Jenische, Opfer, Nationalsozialismus, Minderheit, Diskriminierung, Rassismus
Gedenktafel in Fichtenau erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus

Eigene Sprache und Kultur

Die Jenischen wollen fünfte nationale Minderheit Deutschlands werden

Der Zentralrat der Jenischen hat dem Bundesinnenministerium ein Gutachten vorgelegt. Rund 200.000 Jenische leben nach eigenen Angaben in Deutschland. Nun verlangen ihre Vertretungen staatlichen Schutz für Sprache, Traditionen und gesellschaftliche Sichtbarkeit.

Von Donnerstag, 06.08.2026, 18:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 06.08.2026, 16:48 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die geöffnete Scheunentür gibt den Blick auf ein hölzernes Schmuckstück frei: ein glänzend lackierter Wohnwagen, mit historischen Möbeln ausgestattet, wie man ihn früher von Zirkusleuten oder Schaustellern kannte. Gebaut wurde er im Dorf Behlingen, gelegen im bayerischen Landkreis Günzburg. „Nach mehr als 70 Jahren ist er wieder in seiner Heimat angekommen“, erzählt Robin Graf sichtlich gerührt. Der alte Oberlichtwagen gehörte einst einer jenischen Familie aus Baden-Württemberg, die vor den Nationalsozialisten in die Niederlande geflohen war, wo sich ihre Spur verlor.

Graf wohnt in Ichenhausen, wie so viele Jenische, und hat 2019 den Zentralrat der Jenischen mitgegründet, um die Kultur der Volksgruppe sichtbarer zu machen. Außerdem will der Zentralrat erreichen, dass die Jenischen als fünfte nationale Minderheit in Deutschland anerkannt werden – neben Dänen, Friesen, Sorben sowie Sinti und Roma. Dem Bundesinnenministerium hat der Zentralrat entsprechende Gutachten vorgelegt. In Ichenhausen hat die Minderheit sogar den deutschlandweit ersten jenischen Fußballverein gegründet.

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Viele Jenische verleugnen ihre Wurzeln

Die Jenischen sind seit Jahrhunderten vor allem in West- und Mitteleuropa beheimatet, ihre genaue Herkunft ist unklar. Bekannt waren sie für ihr nomadenhaftes Leben als „fahrendes Volk“ – häufig wurden sie deshalb mit Sinti und Roma verwechselt. Klassische Berufe seien Marktfahrer, Schausteller, Korbflechter, Scherenschleifer, Besenmacher oder Schrottsammler gewesen. Graf handelt mit Altmaterialien und Reststoffen: „Ich bin Schrotthändler – typisch jenisch halt.“ Rund 200.000 Jenische leben laut Zentralratsangaben heute in Deutschland, doch viele wüssten nichts von ihren Wurzeln oder verleugneten sie. Typisch jenische Nachnamen sind „Graf“, „Trapp“, „Hammerschmidt“ oder „Schwarzenberger“.

In der Scheune berichtet Robin Graf davon, dass Jenische wegen des Umherziehens in Wohnwagen, ihrer eigenen Sprache und Musik immer kritisch beäugt worden seien. „Viele Menschen hatten Angst vor den ‚Hausierern‘.“ Der 55-Jährige weiß, wovon er spricht: Bis er sechs Jahre alt war, sei er mit seiner Familie von Frühjahr bis Herbst in ganz Süddeutschland „auf die Reis“ gegangen. Für Graf eine „unvergessliche Zeit“: „Noch heute packt mich im Frühjahr das Reisefieber.“

Der Zentralratsgründer erzählt begeistert von der jenischen Sprache, einem der Rotwelsch-Dialekte, die laut Homepage der Deutschen Unesco-Kommission eine Art Geheimsprache „aus Deutsch, Westjiddisch, Romani und weiteren Sprachen“ sind. Graf kann sogar das „Vaterunser“ auf Jenisch aufsagen und scrollt auf der Suche nach jenischer Musik durch Youtube. Ihm ist aber auch die Erinnerung an die NS-Zeit wichtig. Jenische seien wegen ihrer Lebensweise verfolgt, Eltern die Kinder entrissen worden, erzählt er. Auch seine Familie habe in Angst vor den Nationalsozialisten gelebt.

NS-Verfolgung der Jenischen noch kaum erforscht

Ein Fachmann für NS-verfolgte Gruppen ist der Historiker und evangelische Pfarrer der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, Björn Mensing. Er bestätigt, dass die Jenischen als nach „Zigeunerart herumziehende Personen“ verfolgt wurden und deshalb oft mit Sinti und Roma verwechselt wurden. „Weiße Zigeuner“ sei daher eine übliche Bezeichnung für Jenische gewesen. Im Konzentrationslager mussten sie den schwarzen Winkel für „Asoziale“ tragen, während Sinti und Roma später mit einem braunen Winkel gekennzeichnet wurden.

Allein im KZ Dachau seien schätzungsweise rund 3.000 Sinti und Roma ums Leben gekommen, sagt Mensing, Jenische eingeschlossen. Genauere Zahlen ließen sich für letztere nach jetzigem Forschungsstand nicht ermitteln, bedauert der Historiker.

First Lady im Wohnwagen

Robin Graf und der Zentralrat mit dem Vorsitzenden Renaldo Schwarzenberger, ebenfalls aus Ichenhausen, wollen aber nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart blicken: Nicht einmal den Nationalsozialisten sei es gelungen, Jenische und ihre Kultur verschwinden zu lassen. Dennoch sei die Volksgruppe heute durch Anpassung und Vergessen massiv gefährdet. Deshalb müssten ihre Kultur, ihre Traditionen, ihre Sprache geschützt werden – „ohne Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung“, sagen Graf und Schwarzenberger.

Der prächtige Oberlichtwagen stand jahrzehntelang in einer Scheune in den Niederlanden und landete über Umwege beim Zentralrat. Er war bei einem Besuch des Zentralrats in Schloss Bellevue dabei: Damals besuchte Elke Büdenbender, die Frau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, das geschichtsträchtige Gefährt. (epd/mig) Aktuell Gesellschaft

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