
Replik
Freiheit braucht Fakten statt Feindbilder
Migration und Kriminalität werden seit Jahren öffentlich verhandelt. Neu ist nicht der angebliche Mut zur Wahrheit, sondern die alte Methode: Zahlen zuspitzen, Kontext ausblenden, Empörung ernten. Eine Replik.
Von Nicole Quint Sonntag, 26.04.2026, 11:05 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 26.04.2026, 11:05 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
„Rekordwerte“, „Schweigen über die Täter“, „wachsender Islamismus“ – diese Schlagworte taugen nur noch als Textbausteine für einen Empörungs-Generator, der seit Jahren auf Hochtouren läuft. Migration und Kriminalität werden in jeder zweiten Talkshow seziert; das Thema verstopft deutsche Titelseiten so zuverlässig wie Spam-Mails den Posteingang. Unter der Überschrift „Vergewaltigungen erreichen Rekordwert: Über die Täter sollen wir schweigen“ verkauft Marcel Luthe in der Berliner Zeitung diese alten Hüte erneut als mutigen Tabubruch, rührt dazu eine Prise Kulturkampf unter eine komplexe Kriminalstatistik und garniert das Ganze mit der Behauptung, man dürfe das alles eigentlich gar nicht mehr sagen – während er es gerade in aller Ausführlichkeit tut.
Freiheit ist kein Freibrief für Verantwortungslosigkeit
Um seiner Argumentation Gewicht zu verleihen, holt der Autor Benjamin Franklin, Hermann von Mangoldt und Kurt Tucholsky aus dem Archiv und baut mit ihren Zitaten eine Drohkulisse auf: Wer die Redefreiheit einschränke oder zur Zurückhaltung mahne, bereite den Weg in die Unfreiheit. Es ist jedoch eine rhetorische Irreführung, die Freiheit des Geistes mit der ungefilterten Verbreitung von Ressentiments gleichzusetzen. Wahre Freiheit im demokratischen Diskurs beweist sich nicht in der Provokation um ihrer selbst willen. Wer journalistische Sorgfaltspflichten als Zensur diskreditiert, verkennt den Kern unserer Ordnung: Fakten sind die Grundlage der Freiheit, nicht deren Feind.
Historische Verzerrung und die „stalinistische“ Polizei
Hanebüchen ist Luthes Gleichsetzung des Kampfes gegen Rechtsextremismus mit „stalinistischen Strategien“. Den Begriff Stalinismus – das Synonym für Gulags und Massenmord – im Kontext einer modernen Polizeibehörde zu verwenden, ist eine massive geschichtliche Relativierung. Wenn Polizeiorgane vor rechtsextremen Netzwerken warnen, tun sie dies nicht, um legitime konservative Meinungen zu unterdrücken, sondern um das staatliche Gewaltmonopol zu verteidigen. Es ist absolut kein Zeichen von Unfreiheit, wenn eine wehrhafte Demokratie ihre Feinde beim Namen nennt.
Das Märchen vom Schweigekartell
Auch Luthes „Tabuisierungs-These“ hält einer empirischen Prüfung nicht stand. Die Nationalität von Tatverdächtigen ist in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für jeden Bürger einsehbar. Dass Journalisten abwägen, wann die Herkunft einer Person für die Tat relevant ist, ist kein „heimtückisches Gift“, sondern Pressekodex. Luthe verwechselt zudem Meinungs- mit Widerspruchsfreiheit. Wenn Umfragen zeigen, dass viele Menschen angeben, sich nicht mehr „frei“ äußern zu können, ist das ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Signal. Es beschreibt jedoch oft ein subjektives Unbehagen über Widerspruch den kontroverse Thesen heute auslösen, nicht einen rechtlichen Mangel. Freiheit bedeutet zum Beispiel auch, Gegenwind auszuhalten – etwa wenn Begriffe wie „Remigration“ kritisiert werden, bei dem viele nicht an einen gemütlichen Umzug mit Kartonbeschriftung denken, sondern an völkische Phantasien, Züge und Lager. Daran ist keine Sprachpolizei schuld, sondern die Umdeutung dieses Begriffs durch Rechtsextreme, die damit die Deportation von Menschen mit Migrationsgeschichte – inklusive deutscher Staatsbürger – meinen.
Wenn Menschen heute Widerspruch ernten, weil sie pauschal über „den Islam“ oder „die Migranten“ urteilen, ist das kein Zeichen von Zensur, sondern das Ergebnis einer lebendigen Debatte. Zur Rede- und Meinungsfreiheit gehört nun einmal auch das Recht, Pauschalisierungen und Unwahrheiten als solche zu benennen, womit wir beim Kernteil des Textes angelangt wären.
Statistisches Cherry-Picking
Das Herzstück des Beitrags ist ein methodischer Offenbarungseid. Seine selektive Interpretation der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) ignoriert kriminologische Standards und erzeugt ein verzerrtes Lagebild durch drei zentrale Fehlannahmen:
1. Statistik ist keine Realität
Die „Rekordwerte“ bei Sexualdelikten sind untrennbar mit der Strafrechtsreform („Nein heißt Nein“) verbunden. Tatbestände wurden massiv ausgeweitet; Handlungen, die früher als Belästigung galten, fließen heute als schwere Delikte in die Statistik ein. Ein Vergleich mit Werten von vor zehn Jahren ist ohne diesen Kontext methodisch unzulässig. Er spiegelt primär ein strengeres Recht und eine höhere Anzeigebereitschaft wider, nicht zwingend einen moralischen Verfall. Die Aussage, die Taten wären ohne die Tatverdächtigen nicht geschehen, ist eine Tautologie ohne Lösungswert. Man könnte ebenso sagen: „Ohne Männer gäbe es keine Vergewaltigungen.“ Solche Sätze tragen nichts zur Lösung bei, sondern suggerieren, dass die bloße Anwesenheit bestimmter Menschen das Problem sei, statt sich mit den Ursachen von Gewalt (Prekarität, patriarchale Sozialisation, mangelnde Prävention) auseinanderzusetzen.
2. Verdacht ist keine Schuld
Die PKS erfasst Tatverdächtige, nicht rechtskräftig Verurteilte. Da Nicht-Deutsche laut kriminologischer Forschung häufiger angezeigt werden, spiegelt die Statistik lediglich das Ermittlungsaufkommen der Polizei wider, nicht die gerichtliche Wahrheit. Gerade bei Sexualdelikten sind die Einstellungsquoten und Freisprüche bezeichnend hoch. Wer diese Zahlen ungefiltert übernimmt, verletzt die Unschuldsvermutung und betreibt eine rechtsstaatswidrige Vorverurteilung.
3. Demografisches Blendwerk
Der Text isoliert das Merkmal der Herkunft und blendet Faktoren wie Alter, Geschlecht und prekäre Lebenslagen aus und übersieht außerdem, dass der Islamismus für viele Migranten der Hauptfluchtgrund war. Die gut integrierte Mehrheit der Migranten – Familien, Frauen, Kinder, Ältere – verschweigt der Autor und pickt sich exakt die Gruppe heraus, die sein Narrativ stützt.
Fazit: Sachlichkeit statt Emotionalisierung
Am Ende ist der Exkurs in die Geschichte und die Statistik so seriös wie eine Horoskop-Spalte, in der auch viel mit Angst, Emotionalisierung und Scheinkausalitäten gearbeitet wird und die mit ihrer Zukunftsdeutung nur deshalb „recht behält“, weil sie so geschickt formuliert ist, dass jeder genau das darin lesen kann, was er ohnehin schon glaubt. So ist auch Luthes Text eine Bestätigungsfalle für alle, die den Schuldigen schon kennen, bevor die Beweisaufnahme überhaupt begonnen hat.
Der Schutz der Opfer und die Sorgen der Bürger sind zu wichtig, um sie als Deckmantel für eine ideologische Agenda zu nutzen. Wir schulden ihnen eine ehrliche Debatte über Taten, nicht über die Herkunft der Täter. Luthes Text hingegen suggeriert, die Lösung komplexer Probleme liege allein in der Ausgrenzung bestimmter Gruppen, so als wäre der Pass das eigentliche Verbrechen. Für die tatsächliche Sicherheit von Frauen und eine lösungsorientierte Integrationspolitik leistet eine solche Verkürzung der Fakten keinen Beitrag. Verantwortung hieße, Prävention und Integration zum Thema zu machen, statt die Kriminalstatistik zum ethnischen Gruselkabinett umzufunktionieren. Wahre Aufklärung erfordert den Blick auf das ganze Bild, nicht nur auf jene Ausschnitte, die das eigene Weltbild bestätigen. (mig) Meinung
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