
Integrationsparadox
Ein Vorbild im Betrieb, ein Problem bei der Behörde
Er arbeitet, spricht Deutsch, hat Familie und einen Betrieb, der ihn halten will. Doch statt Sicherheit bekommt Hakeem Noono weiter nur Unsicherheit. Der Fall zeigt, wie schnell gelungene Integration an Behördenzweifeln hängen bleibt.
Von Uwe Pollmann Sonntag, 19.04.2026, 15:02 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 19.04.2026, 15:02 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Vor zehn Jahren kam Hakeem Noono als Jugendlicher über das Mittelmeer nach Europa. Der heute 28-jährige Ghanaer schlug sich bis nach Bielefeld durch, lernte Deutsch, fand schnell Freunde und begann eine Ausbildung in einer Tiefbaufirma. „Die Gesellenprüfung als Straßenarbeiter habe ich vor vier Jahren abgeschlossen“, erzählt er stolz. „Meine Firma will, dass ich dort bleibe.“ Doch das ist unsicher. Denn Noono hat kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht.
„Hakeem Noono könnte jungen Zugewanderten Vorbild und Inbegriff von Integration sein“, sagt die Ausbildungsbetreuerin seiner Firma, Maja Gehle. „Betrachtet man jedoch den behördlichen Verlauf, so mag es in jungen Menschen eher die Sinnfrage aufbringen.“ Denn seit über anderthalb Jahren wird Noonos Identität überprüft. Bisher ohne Ergebnis.
Aufenthalt nur bis April verlängert
2023 hat Noono von der ghanaischen Botschaft einen Pass erhalten. „Nach vielen Bitten davor“, beteuert er. „350 Euro Gebühr kostete es.“ Das Dokument und eine Geburtsurkunde übergab er dem Ausländeramt, das aber die Richtigkeit bezweifelte und die deutsche Botschaft in Ghana um Hilfe bat. Währenddessen bekam Noono 2024 durch das Chancenaufenthaltsrecht eine Aufenthaltserlaubnis für 18 Monate, in der die Angaben geprüft werden sollten. Das kostete ihn weitere 500 Euro. Die Zeit ist mittlerweile abgelaufen, der Aufenthalt wurde nur bis April verlängert.
„Wir haben Zweifel an manchen Aussagen“, berichtet Amtsleiter Andreas Turow. Denn Hakeem Noono ist nach seiner Erinnerung im frühen Kindesalter mit seinem Onkel von Ghana nach Libyen gegangen, weil die Eltern gestorben waren. Als der Onkel für die Regierung unter Diktator Gaddafi arbeitete, ging der Junge zur Schule. Doch 2015 wurde der Ziehvater anscheinend entführt, der Junge flüchtete.
„Es gibt keine Informationen über den Onkel, keine Dokumente aus Libyen“, erklärt Turow. „Noono konnte nichts präsentieren. Und wie ist er plötzlich an das Dokument gekommen? Über Jahre war das ja nicht möglich.“ Da müssten die Hintergründe der Passerstellung verfolgt werden.“ Aus Ghana komme jedoch nichts zurück, erklärt der Amtsleiter: „Wir drängeln da schon.“
Reihenhaus für die Familie gekauft
Hakeem Noono will aber nicht nur wegen der Arbeit bleiben. Mit seiner deutschen Freundin hat er ein Kind. „Ich will heiraten und die Vaterschaft anerkennen lassen. Das geht bisher nicht.“ Ohne das „Go“ vom Ausländeramt läuft beim Standesamt nämlich nichts. Doch mit seinem Pass konnte Noono einen Führerschein machen und günstig ein Reihenhaus für die Familie kaufen.
„Seine jetzige Situation belastet das ganze Team“, klagt sein Arbeitgeber, der ihn unbedingt halten will. „Mit seiner Klarheit, Güte, seinem Witz wie auch seinem Verantwortungsbewusstsein ist Hakeem aus unserem Team nicht wegzudenken.“
Auch die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe unterstützt das: „Wir würden es sehr begrüßen, wenn Herr Noono als handwerkliche Fachkraft dauerhaft in Bielefeld bleiben könnte.“ Ähnlich äußern sich Berufsschule, Sportverein, seine Kirchengemeinde und viele Unternehmen und Bürger in Bittbriefen an die Stadt.
Handwerk und Flüchtlingsrat: Chancenaufenthaltsrecht muss bleiben
Murisa Adilovic, stellvertretende Integrationsausschussvorsitzende Bielefelds und im Vorstand des Landesintegrationsrats NRW, spricht gar von „Schikane“: „Hakeem Noono hat doch längst seine Berechtigung für den Aufenthalt bewiesen. Den brauchen wir. Der macht einen Beruf, zu dem wenige bereit sind.“ Dass in dem Fall das Chancenaufenthaltsrecht noch nicht erfolgreich war, sollte nach Ansicht von Adilovic aber nicht gegen das Gesetz sprechen, das Ende 2025 ausgelaufen ist.
Für eine Verlängerung des Rechts spricht sich auch Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat NRW aus: „Mit einem verlängerten Aufenthaltstitel haben Flüchtlinge mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Und sie haben mehr Zeit, ihren Pass zu beschaffen, was in vielen Ländern sehr schwierig ist.“ Das sieht der Zentralverband des Deutschen Handwerks ebenso: „Das Chancenaufenthaltsrecht hat sich als Übergangsregelung bewährt, um geflüchteten Menschen für einen bestimmten Zeitraum den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern.“
87.000 Menschen mit Aufenthaltstitel aufgenommen
Bis Ende Oktober wurden rund 87.000 Menschen im Chancenaufenthaltsrecht aufgenommen, mehr als 25.000 hatten aus dieser Phase heraus bisher einen Folgeaufenthaltstitel erhalten, wie das Amt der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung mitteilt. Verlängert werde das Recht aber nicht, es werde eine „neue Bleiberechtsregelung für geduldete Personen“ geben: „Inwieweit diese Regelung ehemalige Inhaber des Chancenaufenthaltsrechts einschließt, ist derzeit aufgrund fehlender Details zur Ausgestaltung noch nicht absehbar.“
Der Leiter des Bielefelder Ausländeramtes, Andreas Turow, hält das abgelaufene Recht ohnehin für überflüssig: „Die Ausländerbehörden würden erwarten, dass sich jeder sofort um seine Identitätsklärung bemüht.“ Ein Chancenaufenthaltsrecht brauche es da nicht. Er hofft aber, dass es für Hakeem Noono bald eine Nachricht aus Ghana gibt: „Die deutsche Botschaft dort haben wir mehrmals erinnert.“ (dpa/mig) Leitartikel Panorama
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