
Migration und Sport
Nicht die Motivation fehlt – sondern der Zugang
Günstige Kurse, Kinderbetreuung und Mitbestimmung: Ein seit mehr als 20 Jahren erprobtes Bewegungsprogramm erreicht auch Frauen, die herkömmliche Sportangebote häufig nicht erreichen. Doch ein neuer Forschungsüberblick zeigt, wie schwer es ist, solche Erfolge dauerhaft abzusichern.
Donnerstag, 29.10.2026, 11:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 28.10.2026, 15:49 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Die Frauen kommen zum Sport, manche über Jahre. Sie nutzen die Kurse, knüpfen Kontakte und berichten von gesundheitlichen Verbesserungen. Doch während Teilnehmerinnen dem Programm lange treu bleiben, verschwinden andernorts die Angebote. Ein neuer Forschungsüberblick zeigt, dass die langfristige Absicherung solcher Bewegungsprogramme häufig schwieriger ist, als Frauen überhaupt für die Teilnahme zu gewinnen.
Die am 19. Oktober 2026 im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichte Untersuchung von Forschenden um Karim Abu-Omar führt Ergebnisse mehrerer Studien zusammen. Im Mittelpunkt steht das Programm BIG – „Bewegung als Investition in Gesundheit“. Es wurde 2005 in Erlangen entwickelt und inzwischen auf 22 Kommunen übertragen.
Das Programm richtet sich an Frauen in schwierigen Lebenssituationen, darunter viele mit Migrationsgeschichte. Die Forschung zeigt, dass sich mit gezielten Angeboten Frauen erreichen lassen, für die herkömmliche Sportmöglichkeiten schwer zugänglich sind. Doch die Erfolge bei den Teilnehmerinnen lassen sich nicht ohne Weiteres auf die dauerhafte Verankerung des Programms übertragen.
Wenn nicht der Wille fehlt, sondern die Möglichkeiten
Wer Sport treiben möchte, braucht dafür nicht nur Motivation. Auch Geld, Zeit und erreichbare Angebote spielen eine Rolle. Für Frauen mit geringem Einkommen, familiären Verpflichtungen oder geringen Deutschkenntnissen können sich diese Hürden verstärken. Hinzu kommen mitunter fehlende geeignete Sportmöglichkeiten oder das Gefühl, in bestimmten Einrichtungen nicht willkommen zu sein.
Wie eng körperliche Aktivität mit den Lebensbedingungen zusammenhängt, verdeutlicht eine Untersuchung unter Beteiligung des Robert Koch-Instituts vom Juni 2026. Dafür wurden Daten von 6.038 Erwachsenen mit kroatischer, italienischer, polnischer, syrischer oder türkischer Staatsangehörigkeit ausgewertet. Nur rund 29 Prozent erfüllten die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation für Ausdauerbewegung. Die Forschenden fanden Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und Bildung, sozialem Status, Deutschkenntnissen sowie sozialer Unterstützung.
Niederschwellige Kursangebote
Genau hier setzt BIG an. Die Kurse sind kostenlos oder kosten häufig nur ein bis zwei Euro pro Einheit. Sie finden möglichst wohnortnah statt, teilweise gibt es kostenlose Kinderbetreuung. Oft ist keine vorherige Anmeldung erforderlich. Vor allem aber entscheiden die Frauen bei der Gestaltung der Angebote mit. Nicht sie müssen sich an bestehende Sportstrukturen anpassen – die Angebote orientieren sich an ihren Lebensbedingungen.
Die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen sind bemerkenswert: In einer Befragung gaben 54 Prozent an, durch BIG mehr Sport zu treiben. 53 Prozent berichteten von einem verbesserten Gesundheitszustand. Im Durchschnitt nahmen die befragten Frauen bereits seit vier Jahren an BIG-Kursen teil.
Erfolgreiche Kurse, unsichere Zukunft
So positiv die Rückmeldungen ausfallen, so ernüchternd ist ein anderer Befund: Nur an rund 40 Prozent der untersuchten BIG-Standorte gelang es, das Programm längerfristig zu verankern. Dort bestanden die Angebote ungefähr zehn Jahre. An anderen Standorten wurden sie häufig nach drei bis vier Jahren wieder aufgegeben. Eine Langzeituntersuchung aus dem Jahr 2020 hatte bereits dokumentiert, wie schwierig die dauerhafte Fortführung ist.
Die Gründe waren unterschiedlich. Einige Kommunen hatten Schwierigkeiten, ausreichend Geld aufzubringen. An anderen Standorten gelang es nicht, genügend Teilnehmerinnen zu gewinnen oder tragfähige örtliche Netzwerke aufzubauen. Auch veränderte politische Prioritäten spielten eine Rolle.
Selbst das Ursprungsprojekt steht auf der Sparliste
Dass die Frage weiterhin aktuell ist, zeigt ausgerechnet Erlangen, wo BIG vor mehr als 20 Jahren entwickelt wurde. Die Stadt nahm das Programm im September 2026 in ihre Liste möglicher Einsparungen für den Haushalt 2027 auf. Eine vollständige Streichung hätte nach Berechnungen der Verwaltung 56.100 Euro im Jahr 2027 und jährlich 92.200 Euro ab 2028 eingespart. Betroffen wäre ein etabliertes Angebot, das nach Angaben der Stadt 2025 rund 100 Kurse mit mehr als 2.000 Teilnehmerinnen umfasste.
Inzwischen zeichnet sich eine andere Lösung ab. Die Stadtratsfraktionen von CSU und Grünen/Grüner Liste erklärten am 26. Oktober in einer gemeinsamen Mitteilung, BIG erhalten zu wollen – allerdings mit geringerem Budget. Welche Einschränkungen damit verbunden sein könnten, blieb zunächst offen. Eine endgültige Haushaltsentscheidung steht noch aus. (mig) Aktuell Gesellschaft
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