
„Staatsschutz“ im Kino
Kampf gegen Neonazis – und gegen den Staat
Eine Staatsanwältin wird Opfer rechter Gewalt – und ausgerechnet ihre eigene Behörde bremst die Aufklärung. „Staatsschutz“ zeichnet ein verstörendes Bild institutioneller Verharmlosung und zeigt, was passiert, wenn Behörden rechte Gewalt nicht ernst nehmen.
Von Britta Schmeis Dienstag, 25.08.2026, 12:50 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 25.08.2026, 12:50 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
In den ersten Szenen tritt die junge Staatsanwältin nüchtern und bestimmt auf. Klar formuliert sie ihre Sätze, konservativ bis spießig wirkt sie in ihrer weißen Bluse, das lange, dunkel glänzende Haar brav aus der Stirn gesteckt. Wenig später verwandelt sie sich in eine Art Racheengel, eine Superheldin mit amerikanischem Sportwagen, Pistole und Revolver, die Gesetze und zulässige Methoden ihren eigenen moralischen Ansprüchen unterordnet. Zwischen diesen vermeintlich unterschiedlichen Frauen liegt ein rassistischer Brandanschlag, der auf sie verübt wird.
Was wie ein reißerischer Thriller klingt, ist auch einer, aber nur zum Teil. Denn „Staatsschutz“ von Faraz Shariat ist zugleich eine erschreckend wirklichkeitsnahe Fiktion über die Verharmlosung rechter Gewalt und die Verstrickung der deutschen Justiz in die Neonaziszene. Fast fühlt man sich an die frühe Bundesrepublik und an „Der Staat gegen Fritz Bauer“ erinnert, als große Teile von Justiz und Verwaltung noch von Angehörigen der Kriegsgeneration geprägt waren. Doch „Staatsschutz“ spielt in der Gegenwart.
Wenn der Staat rechte Gewalt nicht sehen will
Die junge koreanisch-deutsche Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) ist voller Ideale und Ambitionen nach Ostdeutschland gekommen, um dort rechter Gewalt mit den Mitteln des Rechts entgegenzutreten. Doch schnell stellt sie fest, dass die Justiz es damit gar nicht so genau nimmt – schon gar nicht, als sie selbst Opfer eines rassistischen Anschlags wird. Nachdem sie bei einem provozierten Fahrradunfall gestürzt ist, wird ein Brandsatz auf sie geworfen. Ihre Behörde spielt den Vorfall öffentlich herunter. Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) betreibt die Ermittlungen auffallend lustlos und setzt stattdessen Seyo unter Druck. Mal wirft er ihr persönliche Rachefantasien vor, mal mangelnde Loyalität.
Also beginnt Seyo, auf eigene Faust zu ermitteln. Sie lässt sich von ihrer befreundeten Kollegin Ayten (Alev Irmak) zurückgehaltene Akten aushändigen, schreckt auch vor einem Einbruch ins Archiv nicht zurück, sucht den Kontakt zu früheren Opfern – und engagiert die erfahrene Anwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch). Als Staatsanwältin und als Opfer legt sie sich mit einem ganzen System an.
Kampf gegen das System
Regisseur Faraz Shariat, der 2020 mit „Futur Drei“ sein Debüt bei der Berlinale feierte, und Drehbuchautorin Claudia Schaefer machen es sich in ihrer Mischung aus politischem Justizdrama und Rachethriller nicht leicht. Seyo ist eine ambivalente Figur. Um ihr Ziel, ihre Vorstellung von Gerechtigkeit, zu erreichen, scheut sie kaum ein Mittel.
Sie zieht Freunde in die Sache hinein und nötigt Migranten, die um ihre Sicherheit fürchten, zur Aussage. Obsessiv schwankt sie zwischen persönlichem Rachefeldzug und dem Anspruch, für Entrechtete zu kämpfen. In engen Lederklamotten, mit Fransenhaarschnitt und schwarzem Dodge gleicht sie dabei zunehmend einer Superheldin. Zimperlich ist sie nicht – und bricht doch immer wieder verzweifelt zusammen. Chen Emilie Yan verkörpert die widersprüchliche Figur mit angespannter Intensität und großer Überzeugungskraft.
Zwischen Rachethriller und politischer Zuspitzung
Manchmal drehen Shariat und Schaefer eine Schleife zu viel, etwa wenn sie Seyo nach einer weiteren Erniedrigung durch zwei Streifenpolizisten eine Nacht in einem Provinzgefängnis verbringen lassen – ohne dass dies Konsequenzen hätte. Zugleich lassen sie kaum Zweifel daran, dass Seyo trotz ihrer fragwürdigen Methoden auf der moralisch richtigen Seite steht.
„Staatsschutz“ ist ein politischer Film, der danach fragt, was eine Demokratie leisten kann und muss – mitunter etwas zu schematisch. Da ist der schmierige, aalglatte Oberstaatsanwalt, der wegen seiner Verbindungen schließlich doch in Bedrängnis gerät; die spröde linke Anwältin; die gutmütige Kollegin mit türkischen Wurzeln; und die Geflüchteten, die zunächst nur ihre Ruhe haben wollen und später dankbar die Chance auf Gerechtigkeit ergreifen. Dennoch ist „Staatsschutz“ ein wichtiger, sehenswerter Film, der einem angesichts der gegenwärtigen politischen Lage manchen Schauer über den Rücken jagt. (epd/mig) Feuilleton Leitartikel
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