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Jesiden feiern Neujahr (Archiv) © Bilal Seçkin/AFP

Jesidisches Neujahr

Frühlingsfest im Schatten von Angst und Abschiebedruck

Bunte Eier, Frühlingsbeginn, große Feiern – und zugleich die Angst vor Rückkehr in eine unsichere Heimat. Der Widerspruch zwischen Völkermord-Anerkennung und verweigertem Schutz prägt viele jesidische Familien bis heute.

Von Dienstag, 14.04.2026, 11:46 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 14.04.2026, 11:46 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

„Unser Neujahrsfest ist etwas Besonderes“, sagt die 33-jährige Jesidin Fenya Igrek. „Ich überlege früh, was ich backe. Es gibt Gebäck, viele bunte Eier. Wie seit Jahrtausenden werden sie natürlich gefärbt, mit verschiedenen Blüten oder Rote Beete.“ Auch die Kinder der Personaldienstleistungs-Kauffrau seien gespannt auf den 15. April. „Es ist ein Fest der Gemeinschaft, das mit vielen gemeinsam gefeiert wird. Ein Fest zum Frühlingsanfang.“

Die Feiern finden in der Regel draußen statt. In Bielefeld kamen in den vergangenen Jahren auf einem Gelände bis zu 10.000 Feiernde zusammen.

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Fenya Igrek schaut aber auch mit gemischten Gefühlen auf den Tag. Denn viele Jesidinnen und Jesiden würden in Unsicherheit leben. Die Lage im Irak, wo 2014 die Terrororganisation „IS“ Tausende Menschen jesidischen Glaubens massakrierte, sei noch „sehr angespannt“, sagt Igrek, die ehrenamtlich für den jesidischen Fernsehsender Cira TV arbeitet. Der Sender versorgt aus dem ostwestfälischen Löhne rund eine Million Jesiden weltweit mit Berichten über Politik, Gesellschaft und Kultur.

„Der IS mobilisiert wieder“

„Nach der Anerkennung des Völkermords durch Deutschland haben wir damit gerechnet, dass etwas für den Wiederaufbau getan wird“, erklärt die Journalistin und Moderatorin. „Aber es fehlen Hilfsprogramme. Und die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Weder im Irak noch in Syrien werde Jesiden geholfen. Und wenn für das Hauptsiedlungsgebiet in der Sinjar-Region im Nordwesten Iraks die Hilfe fehle, „ist es nicht möglich, die Menschen dorthin zurückzuschicken“.

Keleş Koyun von der Gesellschaft Ezdai, einem Dachverband jesidischer Initiativen, warnt ebenso: „Jesiden haben im Irak und in Syrien keinen Schutz. Der IS wächst und mobilisiert wieder.“ Die Bestrebung, nun vermehrt Jesiden zur Ausreise zu zwingen, kann Koyun, der beim Evangelischen Kirchenkreis Bielefeld arbeitet, nicht verstehen.

Im August 2014 überfielen die fanatischen Glaubenskrieger des IS jesidische Gemeinschaften im Irak. Mehrere Tausend Menschen wurden getötet, etwa 7.000 Frauen und Mädchen versklavt. 2.000 von ihnen gelten laut der Gesellschaft für bedrohte Völker bis heute als vermisst.

Zentralrat: Es fehlen stabile Strukturen und Sicherheit

Die Lage sei „äußerst fragil“, erklärt Irfan Ortac vom Zentralrat der Jesiden in Deutschland. Es fehle „an stabilen staatlichen Strukturen, verlässlicher Sicherheit und nachhaltigem Wiederaufbau“. Abschiebungen seien unverantwortlich: „Viele Betroffene sind traumatisiert, ihre Heimatorte zerstört oder unsicher, grundlegende Lebensbedingungen häufig nicht gewährleistet.“

In Deutschland leben laut Ortac rund 230.000 Menschen jesidischen Glaubens, viele in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Baden-Württemberg – „weltweit die größte Diaspora-Gemeinschaft“. Ein großer Teil von ihnen komme aus dem Irak.

Bundesregierung gegen Landesschutzprogramm

Nordrhein-Westfalen will diesen Menschen „eine Bleibeperspektive ermöglichen“, erklärt Flucht- und Integrationsministerin Verena Schäffer (Grüne). Mit ihrem CDU-Kabinettskollegen Nathanael Liminski (Bundes- und Europaangelegenheiten) schrieb sie an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), um Einvernehmen über ein Landesschutzprogramm zu erlangen. Ausreisepflichtige Jesiden ohne Vorstrafen sollten, wenn sie zwei Jahre in NRW leben, ein Aufenthaltsrecht erhalten. „Die Anerkennung des Völkermords verpflichtet uns zu konkretem Handeln“, sagt sie dem „Evangelischen Pressedienst“.

Doch Dobrindt lehnte ab. „Durch das geplante Landesaufnahmeprogramm wird faktisch ein Abschiebungsstopp etabliert“, erklärt das Bundesinnenministerium auf Anfrage. Es stünde damit im Widerspruch zu einer geltenden Entscheidung der Innenministerkonferenz aus dem Jahr 2024, „keinen in allen Bundesländern geltenden Abschiebungsstopp für irakische Staatsangehörige jesidischen Glaubens nach § 60a Absatz 1 des Aufenthaltsgesetzes zu erlassen“.

Landesaufnahmeprogramm „wichtiges humanitäres Signal“

Schäffer will aber nicht locker lassen: „Die NRW-Landesregierung wird sich weiterhin für eine Lösung auf der Bundesebene einsetzen.“ Das Vorhaben sei „ein wichtiges humanitäres Signal“, sagt auch Irfan Ortaç: „Der Widerstand auf Bundesebene ist aus meiner Sicht bedauerlich und schwer nachvollziehbar, insbesondere angesichts der weiterhin prekären Lage der Eziden im Irak.“

Viele Jesiden aus dem Irak litten unter starken Traumata, erklärt die Journalistin Fenya Igrek. Es gebe dort keine Hilfe für den Wiederaufbau. „Man steht vor dem Nichts. Das ist eine ausweglose Lage.“ Dennoch gäben Feste wie die Neujahrsfeiern den Jesiden auch Hoffnung: „Die größte Hoffnung ist vor allem die Befreiung der vom IS Entführten, Frauen und Kinder“, sagt Igrek. Und endlich Informationen zu bekommen über die Verschwundenen, die getötet wurden (epd/mig) Aktuell Panorama

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