
Arbeit für Ukrainer:innen
Vom Europa-Vergleich lernen
Deutschland bremst ukrainische Geflüchtete aus: schlechte Bezahlung, endlose Verfahren. Während andere Länder Qualifikation nutzen, gehen Ukrainer:innen in Deutschland putzen. Wem hilft das?
Von Prof. Dr. Dietrich Thränhardt Donnerstag, 26.02.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 25.02.2026, 6:25 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Die Unterschiede in der Arbeitsbeteiligung der ukrainischen Flüchtlinge zwischen den europäischen Ländern sind nach wie vor riesig, wie eine neue UNHCR-Studie zeigt. Während in den östlichen EU-Ländern und auch in Großbritannien, Spanien und den Niederlanden zwei Drittel der UkrainerInnen Beschäftigung gefunden haben, sind es in Deutschland nur 39 Prozent – ein Wert, der nur in Norwegen und der Schweiz unterboten wird.
Die Studie beruht auf repräsentativen Befragungen mit insgesamt 6.000 Teilnehmern im ersten Halbjahr 2015. Die Ergebnisse sind relevant für die aktuelle Diskussion in Deutschland.
Die Ampel-Regierung hatte mit einem „Job-Turbo“ versucht, die Beschäftigungsraten zu verbessern. Nun will die Bundesregierung die Ukrainer finanziell auf das Niveau von Asylbewerbern herabstufen. Zuletzt hat der Bundesinnenminister die Integrationskurse für ukrainische Flüchtlinge gestoppt – ein Zeichen der Ratlosigkeit, nachdem die Kurse bisher immer als zentral für die Arbeitsaufnahme gegolten hatten.
Die Studie gibt auch Aufschluss zur Bezahlung und damit zur Qualität der Beschäftigung. Wie zu erwarten waren die Löhne in Westeuropa in absoluten Zahlen höher als in den östlichen EU-Ländern, nicht nur für die Einheimischen, sondern auch für die Flüchtlinge. Die höchsten Löhne erreichten die Flüchtlinge in Norwegen, Großbritannien und den Niederlanden, Deutschland folgte mit etwas Abstand.
„In Deutschland errechnet die Untersuchung die größte Differenz: Ukrainer verdienten hier nur halb so viel wie Einheimische.“
Schaut man sich aber die Lohnhöhe im Vergleich zwischen Einheimischen und Flüchtlingen an, so ergibt sich ein ganz anderes Bild. In Polen erreichten die ukrainischen Flüchtlinge 79 Prozent der Verdienste der Einheimischen, ähnlich in Tschechien, der Slowakei, die größte Differenz gibt es in Rumänen und Bulgarien.
In den westlichen Ländern war der Abstand dagegen größer. In Deutschland errechnet die Untersuchung die größte Differenz: Ukrainer verdienten hier nur halb so viel wie Einheimische. Vergleicht man die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten und die Stellung in der jeweiligen Gesellschaft, so ist die Situation in den östlichen Ländern zufriedenstellender.
„Trotz ihrer guten Ausbildung verrichten die Ukrainerinnen also in Westeuropa und insbesondere in Deutschland schlecht bezahlte Jobs, soweit sie überhaupt beschäftigt sind.“
Trotz ihrer guten Ausbildung verrichten die Ukrainerinnen also in Westeuropa und insbesondere in Deutschland schlecht bezahlte Jobs, soweit sie überhaupt beschäftigt sind. Zudem konstatieren die Autoren, dass zwar die Arbeitsbeteiligung überall über die Jahre ansteigt, der Mismatch zwischen Qualifikation und Einkommen aber nicht kleiner wird.
Es brauche, so die Studie, „gezieltes Eingreifen“. Ein solches Eingreifen könnte, so kalkulieren die Autoren, in Deutschland ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent generieren – angesichts der andauernden Wachstumsschwäche in Deutschland eine hochinteressante Perspektive.
Erreichbar wäre das Wachstum je zur Hälfte durch mehr Arbeitsbeteiligung und durch ausbildungsangemessenere Jobs. Unter allen untersuchten Ländern könnten die potenziellen positiven Effekte in Deutschland am höchsten sein.
„In Polen wurde wenige Tage nach Kriegsbeginn ein Sondergesetz beschlossen, dass einen direkten Zugang zu Berufen … öffnete..“
Wie das „gezielte Eingreifen“ funktionieren könnte, macht ein Blick auf Polen sichtbar. Dort wurde wenige Tage nach Kriegsbeginn ein Sondergesetz beschlossen, dass einen direkten Zugang zu den Berufen „Ärzte und Zahnärzte, Krankenpfleger und Hebammen, Psychologen, zu Lehre und Forschung, Schulassistenten, wenn sie die polnische Sprache beherrschen, Bergleute, Personen, zu öffentlichen Ämtern, zum Pflegebereich“ öffnete.
All das brachte einen Schub und erleichterte zunächst auch die Versorgung der Flüchtlinge selbst. In Deutschland dagegen ist es nach wie vor schwer, in qualifizierte Positionen hineinzukommen, die Verfahren ziehen sich hin. Deutschland macht es den Ukrainerinnen und Ukrainern schwer, wertschöpfend zu arbeiten und wundert sich dann darüber, dass die Arbeitsaufnahme nicht funktioniert. Wenn Ärztinnen putzen gehen, hilft das weder ihnen noch der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft. (mig) Meinung
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