Moschee, Minarette, Islam, Muslime, Stadt, Religion, Bosnien
Moschee in Bosnien und Herzegowina © Samir Jordamovic/Anadolu/AFP

Sarajevo

Bosniens neuer Großmufti – warum seine Wahl auch Deutschland betrifft

Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina bestimmt ein neues Oberhaupt. Der künftige Reis-ul-ulema könnte zu einer unabhängigen muslimischen Stimme Europas werden – und auch die Entwicklung bosniakischer Gemeinden in Deutschland prägen.

Von Montag, 10.08.2026, 19:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 09.08.2026, 16:45 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |  

Wenn in Deutschland über den Islam gesprochen wird, richtet sich der Blick meist auf Verbände mit Wurzeln in der Türkei oder in arabischen Staaten. Weit weniger Beachtung findet eine muslimische Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten in Europa verwurzelt ist und über eine eigenständige religiöse Institution verfügt: die bosnischen Muslime.

In Bosnien und Herzegowina wird in diesem Jahr ein neuer Reis-ul-ulema gewählt. Der häufig als Großmufti bezeichnete höchste Repräsentant der Islamischen Gemeinschaft ist weit mehr als ein religiöser Würdenträger. Er vertritt die bosnischen Muslime gegenüber staatlichen Institutionen, nimmt zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung und prägt zugleich die religiöse Ausrichtung bosniakischer Gemeinden weit über die Grenzen des Landes hinaus.

___STEADY_PAYWALL___

Sein Einfluss reicht auch nach Deutschland. Hier leben Hunderttausende Menschen mit familiären Wurzeln in Bosnien und Herzegowina. Dutzende bosniakische Moscheegemeinden sind in der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland organisiert und religiös mit Sarajevo verbunden.

Die Wahl ist deshalb keineswegs nur eine innerbosnische Angelegenheit. Sie berührt auch die Frage, welche Rolle ein europäisch gewachsener und institutionell unabhängiger Islam künftig in Deutschland spielen kann.

Das Ende einer 14-jährigen Ära

Nach 14 Jahren an der Spitze der Islamischen Gemeinschaft kann Husein Kavazović nicht erneut antreten. Er wurde 2012 erstmals gewählt und 2019 für eine weitere Amtsperiode bestätigt. Nach zwei Mandaten von jeweils sieben Jahren ist eine erneute Kandidatur ausgeschlossen.

Kavazović führte die Gemeinschaft durch eine Zeit anhaltender politischer Krisen. Dazu gehörten die zunehmende Infragestellung des bosnischen Staates, Angriffe auf muslimische Rückkehrer, die Leugnung des Völkermords von Srebrenica und der wachsende Einfluss ausländischer Akteure auf dem Balkan.

Sein Nachfolger wird sich denselben Konflikten stellen müssen. Zugleich wird von ihm erwartet, dass er die Islamische Gemeinschaft vor parteipolitischer Vereinnahmung schützt und ihre Unabhängigkeit gegenüber ausländischen Regierungen bewahrt.

Drei Kandidaten im Rennen

Der Reis-ul-ulema wird nicht direkt von den Gläubigen gewählt. Zunächst bestimmt das Parlament der Islamischen Gemeinschaft eine Liste mit mindestens zwei und höchstens drei Kandidaten. Anschließend entscheidet ein besonderes Wahlgremium in geheimer Abstimmung. Ihm gehören unter anderem Mitglieder des Parlaments und des Rijaset, Muftis, Hauptimame, Leiter islamischer Bildungseinrichtungen und Vertreter regionaler Gemeindestrukturen an.

Im bisherigen Nominierungsverfahren wurden drei Kandidaten erfasst: der Mostarer Mufti Salem Dedović, der Sarajewoer Mufti Nedžad Grabus und der Leiter der Verwaltung für religiöse Angelegenheiten des Rijaset, Mensur Malkić. Mit der formellen Bestätigung der Liste durch das Parlament der Islamischen Gemeinschaft wird am 5. September 2026 gerechnet. Der ebenfalls vorgeschlagene Tuzlaer Mufti Vahid Fazlović nahm die Kandidatur nicht an.

Die drei Bewerber stehen für unterschiedliche Profile und Vorstellungen von der künftigen Rolle der Islamischen Gemeinschaft.

Salem Dedović: der politisch präsente Interessenvertreter

Salem Dedović, 1976 in der Nähe von Nevesinje geboren, steht für eine gesellschaftlich und politisch aktive Islamische Gemeinschaft. Er besuchte während des Bosnienkrieges die Gazi-Husrev-Beg-Medresa in Sarajevo, studierte anschließend an der renommierten Al-Azhar-Universität in Kairo und promovierte später an der Fakultät für Islamwissenschaften in Sarajevo.

Seit 2014 ist Dedović Mufti von Mostar. Er engagierte sich für den Wiederaufbau religiöser Einrichtungen und den Schutz islamischen Stiftungsvermögens. In der politisch angespannten Herzegowina tritt er zugleich als entschiedener Interessenvertreter der Bosniaken auf.

Seine Unterstützer sehen darin notwendige Standfestigkeit in einer Region, in der ethnische und religiöse Zugehörigkeiten nach wie vor politisch instrumentalisiert werden. Seine Kritiker werfen ihm dagegen vor, die Grenze zwischen religiöser Interessenvertretung und politischem Handeln nicht immer deutlich genug zu ziehen.

Nedžad Grabus: der europäisch erfahrene Intellektuelle

Nedžad Grabus, 1968 geboren, verkörpert akademische Kompetenz, internationale Erfahrung und interreligiösen Dialog. Der Professor für Islamwissenschaften leitete von 2006 bis 2021 die Islamische Gemeinschaft in Slowenien. Während seiner Amtszeit wurde nach langjährigen politischen und juristischen Auseinandersetzungen das Islamische Kulturzentrum in Ljubljana verwirklicht.

Grabus kennt die Lebenswirklichkeit muslimischer Minderheiten in westlichen Gesellschaften. Er verfügt über internationale Kontakte und engagiert sich im muslimisch-jüdischen Dialog. Diese Erfahrungen könnten besonders für die bosniakischen Gemeinden in Deutschland und anderen europäischen Staaten von Bedeutung sein.

Allerdings begleiten ihn auch Kontroversen. In einer später von Wikileaks veröffentlichten Depesche der US-Botschaft in Ljubljana wurden enge Kontakte zwischen der damaligen Führung der Islamischen Gemeinschaft und amerikanischen Diplomaten beschrieben. Weitergehende Anschuldigungen, die daraus abgeleitet wurden, beruhen jedoch weitgehend auf politischen Interpretationen und sollten nicht als erwiesene Tatsachen dargestellt werden.

Mensur Malkić: der Kandidat der religiösen Kontinuität

Mensur Malkić, 1970 in Živinice geboren, gilt als Kandidat religiöser Kontinuität und institutioneller Stabilität. Der Theologe, Hafiz und Koranrezitator war Direktor der traditionsreichen Gazi-Husrev-Beg-Medresa und langjähriger erster Imam der Gazi-Husrev-Beg-Moschee in Sarajevo. Heute leitet er innerhalb des Rijaset die Verwaltung für religiöse Angelegenheiten.

Malkić steht weniger für öffentliche politische Interventionen als für religiöse Bildung, Jugendarbeit und spirituelle Autorität. Seine Unterstützer betonen, dass er bislang kaum mit politischen Affären oder kontroversen öffentlichen Auftritten in Verbindung gebracht wurde.

Für ihn sprechen seine lange Erfahrung innerhalb der zentralen Institutionen und sein moralisches Ansehen. Offen bleibt jedoch, ob ein eher nach innen gerichtetes Profil ausreicht, um die Islamische Gemeinschaft durch die politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der kommenden Jahre zu führen.

Ein europäischer Islam, der nicht erst erfunden werden muss

In der deutschen Debatte wird seit Jahren darüber gesprochen, wie ein „deutscher“ oder „europäischer Islam“ aussehen könnte. Dabei entsteht gelegentlich der Eindruck, ein solcher Islam müsse erst politisch konzipiert und institutionell aufgebaut werden.

Der Blick nach Bosnien und Herzegowina zeigt, dass ein europäisch geprägter Islam längst existiert.

Bosniakische Muslime leben seit Jahrhunderten in Europa. Ihre religiösen Institutionen haben die osmanische, habsburgische, jugoslawische, sozialistische und postjugoslawische Epoche überstanden. Sie sammelten Erfahrungen mit religiöser Selbstverwaltung, Säkularisierung, gesellschaftlicher Modernisierung und dem Zusammenleben mit Christen und Juden.

Die moderne Form ihrer Islamischen Gemeinschaft geht auf die Zeit Österreich-Ungarns zurück. Nach der Besetzung Bosnien und Herzegowinas im Jahr 1878 musste die Habsburgermonarchie eine Ordnung für die religiösen Angelegenheiten ihrer muslimischen Untertanen schaffen. 1882 wurde ein Reis-ul-ulema als Oberhaupt einer eigenständigen islamischen Hierarchie eingesetzt.

Anfangs stand diese Institution noch unter erheblichem Einfluss der habsburgischen Verwaltung. Nach jahrelangem politischen Einsatz erreichten die bosnischen Muslime jedoch mit dem Autonomiestatut von 1909 eine weitgehende Selbstverwaltung ihrer religiösen und stiftungsrechtlichen Angelegenheiten.

Österreich-Ungarn schuf den institutionellen Rahmen. Die tatsächliche Autonomie wurde von den bosnischen Muslimen erkämpft, über unterschiedliche politische Systeme hinweg bewahrt und weiterentwickelt.

Weder Staatsbehörde noch Parteiorganisation

Diese Geschichte ist für die deutsche Islamdebatte von besonderem Interesse. Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina ist keine staatliche Religionsbehörde und keiner Regierungspartei formell unterstellt. Sie unterscheidet sich damit von Strukturen, die unmittelbar von ausländischen Staaten finanziert, personell gelenkt oder politisch instrumentalisiert werden.

Natürlich ist auch die bosnische Gemeinschaft nicht frei von politischen Einflüssen. Parteien in Bosnien versuchen ebenso auf sie einzuwirken wie ausländische Akteure. Die Nähe einzelner Würdenträger zu politischen Parteien oder internationalen Partnern wird innerhalb der Gemeinschaft regelmäßig kontrovers diskutiert.

Der neue Reis-ul-ulema wird deshalb daran gemessen werden müssen, ob er gegenüber den Parteien in Sarajevo ebenso wie gegenüber Ankara, Riad oder anderen Machtzentren ausreichend Distanz wahrt. Gerade seine Unabhängigkeit würde ihm die Glaubwürdigkeit verleihen, die für eine stärkere Rolle im europäischen Islam notwendig wäre.

Was die Wahl für Deutschland bedeutet

Die bosniakischen Moscheegemeinden in Deutschland entstanden zunächst durch die Arbeitsmigration und wuchsen vor allem infolge des Bosnienkrieges der 1990er-Jahre. Für viele Geflüchtete waren sie nicht nur Gebetsorte, sondern soziale Anlaufstellen, Orte der Erinnerung und Räume, in denen Sprache und kulturelle Identität bewahrt wurden.

Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen. Viele junge Bosniaken sind in Deutschland geboren, sprechen Deutsch als erste oder gleichberechtigte Alltagssprache und verstehen Deutschland nicht mehr als vorübergehenden Aufenthaltsort. Ihre Fragen unterscheiden sich von denen ihrer Eltern: Welche Rolle spielt Religion in einer pluralistischen Gesellschaft? Wie lassen sich bosnische Tradition, muslimischer Glaube und deutsche Lebenswirklichkeit miteinander verbinden? Und wie können Gemeinden auch jene jungen Menschen erreichen, die kaum noch Bosnisch sprechen?

Der künftige Reis-ul-ulema wird auf diese Entwicklung reagieren müssen. Seine Entscheidungen können die Auswahl und religiöse Legitimation von Imamen, die Bildungsarbeit, die Jugendarbeit und die gesellschaftspolitische Orientierung der Gemeinden beeinflussen.

Von Bedeutung wird sein, ob die bosniakischen Gemeinden dauerhaft vor allem Diasporaorganisationen bleiben oder sich stärker als ein selbstverständlicher Teil der deutschen Religionslandschaft verstehen. Dafür braucht es mehr deutschsprachige Angebote, transparente Strukturen und eine stärkere Beteiligung der in Deutschland aufgewachsenen Generation – einschließlich der Frauen.

Eine mögliche Stimme gegen Islamfeindlichkeit und Extremismus

Der antimuslimische Diskurs hat sich in Teilen Europas verschärft. Notwendige Kritik an Islamismus, religiösem Extremismus und ausländischer Einflussnahme geht dabei immer wieder in pauschale Urteile über Muslime über. Religion wird dann nicht als ein möglicher Teil europäischer Identität betrachtet, sondern grundsätzlich als Fremdkörper.

Ein glaubwürdiger Reis-ul-ulema könnte diesem Denken aus einer eigenständigen europäischen Perspektive widersprechen. Er wäre weder Vertreter einer ausländischen Regierung noch Funktionär einer Partei, sondern das gewählte Oberhaupt einer historisch gewachsenen europäischen muslimischen Gemeinschaft.

Er könnte zeigen, dass muslimische Religiosität, demokratische Institutionen und gesellschaftliche Verantwortung keine Gegensätze sind. Zugleich müsste er Probleme innerhalb muslimischer Gemeinschaften offen benennen und jeder Form religiösen Extremismus entgegentreten.

Gerade diese doppelte Abgrenzung wäre wichtig: gegen antimuslimische Pauschalisierungen auf der einen und gegen politische Instrumentalisierung des Islams auf der anderen Seite.

Zwischen Sarajevo, Berlin und Europa

Die drei Kandidaten verkörpern unterschiedliche Schwerpunkte: Salem Dedović steht für politische Durchsetzungsfähigkeit, Nedžad Grabus für internationale Vernetzung und europäische Erfahrung, Mensur Malkić für religiöse Kontinuität und moralische Autorität.

Die eigentliche Herausforderung wird darin bestehen, diese Eigenschaften miteinander zu verbinden. Der neue Reis-ul-ulema muss die legitimen Interessen der Bosniaken vertreten, ohne selbst zum Parteipolitiker zu werden. Er muss religiöse Tradition bewahren, ohne die Lebenswirklichkeit junger Muslime in Berlin, Köln, München oder Düsseldorf aus den Augen zu verlieren. Und er muss internationale Beziehungen pflegen, ohne die Unabhängigkeit seiner Institution preiszugeben.

Die Wahl entscheidet daher nicht nur darüber, wer künftig in Sarajevo das höchste islamische Amt bekleidet. Sie wird auch zeigen, welche Rolle die bosnischen Muslime im europäischen Islam des 21. Jahrhunderts einnehmen wollen.

Für Deutschland ist das keine entfernte Frage. Ein Teil der Antwort findet sich bereits in den bosniakischen Moscheegemeinden mitten in der deutschen Gesellschaft. (mig) Aktuell Panorama

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)