
Nebenan
Die Würde des Marokkaners ist antastbar
Man darf heute wirklich gar nichts mehr sagen – außer natürlich alles, überall und jederzeit. Und die christliche Nächstenliebe ist eine feine Sache, solange sie an der EU-Außengrenze endet.
Von Sven Bensmann Montag, 10.08.2026, 16:19 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 10.08.2026, 16:19 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Nichts darf man mehr sagen! Früher, in den guten alten 50ern, da hat es eine solche Sprachpolizei wie heute ja nicht gegeben, da durfte man noch alles frei sagen, aber heute? Kaum sagt man etwas Sexistisches, Rassistisches oder sonstwie Abartiges, erntet man direkt Widerspruch und darf es dann nur noch so oft wiederholen, wie man möchte, auf allen Verbreitungswegen! Schlümm!
Sicher, wer damals nicht weiß, cis, hetero oder, uärgh: eine Frau, war, hatte gar nichts zu sagen, aber so ein richtiger, vollwertiger Mensch, der durfte alles sagen. Einer wie Herbert („Aus dem Hintergrund müsste Rahn auf die Ungarn schießen!“) Zimmermann jedenfalls wäre wohl kaum mit genau jenen Konservativen, die heute so stramm für die Meinungsfreiheit einstehen, aneinander geraten, bloß weil er einen deutschen Fußball-Torwart „Toni, du bist ein Fußballgott!“ gelobt hatte – und wäre deshalb sicher auch nicht von diesen beinahe gecancelt worden. Googlen Sie’s mal.
Natürlich darf man heute mehr sagen als damals. Aber auch die Wahrnehmung dessen, was akzeptabel ist, hat sich verschoben – das ist jedoch etwas völlig anderes.
À propos „etwas völlig anderes“.
Mehr als eine halbe Milliarde Euro: Diese Zahl machte in der letzten Woche die Runde und soll jenen Betrag beschreiben, der von windigen Finanzjongleuren im Namen der Gesetzlichen Krankenkassen an der Börse verzockt wurde.
„Unter jenen, die von Menschenrechten und sogenannter „christlicher Nächstenliebe“ als Konzepte angewidert sind, nennt sich eine solche zukunftsorientierte, nachhaltige Politik nämlich schlicht „Pull-Faktor““
Und wir alle sollten uns glücklich schätzen. Denn erfreulicherweise kann all das natürlich nicht passieren, wenn zukünftig dieselben windigen Finanzjongleure im Namen der Aktienrente an derselben Börse zocken. Sagen jedenfalls die Stiefellecker jener windigen Finanzjongleure, sprich: Wirtschaftsexpertendarsteller wie Friedrich Merz, der von Finanzen und Wirtschaft in etwa so viel Ahnung hat, wie Markus Söder von Seitan-Gulasch – weil er über die Jahre bei Blackrock und Konsorten nicht etwa ehrlich gearbeitet, sondern lediglich sein Adressbuch versilbert hat.
Aber der hat ja eh ausgesorgt – und selbst wenn nicht, bekäme er immer noch seine anständige Politikerpension und nicht etwa jene popelige Rente, die nur Menschen erhalten, die in ihrem Leben ehrliche Arbeit geleistet haben.
Diese wiederum wäre zwar – da hatte Norbert Blüm vollkommen recht – als einzige tatsächlich sicher, sie hat aber auch den Nachteil, dass die bereits angesprochenen windigen Finanzjongleure daraus keine Provisionen, Bearbeitungsgebühren und Gewinnbeteiligungen abschöpfen können. Schlimmer noch: sie ist nur dann zukunftssicher zu gestalten, wenn man zukünftig ausgerechnet bei denjenigen Kapital abschöpfen würde, die dieses eben nicht mit ehrlicher Arbeit verdienen, sondern lediglich mit ererbtem Reichtum erzocken.
Da passt es doch ins Bild, dass die Demokratieskeptiker Merz und Meloni (natürlich nicht allein) letzte Woche öffentlich jenen europäischen Staat scholten, der es wagt, nachhaltig in die eigene Zukunft zu investieren – und dazu Menschen ins Land holt, die diese Renten noch lange mitfinanzieren werden, bevor sie selbst einmal davon den eigenen Ruhestand werden genießen dürfen. Unter jenen, die von Menschenrechten und sogenannter „christlicher Nächstenliebe“ als Konzepte angewidert sind, nennt sich eine solche zukunftsorientierte, nachhaltige Politik nämlich schlicht „Pull-Faktor“ (soll meinen: das Land ist attraktiv für seine Bürger) und sei daher, so der wirre Fiebertraum der Rasse-Puristen, geeignet, das oft beschworene „christliche Abendland“ (seit etwa zwei bis drei Jahrzehnten wird gern noch ein qualifizierendes „jüdisch-“ vorangestellt, um die antimuslimische Stoßrichtung des Begriffs weiter zu betonen) zu zerstören. Und wenn es das Christentum dann nicht mehr gebe, weil wir ja von den Muslimen überfremdet würden, dann sei ja auch niemandem geholfen, weil dann ja auch keine Christen mehr da seien, die Nächstenliebe zeigen könnten, und damit wäre ja auch niemandem geholfen – so die implizite oder sogar explizite Logik selbsternannt christlicher Politiker.
Dazu wurde natürlich auch noch eine Phantomdebatte aufgemacht, welcher Staat, der gerade Beef mit den Spaniern hat, denn wohl hinter diesem zum „Angriff auf den ganzen Westen“ aufgeblasenen Fluchtversuch nach Ceuta stecken könnte – die Marokkaner, die Israelis oder doch die USA? – als ob das die Ertrunkenen wiederbeleben könnte.
„Und obwohl fast alle diese Menschen bereits im Schnellverfahren in die Wüste zurückgeschickt wurden, wird natürlich auch gleich nochmal nach Verschärfungen der Abschottung der EU geschrien.“
Und obwohl fast alle diese Menschen bereits im Schnellverfahren in die Wüste zurückgeschickt wurden, wird natürlich auch gleich nochmal nach Verschärfungen der Abschottung der EU geschrien. Fast mag man dabei den Dobrindts, Merz‘ und Södern unterstellen, sie wären nur noch Millimeter von der Forderung nach Selbstschussanlagen, Minenstreifen und all den anderen Methoden entfernt, mit denen sich die BRD einst die Wirtschaftsflüchtlinge aus der DDR vom Hals zu halten versuchte. Doch schnell schon dämmert es: Wer wissen will, was Merz, Söder, Dobrindt und allgemein die Union wirklich denken, der muss nur mal einen Blick in die Parteiprogramme der AfD werfen. Steht ja alles längst da.
Oder will der Merz vielleicht, und auch das darf ich jetzt einfach mal sagen, doch nur seinen von ihm so geliebten und verehrten Opi – jenen Oberscharführer der SA und Mitglied der NSDAP, der in seiner Heimatstadt Brilon je eine Straße nach Hitler und Göring benennen ließ – Stolz machen, während jener ihn womöglich von ganz tief unten in der christlichen Untergrund-Sauna beobachtet? Merz hält sich ja für einen Christen, zumindest Teile der Bibel – wenn auch nicht ihre zentrale Botschaft – muss er da ja ernst nehmen. (mig) Meinung
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