
Schleswig-Holstein
Touré will Ministerpräsidentin werden
Aminata Touré will Schleswig-Holsteins Grüne in die Landtagswahl 2027 führen. Die Sozialministerin verbindet ihre Kandidatur mit einer Kritik an männlich geprägter Spitzenpolitik, an geringer Repräsentanz von Migranten in Spitzenämtern – und an der Migrationspolitik der Bundesregierung.
Donnerstag, 28.05.2026, 13:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.05.2026, 13:12 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Aminata Touré will mehr als die nächste Spitzenkandidatin der Grünen in Schleswig-Holstein sein. Die 33-jährige Sozialministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin bewirbt sich um die alleinige Spitzenkandidatur ihrer Partei für die Landtagswahl 2027 – und traut sich auch das Amt der Ministerpräsidentin zu. Auf die entsprechende Frage der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte sie: „ganz klar ja“.
Der Landesparteitag der Grünen soll Touré am 20. Juni nominieren. Gewählt wird in Schleswig-Holstein am 18. April 2027. Eine Überraschung ist ihre Kandidatur nicht. Touré gehört seit Jahren zu den bekanntesten Grünen-Politikerinnen im Norden. Seit 2022 ist sie Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung. Sie ist die erste Schwarze Landesministerin der Bundesrepublik.
Touré kündigte an, Verantwortung übernehmen zu wollen. „Ich will, dass Schleswig-Holstein weiterhin gut regiert wird – mit einer Politik, die zuhört, Verantwortung übernimmt und konkrete Antworten auf die alltäglichen Sorgen der Menschen gibt“, sagte sie. Ihr Wahlziel seien mindestens die knapp 20 Prozent, die ihre Partei laut jüngsten Umfragen derzeit erreiche. Zugleich wolle sie Menschen ansprechen, die sich von demokratischen Parteien abgewandt hätten.
Geringe Repräsentanz von Migranten
Mit ihrer Kandidatur rückt zugleich eine Frage in den Mittelpunkt, die Touré seit Langem politisch begleitet: Wer kommt in Deutschland in Machtpositionen – und wer bleibt dort selten vertreten? Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte seien in Spitzenämtern weiterhin deutlich unterrepräsentiert, kritisierte sie. „Menschen mit Migrationshintergrund sind in politischen Spitzenämtern superselten anzutreffen, Frauen auch“, sagte Touré.
Besonders deutlich wurde sie mit Blick auf die Bundespolitik. „Wir haben in Deutschland im Jahr 2026 einen Männerklub plus Bärbel Bas, der die politischen Geschicke prägt. Das finde ich frustrierend“, sagte die Grünen-Politikerin. Schon vor ihrer eigenen Zeit in der Politik habe sie gestört, dass in den großen politischen Fernsehrunden fast nur Männer saßen. „Mich hat das schon vor meiner Zeit in der Politik genervt, wenn ich im Fernsehen gesehen habe, wie in den Elefantenrunden nur Dudes saßen.“
Vorbild Cem Özdemir
Ihre eigene Lebenserfahrung habe anders ausgesehen. Geprägt worden sei sie stark von ihrer Mutter. „Frauen bestimmen so vieles – nur selten die Politik“, sagte Touré. Ihre Eltern flohen aus Mali nach Deutschland; Touré kam in einer Unterkunft für Geflüchtete zur Welt. Ihre Biografie wird häufig als Aufstiegsgeschichte erzählt. Touré selbst verbindet die Frage der Repräsentation jedoch mit politischen Zielen, nicht nur mit Herkunft oder Geschlecht.
Der Wahlsieg ihres Parteikollegen Cem Özdemir in Baden-Württemberg habe gezeigt: „Leute mit Migrationsgeschichte haben die Möglichkeit, in Machtpositionen zu kommen.“ Zugleich betonte sie, es gehe nicht allein um Merkmale, die im Politikbetrieb bisher weniger sichtbar seien. „Es geht um unsere Ziele für die gesamte Gesellschaft“, sagte Touré.
Eine andere Migrationspolitik
Zu diesen Zielen zählt für sie auch eine andere Migrationspolitik. Die schwarz-rote Bundesregierung kritisierte Touré scharf. „Was im Koalitionsvertrag zu Migration steht, ist fast nur negativ. Zuzug begrenzen, Familiennachzug verhindern, alles schrecklich“, sagte sie. Damit greift sie einen zentralen Konflikt der aktuellen Bundespolitik auf: Auf der einen Seite wird über Begrenzung und Abschottung gesprochen, auf der anderen Seite suchen viele Betriebe dringend Arbeitskräfte.
Touré verweist genau auf diesen Widerspruch. Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) müsse als Wirtschaftsexperte wissen, dass Unternehmen Mitarbeiter suchten. „Es sind kleine und mittelständische Betriebe, die sagen: Ich verstehe nicht, warum Mohammed nicht bleiben darf, obwohl er hier eine Ausbildung anfangen könnte“, sagte sie.
Rückhalt für Touré
In Schleswig-Holstein kann Touré auf Rückhalt in ihrer Partei zählen. Umweltminister Tobias Goldschmidt erklärte, er unterstütze ihre Kandidatur und sei „gerne im Team Touré“. Die Landesvorsitzende Lydia Rudow betonte, Touré präge die Landespolitik seit 2017 mit und verbinde Leidenschaft für grüne Politik mit Regierungserfahrung. Co-Landeschef Gazi Freitag würdigte sie als Politikerin, die zuhöre, entscheide und Verantwortung übernehme.
Für die Grünen wird die Landtagswahl 2027 damit auch ein Test, ob sich Regierungserfahrung, Repräsentation und eine offenere Migrationspolitik im Wahlkampf verbinden lassen. Touré setzt dabei auf ein doppeltes Versprechen: bewahren, was aus ihrer Sicht funktioniert – und verändern, was aus ihrer Sicht besser werden muss. (epd/dpa/mig) Aktuell Politik
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