Nasim Ebert-Nabavi, Rechtsanwältin, MiGAZIN, Menschenrechte, Recht, Gaza
Nasim Ebert-Nabavi © privat, Zeichnung: MiG

Iran

Das Völkerrecht wankt, die Hoffnung tanzt

Der Angriff auf Iran bricht das Völkerrecht – und dennoch tanzen Menschen. Zwischen Erleichterung, Angst um Angehörige und der Sehnsucht nach Freiheit zeigt sich die ganze Zumutung dieses historischen Augenblicks.

Von Dienstag, 03.03.2026, 12:56 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 03.03.2026, 12:56 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Im Iran herrscht Krieg. Raketen schlagen ein. Sirenen heulen. Verbindungen brechen ab. Informationen sind bruchstückhaft. Menschen suchen Schutz in Wohnungen, in Kellern, in improvisierten Rückzugsorten. Jahrzehntelang flossen Milliarden in Raketenprogramme, in Drohnen, in regionale Milizen. Schutzräume für die eigene Bevölkerung gehörten nicht zu den Prioritäten eines Regimes, das seine Macht nach außen absicherte, während es nach innen kontrollierte.

Und dennoch tanzen Menschen auf den Straßen. Nicht aus Leichtsinn. Sondern als sichtbarer Akt des Widerstands gegen ein klerikales Regime, das Kontrolle über Körper, Verhalten und Öffentlichkeit zur Staatsräson erhoben hatte. Dieser Moment entzieht sich einfachen Deutungen.

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Der Tod des geistlichen Führers Ali Khamenei hat für viele eine symbolische Wucht. Er war nicht das gesamte System, aber seine sichtbare Spitze – religiös legitimierte Autorität, politisches Zentrum, Kontinuität der Kontrolle. Über Jahrzehnte galt er als unantastbar. Dass diese Figur gefallen ist, erschüttert die Erzählung von Unveränderlichkeit.

Gleichzeitig steht eine andere Frage im Raum, größer als jede Explosion. Gilt das Gewaltverbot der UN-Charta noch als verbindliche Grenze oder nur noch als dehnbare Option? Artikel 2 Absatz 4 untersagt militärische Gewalt grundsätzlich. Zulässig ist sie nur bei einem bewaffneten Angriff oder mit Mandat des Sicherheitsrates. Beides liegt hier nicht vor. Der Angriff ist völkerrechtswidrig.

„Der Angriff ist völkerrechtswidrig.“

Das klingt nüchtern. Für viele wirkt es widersprüchlich. Wie kann eine internationale Norm greifen, wenn ein Regime selbst gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, Proteste niederschlägt und Kritik kriminalisiert?

Doch das Gewaltverbot schützt nicht die Herrschenden. Es schützt vor der Entgrenzung militärischer Macht. Es soll verhindern, dass Staaten selbst entscheiden, wann Gewalt legitim ist. Es schützt kleinere Staaten vor der Willkür größerer. Und es schützt Zivilbevölkerungen davor, dass Krieg zur normalen politischen Methode wird.

„Dann entscheidet nicht mehr das Recht, sondern die Fähigkeit, es zu umgehen.“

Würde man dieses Prinzip aufgeben, weil eine Regierung verbrecherisch handelt, entstünde eine Welt, in der militärische Intervention moralisch begründet und strategisch instrumentalisiert wird, je nach Interessenlage. Dann entscheidet nicht mehr das Recht, sondern die Fähigkeit, es zu umgehen. Gerade deshalb ist dieser Moment so schwer auszuhalten.

Vier Jahrzehnte religiös legitimierter Herrschaft haben im Iran eine Ordnung verfestigt, die nicht nur regiert, sondern durchdringt. Frauen sind rechtlich benachteiligt, ihr Auftreten wird überwacht, ihr Verhalten sanktioniert. Öffentlicher Widerspruch bleibt nicht folgenlos.

Bereits nach den Protesten zu Beginn dieses Jahres wurden innerhalb weniger Tagen tausende Menschen festgenommen. Viele von ihnen verschwanden in Haftanstalten. Verfahren folgten schnell, oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mehrere Todesurteile wurden vollstreckt – nach Prozessen, die international als Scheinverfahren kritisiert wurden.

„Der Tod Khameneis beendet das System nicht. Aber er beschädigt die Erzählung seiner Unerschütterlichkeit.“

Es war kein Ausnahmezustand, sondern ein bekanntes Muster. Auch in der Vergangenheit reagierte das Regime auf gesellschaftliche Erschütterungen mit Massenverhaftungen, harten Urteilen und Hinrichtungen: Studierende verschwinden nach Demonstrationen in Haft; Aktivistinnen stehen vor Gericht; Künstler, Journalistinnen, Lehrende – wer öffentlich widerspricht, gilt nicht als Teil einer Debatte, sondern als Gegner.

Regimekritik gilt nicht als legitimer Widerspruch, sondern als Angriff auf die Ordnung selbst. Religiös aufgeladene Moral wird zur politischen Waffe. Verfahren bleiben intransparent, Urteile hart, Verteidigungsmöglichkeiten begrenzt. Die Todesstrafe wird vollstreckt. Hinrichtungen sind kein Tabubruch, sondern Teil eines bekannten Repertoires staatlicher Machtsicherung.

Die Revolutionsgarden sind dabei weit mehr als ein militärischer Arm. Sie bilden ein Machtzentrum, das Sicherheitsapparate kontrolliert, wirtschaftliche Schlüsselbereiche dominiert und politische Loyalität absichert. Einschüchterung ersetzt Vertrauen. Stabilität entsteht nicht durch Zustimmung, sondern durch Abschreckung.

„Trotz Verstoß gegen das Völkerrecht empfinden viele Erleichterung. Diese beiden Wahrheiten heben einander nicht auf.“

In einem Land, das sich auf ein Erbe von Dichtern und Denkern beruft, ist kritisches Denken zur Gefahrenzone geworden. Vor diesem Hintergrund erhält der Tod des geistlichen Führers für viele eine besondere Bedeutung. Er beendet das System nicht. Aber er beschädigt die Erzählung seiner Unerschütterlichkeit.

Hier beginnt die eigentliche Spannung dieses Augenblicks: zwei Wahrheiten zugleich anzuerkennen: Der Angriff ist völkerrechtswidrig. Und dennoch empfinden viele, die unter dieser Ordnung lebten, Erleichterung. Diese beiden Wahrheiten heben einander nicht auf.

„Man kann das Regime ablehnen und Krieg verurteilen. Man kann Hoffnung empfinden und Angst haben. Man kann erleichtert sein und sich schuldig fühlen.“

In der iranischen Community – im Land wie in der Diaspora – verläuft keine klare Trennlinie. Man kann das Regime entschieden ablehnen und zugleich Krieg verurteilen. Man kann Hoffnung empfinden und gleichzeitig Angst um Angehörige haben. Man kann erleichtert sein und sich schuldig fühlen.

Ohnmacht sucht Halt. Wenn innere Veränderung über Jahrzehnte blockiert wird, erscheint äußere Erschütterung irgendwann wie Bewegung. Das erklärt das Tanzen. Es erklärt nicht die Gewalt.

Militärische Intervention ersetzt keine gesellschaftliche Befreiung. Autoritäre Strukturen zerfallen selten geordnet. Sie hinterlassen Apparate, Loyalitätsnetze, bewaffnete Machtzentren. Der Sturz einer Symbolfigur beseitigt diese Mechanismen nicht.

Zwischen einem gebrochenen Recht und einer aufbrechenden Erwartung steht nun ein Land im Krieg. Die eigentliche Reife dieses Moments liegt nicht darin, ein Lager zu wählen, sondern darin, die Gleichzeitigkeit auszuhalten.

„Zwischen gebrochenem Recht und aufbrechender Erwartung steht ein Land im Krieg.“

Ein gebrochenes Recht.
Ein erschüttertes Machtzentrum.
Eine erschöpfte Bevölkerung zwischen Angst und Hoffnung.
Und Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Leben ohne Furcht, weder vor dem eigenen Staat noch vor Raketen.

Was jetzt geschieht, wird nicht nur militärisch entschieden. Es entscheidet sich daran, ob aus dem Bruch im System tatsächliche Freiheit wächst oder nur neues Leid.

Am Ende geht es nicht um strategische Gewinne. Es geht um Menschen, die nicht mehr zwischen Repression und Gewalt stehen wollen. (mig) Meinung

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