, denn sie sind europarechtswidrig. Auch die Juristen im Innenministerium wissen, dass es derzeit keine Argumente für eine Notlage in Deutschland gibt, die sie vor dem Europäischen Gerichtshof als Grund für Zurückweisungen anführen könnten. Diese missglückte Symbolpolitik droht noch zum Bumerang zu werden.
Inwiefern?
Wenn eine Regierung sagt „Das ist unser wichtigstes Instrument“, und dann europäische und deutsche Gerichte verlangen, damit aufzuhören, droht die Verquickung zwischen europäischem Recht und Migrationskontrolle, die sich alle Europafeinde gewünscht haben. Die AfD fordert schon lange: „Raus aus Schengen“ und unbequeme Urteile des Europäischen Gerichtshofs à la Orban zu ignorieren. Da ist „Europa“ das Problem. Dazu ist die Politik aufwendig und hilft weder der Union noch der SPD in den Umfragen. Stattdessen sollte die Regierung eine Riesenchance nutzen, die sich ab Sommer bietet, um einen echten nachhaltigen Durchbruch an den EU-Außengrenzen zu erzielen.
Sie spielen auf das Inkrafttreten des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) an. Glauben Sie tatsächlich, dass es so schnell wirkt?
„95 Prozent von dem, was durch Geas neu kommt, bleibt wohl ohne große Wirkung.“
95 Prozent von dem, was durch Geas neu kommt, bleibt wohl ohne große Wirkung. Das Dublin-System, das trotz großem Aufwand noch nie funktioniert hat, bleibt erhalten. Warum aber sollten Italien, Griechenland, Ungarn erstmals so gut kooperieren, dass alle Überstellungen gelingen? Zweifel sind angebracht. Und wenn Dublin weiter nicht funktioniert, wird auch europäische Solidarität nicht funktionieren.
Was mit Geas aber erstmals möglich wird und viel bringen könnte, sind Abkommen, um die Asylverfahren jener, die nach einem Stichtag das Mittelmeer überqueren, statt in der EU in sicheren Drittstaaten durchzuführen, auch in Ländern, die keine Transitstaaten sind. Gelingt diesen Sommer das erste solche Abkommen und folgen dann weitere in den Monaten danach, könnte es erstmals gelingen, die irreguläre1 Migration in die EU nachhaltig drastisch zu reduzieren – und das ganz ohne Menschenrechtsverletzungen und ohne die Flüchtlingskonvention in irgendeiner Weise zu missachten. Das wäre eine Wende. Daran müsste man jetzt schon arbeiten.
Es gibt Gespräche zwischen EU-Staaten, auch Deutschland, über Rückführungen in Drittstaaten, sogenannte Return Hubs.
Das ist etwas anderes. In den Niederlanden gab es die Überlegung, bereits abgelehnte Asylwerber aus Ostafrika, die man nicht in ihre Heimatländer zurückschicken kann, stattdessen nach Uganda abzuschieben. Das wurde seitdem wieder aufgegeben. Es ginge dabei nur um bestimmte Gruppen. Die Wahrscheinlichkeit, abgeschoben zu werden, bliebe sehr gering. Es wäre ein großer Aufwand, der kaum zu nachhaltig zu weniger irregulärer Migration führen würde. Und darum sollte es gehen.
Was meinen Sie dann?
„Sind die gesetzlichen Menschenrechtsbedingungen nicht erfüllt, handelt es sich um keinen sicheren Drittstaat.“
Wir brauchen Abkommen, die erreichen, dass schnell kaum noch Menschen irregulär über das Meer kommen. Wenn ab einem Stichtag im Juni fast jeder, der über Libyen nach Griechenland kommt, für das Asylverfahren in ein ostafrikanisches Land gebracht würde, dann würde die Zahl der Überfahrten schnell einbrechen. Asylverfahren würden im sicheren Drittstaat stattfinden, am besten mit Hilfe des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Die klare Botschaft: Ab dem Stichtag ist es aussichtslos und sinnlos so irregulär über das Meer zu kommen. Das Ziel: Nach wenigen Wochen würde kaum noch jemand über Libyen nach Griechenland kommen. Solche Abkommen bräuchten wir an allen vier wichtigen Migrationsrouten in die EU.
Auch zu diesem Konzept gibt es immer sofort einen Aufschrei. Wie kann das menschenwürdig funktionieren?
Diese Antwort ist einfach: Sind die gesetzlichen Menschenrechtsbedingungen nicht erfüllt, handelt es sich um keinen sicheren Drittstaat, und Transfers wären verboten. Nun führt das UNHCR bereits seit 2019 erfolgreich Asylverfahren für Menschen aus anderen Staaten in Ruanda durch. Ich war dort vor Ort. Wenn es auf diese Art gelingen würde, Kontrolle herzustellen, und dabei das Recht auf Asylverfahren zu bewahren und dazu das Sterben im Mittelmeer drastisch zu reduzieren, wäre das im Sinne der Menschenwürde. Allein im zentralen Mittelmeer gab es in den vergangenen zehn Jahren über 20.000 tote Migranten. Es bleibt die gefährlichste Grenze der Welt.
Und Sie schlagen Ruanda als Partner für ein Drittstaatsabkommen vor?
Es wäre schon in diesem Sommer dazu bereit. Dort ist das Flüchtlingshilfswerk UNHCR auch bereits vor Ort. Natürlich sollte man dann auch mit anderen Ländern reden. Es geht um attraktive Angebote, etwa Länder bei der Bekämpfung extremer Armut und beim Schaffen von Jobs vor Ort zu unterstützen, oder die Vergabe von Visa für Reisende zu erleichtern. Und parallel zum Rückgang der irregulären Migration das System für die reguläre Aufnahme von Flüchtlingen mit dem UNHCR gemeinsam wieder aufzubauen – wohlgemerkt geordnet, ohne Lebensgefahr für Schutzsuchende. Die Chance dazu sollten wir diesen Sommer nutzen.
„Niemand aus Gaza kommt heute irregulär nach Deutschland. Die Grenzen sind mit Gewalt geschlossen, von Israel wie Ägypten.“
Sonst droht im Herbst eine böse Kombination: Gerichte stoppen die Binnen-Grenzkontrollen, Geas enttäuscht, Regierungen stehen ohne nachhaltige Strategie da. Dann hätten Europafeinde in ganz Europa ein weiteres Wahlkampfthema geschenkt.
Könnten zu dem Zeitpunkt auch neue Fluchtbewegungen auf Deutschland zukommen durch die Kriege im Nahen Osten?
Niemand aus Gaza kommt heute irregulär nach Deutschland. Die Grenzen sind mit Gewalt geschlossen, von Israel wie Ägypten. Auch aus dem Libanon oder dem Iran kommt heute kaum jemand nach Europa. Kriege im Nahen Osten führen nicht automatisch dazu, dass sich Flüchtlingszahlen in Deutschland erhöhen, außer sie greifen auf Syrien über, und das Klima für Syrer in der Türkei verschlechtert sich. Syrien erscheint heute mit seinen enormen Problemen stabil im Vergleich zur Region. So fliehen derzeit Menschen aus dem Libanon nach Syrien, obwohl es dort immer noch enorme Armut, Unterernährung und wenig Wiederaufbau gibt. (epd/mig)
- Mit „illegaler“ oder „irregulärer“ Migration werden im politischen Sprachgebrauch irreführend auch Fluchtbewegungen von Menschen bezeichnet, die Schutz suchen. Weil sichere und legale Fluchtwege oft fehlen, bleibt vielen keine andere Möglichkeit, als Grenzen zunächst ohne gültige Dokumente zu überqueren, um ihr international garantiertes Recht auf Asyl geltend zu machen. Juristisch ist das keine „illegale“ Handlung, sondern die Wahrnehmung eines verbrieften Rechts.
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Drehbuch der Radikalen Politologin warnt: Schwarz-Rot stärkt die AfD weiter
- Aram Arami Vom Asylheim in die ARD-Hauptrolle
- Cottbus Deutschlands Kampf gegen rechts ist ehrenamtlich
- Studie Deutschland profitiert von gesunden Einwanderern –…
- Sicherheitslücke Anschläge auf Moscheen in Memmingen und Berlin
- Islam in Deutschland Der erschöpfte Muslim – hat genug vom „Dialog“

