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Ekrem Şenol, Gründer und Chefredakteur von MiGAZIN © MiG

Silvester-Debatte

Vorurteile in Wallung

Empörungen und Debatten über Silvester-Krawallen sind kurzlebig. Die meisten erleben den 4. Januar nicht. 2023 ist's anders. Die Diskussion schaukelt sich in die zweite Kalenderwoche. Warum?

Von Sonntag, 08.01.2023, 17:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 09.01.2023, 5:36 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Wie in all den Jahren zuvor randalierten Menschen auch in der Silvesternacht 2023. Sie warfen Böller durch die Gegend und auf Menschenmengen, bewarfen Polizei und Rettungskräfte mit Flaschen und anderen Gegenständen. Alljährliche Bilanz: Sachschäden, Verletzte, polizeiliche Lage- und Medienberichte sowie empörte Politiker maximal noch am 4. Januar. So beispielsweise in den Jahren 1995, 2000, 2007, 2010, 2012, 2018.

Anders als zuvor schaukelt sich die Debatte in diesem Jahr aber bereits in die zweite Kalenderwoche rein. Obwohl sich weder Qualität noch Ausmaß der Randalen von denen der Vorjahre sonderlich unterscheiden, hat diese Debatte einen deutlich längeren Atem – offensichtlich auch eine andere Intention.

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„Das bringt Vorurteile in Wallung und lässt die einheimische Empörungskultur so richtig aufleben.“

Während sich die Empörung in den Vorjahren in Grenzen hielt, weil – eigentlich harmlose – Jugendliche – nette Nachbarsjungen – sich unter Alkoholeinfluss und im Zuge der Gruppendynamik haben mitreißen lassen, hat man in diesem Jahr Täter im Visier, wie sie im Buche stehen: Migranten. Und weil sie „keine Deutschen“ sind, lehnen sie bei heiteren Silvesterpartys den deutschen Staat und die Gesellschaft nicht nur ab, sondern bekriegen sie auch noch mit China-Böllern. Das bringt Vorurteile in Wallung und lässt die einheimische Empörungskultur so richtig aufleben.

Vermutlich waren in anderen Stadtteilen oder in Dresden oder Leipzig, ‚Heil-Hitler‘-rufende Randalierer ausnahmslos Deutsche im Sinne der Afd.“

Anders als in den Jahren zuvor haben Berliner Polizisten in Stadtteilen, in denen mehrheitlich Eingewanderte leben, Randalierer erfasst, die nicht deutsche Staatsbürger sind. Vielleicht haben sie aber auch in gewohnter Racing-Profiling-Manier gezielt Personen erfasst, die nicht deutsch gelesen werden – wer weiß? Vermutlich waren in anderen Stadtteilen oder in Dresden oder Leipzig, „Heil-Hitler“-rufende Randalierer ausnahmslos Deutsche im Sinne der Afd. Wir wissen es nicht – weil auch niemand danach fragt, auch die CDU nicht, die nur in Berlin die Vornamen der Silvesterrandalierer wissen will –, ist aber auch nicht wichtig.

Wichtiger ist diese Frage: Welchen Unterschied macht es, ob ein Silvesterböller, der einen Sanitäter oder Feuerwehrmann verletzt, von einem Josef oder von einem Yusuf geworfen wurde, wenn man keine Bilder im Kopf hat, die längst überwunden sein sollten? Die Länge dieser Debatte korreliert mit der Tiefe der verankerten Vorurteile. Sie sagt viel mehr über die, die ihn so führen als über die, die ihn ausgelöst haben. Prost Neujahr!

Meinung
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  1. Levent Öztürk sagt:

    Solche mittels Scheuklappen enghorizontiert geführte Debatten in deutschen Medien tragen auch intensiv dazu bei, dass Deutschland bezüglich Anschläge auf Moscheen Weltmeister ist und dass schreckliche rassistisch motivierte Mordanschläge mit vielen dutzenden Toten, wie so geschehen in Mölln, Solingen, Nürnberg, Lübeck, München, Hanau, NSU-Serienmorde etc. etc. um nur eineige sehr wenige Beispiele zu nennen, verübt werden.