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Schüler in Pakistan (Symbolfoto) © de.depositphotos.com

Neue Heimat

Afghanische Flüchtlinge sehen ihre Zukunft in Pakistan

Die meisten Afghanen flüchten nicht nach Europa. Etwa drei Millionen von ihnen beherbergt Pakistan teilweise seit Jahrzehnten. An einer Schule in Peschawar zeigt sich: Im Alltag ist das Zusammenleben unkompliziert. Doch Armut und die unsichere Rechtslage sind ein Problem.

Von Dienstag, 20.12.2022, 20:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 21.12.2022, 9:31 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Stimmengewirr dringt auf den sonnigen Schulhof. Zwischendurch huschen Jungen aus den Klassenräumen zu dem Wasserspender gegenüber der Ecke, wo die Fahrräder stehen. Hier, in der Grundschule für Jungen in Peschawar im Nordwesten Pakistans, lernen die Kinder afghanischer Flüchtlinge gemeinsam mit ihren Altersgenossen aus Pakistan.

Auch Fazal Maula unterrichtet Kinder aus beiden Ländern. Bei dem streng, aber empathisch wirkenden Lehrer steht heute Englisch auf dem Programm. Etwa 40 Jungen sitzen in ihren blauen Schuluniformen vor ihm, die Schulbücher schon aufgeschlagen. Die Afghanen seien ein Teil der Gesellschaft, sagt Maula. Er behandele alle Kinder gleich. Doch trotz des guten Zusammenlebens kämpfen die afghanischen Flüchtlinge mit Schwierigkeiten.

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Dabei leben viele von ihnen schon seit Jahrzehnten in Pakistan, betreiben kleine Geschäfte und haben selbst Kinder bekommen. Die ersten Afghanen kamen vor etwa 40 Jahren, kurz nachdem die Sowjetunion 1979 in ihre Heimat einmarschiert war. Schätzungen zufolge beherbergt das Land heute etwa drei Millionen Afghanen, von denen viele in der Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa mit der Hauptstadt Peschawar leben.

Info: Pakistan beherbergt seit Jahrzehnten Flüchtlinge aus dem benachbarten Afghanistan. Die UN schätzen, dass derzeit etwa drei Millionen Afghanen in dem Land leben. Die erste große Fluchtbewegung nach Pakistan wurde im Jahr 1979 durch den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan ausgelöst. Insgesamt waren Schätzungen zufolge bis zu sechs Millionen Afghanen in den darauffolgenden Jahren auf der Flucht. Obwohl Pakistan bis heute zu den größten Aufnahmeländern weltweit zählt, gibt es in dem Land kein nationales Flüchtlingsgesetz. Auch die Genfer Flüchtlingskonvention hat das Land nie unterzeichnet. Viele Afghanen in Pakistan sind deshalb beim Zugang zu Bildung oder auf dem Arbeitsmarkt mit Hürden konfrontiert. Erst seit 2019 dürfen offiziell registrierte Flüchtlinge ein Bankkonto eröffnen. Auch die Armut unter den Flüchtlingen ist groß. Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unter mehr als 12.000 Haushalten in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa liegt das durchschnittliche Monatseinkommen einer afghanischen Familie bei 22.000 bis 30.000 Pakistanischen Rupien (etwa 90 bis 125 Euro).

Pakistan, einer der größten Aufnahmestaaten

Obwohl Pakistan damit zu den größten Aufnahmestaaten weltweit zählt, hat es kein nationales Gesetz für den Umgang mit Flüchtlingen. Auch die Genfer Flüchtlingskonvention hat das Land nie unterzeichnet. Der Flüchtlingskommissar für Khyber Pakhtunkhwa, Muhammad Abbas Khan hält das Fehlen eines rechtlichen Rahmens für ein großes Problem. So hänge der Zugang zur Bildung beispielsweise mitunter davon ab, wie der Schulleiter gegenüber Flüchtlingen eingestellt sei.

Von einem Leben zwischen Ankommen und Unsicherheit berichtet Shams Uddin, der zwei seiner Söhne hier in den Unterricht schickt und nach dem Treffen des Eltern-Lehrer-Beirats in einem Zimmer im ersten Stock der Schule sitzt. Als Kleinkind kam der heute 45-Jährige mit seinen Eltern nach Pakistan. Eigentlich fühlt er sich wohl. Er habe viele Freunde, sei gut integriert. Doch ein Flüchtling zu sein, sagt Uddin, das werde ihn immer begleiten.

Afghanische Eltern im Eltern-Lehrer-Beirat

Zumindest an der Schule im Stadtteil Sufaid Dheri soll das im Kleinen keine Rolle mehr spielen. Hier dürfen auch die Eltern afghanischer Kinder an dem Eltern-Lehrer-Beirat mitwirken, der über Probleme berät und über die Verwendung von Geldern mitentscheidet. Dafür hatte sich die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die mit der Schule zusammenarbeitet, eingesetzt. An 60 Partnerschulen wird das Modell erprobt, durch das die Belange der afghanischen Bevölkerung mehr Gehör finden sollen.

Shams Uddin ist seit elf Monaten dabei. Stolz erzählt er, dass durch seine Mitarbeit mehr Kinder von Flüchtlingen die Schule besuchen. So könne er seiner Gemeinschaft dienen. Auch der Schuldirektor Mohammed Afzer Khan hält das Modell für einen Erfolg. Die afghanischen Elternbeiräte wüssten, welche Kinder von Flüchtlingen nicht in die Schule gingen und könnten gezielt auf die Eltern zugehen.

Dennoch überwiegen Armutssorgen

Dennoch überwiegen bei Uddin, der insgesamt zehn Kinder hat, die Sorgen. Ein großes Problem sei die Armut, sagt er. Er wisse nicht, wie er den Schulbesuch über die achte Klasse hinaus finanzieren solle. Gebühren fallen zwar nicht an und auch die Bücher sind umsonst, doch schon die Bezahlung der Schuluniformen wird zum Problem. 2.000 Rupien kostet eine Uniform, umgerechnet etwa 8,50 Euro – viel Geld für Uddin, der seinen Lebensunterhalt mit dem Reparieren von Schuhen verdient. Armut ist auch für viele Pakistaner hier ein Problem, doch anders als sie hat Uddin auf Unterstützung aus dem staatlichen Sozialprogramm keinen Anspruch.

Für seine Kinder wünscht Uddin sich ein anderes Leben als jenes, das er führt. Sie sollten Erfolg haben, in großen Büros arbeiten, sagt er mit einem Lächeln, ein wenig so, als würde er nicht ganz daran glauben. Trotz aller Schwierigkeiten will er nicht nach Afghanistan zurückkehren. 1998 hätten sie es einmal als Familie probiert, dann hätten die damals herrschenden Taliban seinen Vater umgebracht. „Ich habe genug, ich werde nicht noch einmal hingehen und es versuchen“, sagt er. „Ich werde hier leben und dafür sorgen, dass meine Kinder hier aufwachsen.“ (epd/mig)

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