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Lehrerin vor der Schulklasse (Symbolfoto) © 123rf.com

Rassismus in Deutschland

„Mohammed, komm an die Tafel, du kleiner Terrorist“

Rassismus ist in Deutschland kein Ausrutscher am Rand, sondern tief im Alltag verankert – offen, subtil und oft erschreckend selbstverständlich. Eine neue Studie zeigt, wie hartnäckig entmenschlichende Denkmuster sind und wie sehr sie Vertrauen, Zusammenhalt und Demokratie beschädigen.

Von Donnerstag, 19.03.2026, 15:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 19.03.2026, 15:28 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Rassistische Vorurteile etwa zu vermeintlichen naturgegebenen Unterschieden sind laut einer Umfrage weit verbreitet in der deutschen Gesellschaft. So sei knapp jeder Zweite der Ansicht, gewisse ethnische Gruppen oder Völker seien „von Natur aus fleißiger als andere“. Das geht aus einer Befragung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) hervor, die in Berlin vorgestellt wurde.

Ein Viertel ist demnach der Ansicht, es gebe unterschiedliche menschliche Rassen. Das gilt als wissenschaftlich überholt. In ihrer „Jenaer Erklärung“ schrieben Spitzenforscher aus Zoologie und Anthropologie 2019: „Beim Menschen besteht der mit Abstand größte Teil der genetischen Unterschiede nicht zwischen geographischen Populationen, sondern innerhalb solcher Gruppen. Die höchste genetische Vielfalt findet sich auch heute noch bei Menschen auf dem afrikanischen Kontinent.“

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Forscher sehen bestimmte Haltungen zu Minderheiten als subtilere Form von Rassismus

Doch nicht immer äußert sich die Ablehnung bestimmter Gruppen so unmittelbar, erklären die Forscher. „Diese offenen rassistischen Einstellungen verbinden sich heute oft mit moderneren Varianten, die subtiler wirken, weil sie eben auch ohne Begriffe der offenen Abwertung auskommen“, sagt Co-Autor Tae Jun Kim. „Der moderne Rassismus ist oft nur die höflichere Form, um bestehende Über- und Unterordnungen von Gruppen zu rechtfertigen.“

Die Forscher fragten hier Haltungen zur Stellung von Minderheiten ab. So stimmt mehr als jeder Zehnte voll und ganz oder eher der Aussage zu, die Diskriminierung von Angehörigen ethnischer oder religiöser Minderheiten sei kein Problem mehr in Deutschland. Rund jeder Fünfte stimmt teils/teils zu, mehr als 60 Prozent widersprechen voll und ganz oder eher. Die Aussage, ethnische und religiöse Minderheiten stellten zu viele Forderungen nach Gleichberechtigung, findet Rückhalt bei einem Viertel.

Auch Betroffene haben Vorurteile

Die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, stellte klar, dass es übrigens nicht stimme, dass sich Menschen einfach in Täter und Opfer einteilen ließen. „So funktioniert das nicht, sondern Gesellschaften sind divers“, sagt Ataman. „Der Glaube daran, dass es menschliche Rassen gibt, ist eben auch unter Menschen, die dann davon negativ betroffen sind, auch verbreitet.“

Bei der Einstufung bestimmter Gruppen als fleißiger zum Beispiel war die Zustimmung unter muslimischen, asiatischen und osteuropäischen Befragten höher als unter Menschen, die die Forscher als „nicht rassistisch“ markiert einstuften. Tendenziell nahmen diskriminierende Überzeugungen mit dem Bildungsstand ab.

„Komm an die Tafel, du kleiner Terrorist“

Was die Zahlen im Alltag bedeuten, davon kann die Antidiskriminierungsbeauftragte erzählen. „Muslime berichten, dass ihnen jemand am Bahnhof zum Beispiel im Vorbeigehen zuraunt: ‚Euch Messerstecher schicken wir auch noch heim.‘“, sagt Ataman. „Eine Mutter berichtet, ihr Kind sei von der Lehrerin aufgerufen worden mit den Worten ‚Mohammed, komm an die Tafel, du kleiner Terrorist.‘“

Beleidigungen oder Beschimpfungen, Belästigungen, Bedrohungen oder Angriffe werteten die Forscher als offenkundige Erfahrungen. Unfreundliche Behandlung, Angestarrt-Werden und andere Erlebnisse stufen sie als subtiler ein. In beiden Bereichen berichteten schwarze und muslimische Menschen besonders häufig von schlechten Erfahrungen. Das gilt auch für den Umgang mit Ämtern und Behörden.

Häufigste Gründe für Diskriminierung unter allen Befragten waren Geschlecht, Alter und soziale Klasse, von denen auch weiße Menschen betroffen sein können.

Das Vertrauen in staatliche Behörden und die Politik ist bei Menschen, die Rassismus erleben, geringer. Hier spielen zusätzlich auch Berichte von Bekannten oder Verwandten über Zurücksetzungen eine Rolle. „Diskriminierung ist somit kein bloßes Befindlichkeitsproblem, sondern eine reale Gefahr für die Legitimität staatlicher Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, stellte Co-Autor Kim fest.

Wie die Befragung funktioniert

Die Befragungen werden seit 2022 im Rahmen des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors durchgeführt. Der aktuelle Monitoringbericht trägt den Titel „Verfestigte Abwertungen, fragiles Vertrauen. Rassismus und Diskriminierung in Deutschland“.

Für die Studie hat das Dezim 8.171 in Deutschland lebende Menschen im Alter von 18 bis 74 Jahren online befragt, zwischen Oktober 2025 und Januar 2026. Hinzu kommen Vergleiche mit früheren Befragungsrunden. Bevölkerungsgruppen, die potenziell von Rassismus betroffen sind, sind gezielt überrepräsentiert. Für Aussagen über die Gesamtbevölkerung wurden sie gewichtet. Die Befragung ist laut Dezim repräsentativ.

Die Befragten konnten sich dazu selbst verschiedenen Gruppen zuordnen. Die Kategorien: Deutsche ohne Migrationshintergrund oder Weiße, schwarze, asiatische, muslimische und osteuropäische Menschen sowie Deutsche mit Migrationshintergrund. (dpa/mig) Gesellschaft Leitartikel

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