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Gedenkstätte Bergen-Belsen © de.depositphotos.com

„Wir haben von den Dingen gewusst“

Vor 70 Jahren weihte Theodor Heuss die Gedenkstätte Bergen-Belsen ein

Vor 70 Jahren weihte Bundespräsident Heuss die erste Gedenkstätte in der Bundesrepublik auf dem Gelände eines früheren Konzentrationslagers ein. Doch bis dort Menschen forschen und Geschichte anschaulich machen konnten, vergingen noch Jahrzehnte.

Von Mittwoch, 30.11.2022, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 30.11.2022, 11:54 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Es war eine historische Rede, die der damalige Bundespräsident Theodor Heuss vor 70 Jahren im niedersächsischen Bergen-Belsen hielt. Am 30. November 1952 weihte er dort die erste Gedenkstätte in der Bundesrepublik auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers ein. Ein 26 Meter hoch aufragender Obelisk und eine Inschriftenwand erinnern seitdem an die Opfer des Lagers. „Wer hier als Deutscher spricht, muss sich die innere Freiheit zutrauen, die volle Grausamkeit der Verbrechen, die hier von Deutschen begangen wurden, zu erkennen“, sagte Heuss. Und er fügte hinzu, was damals noch einem Tabubruch gleichkam: „Wir haben von den Dingen gewusst.“

Heute deuten in dem Ort bei Celle nur wenige Spuren auf das Grauen hin, dem das NS-Regime Zigtausende Menschen aussetzte. In Bergen-Belsen kamen rund 52.000 KZ-Häftlinge und mehr als 20.000 Kriegsgefangene um. Sie wurden ermordet oder gingen durch Hunger, Durst und Krankheiten zugrunde. Heute überdeckt eine Heidelandschaft die Massengräber. Die Briten hatten nach der Befreiung am 15. April 1945 die Gebäude einreißen und abbrennen lassen und prägten damit den Charakter der Gedenkstätte. Sie begründeten das mit dem Schutz vor Seuchen, die in dem Lager gewütet hatten. „Doch es ging wohl auch um eine Art symbolischen Sieg über den Nationalsozialismus“, sagt der Historiker und stellvertretende Gedenkstättenleiter Thomas Rahe.

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Grundlage der Erinnerungskultur gelegt

Es waren jüdische und polnische Überlebende, die erste Gedenksteine errichteten. Viele dieser heimatlos gewordenen Menschen lebten noch bis 1950 in einem Camp für „Displaced Persons“ ganz in der Nähe. „Sie haben die Grundlage der Erinnerungskultur gelegt“, sagt Rahe. Von staatlicher Seite wurde die Gedenkstätte auch später eher vernachlässigt. Daran änderte auch die Rede von Heuss nichts.

Der Umgang mit der Gedenkstätte spiegelte den der Deutschen mit ihrer Geschichte. Als in Zeiten des Kalten Krieges 1966 ein erstes Dokumentenhaus eröffnet wurde, erwähnte die Ausstellung mit keinem Wort, dass in Bergen-Belsen auch Kriegsgefangene – vor allem aus der Sowjetunion – inhaftiert waren. Dabei wuchs in den 1960er Jahren das Interesse, wie Rahe berichtet. So reisten Jugendliche in Bussen an, nachdem sie in Hamburg ein Theaterstück über Anne Frank gesehen hatten. Das jüdische Mädchen, das durch sein Tagebuch posthum weltberühmt wurde, starb 1945 in Bergen-Belsen an Typhus.

„Bis 1987 ist ein Hausmeister das einzige Personal“ der Gedenkstätte

„Bis 1987 ist ein Hausmeister das einzige Personal, das die Gedenkstätte hat“, sagt Rahe. Der heute 65-Jährige gehörte zu den ersten Historikern, die 1987 angestellt wurden, nachdem der niedersächsische Landtag beschlossen hatte, die Gedenkstätte mit Leben zu füllen. Engagierte Bürger hatten schon zwei Jahre zuvor die „Arbeitsgemeinschaft Bergen-Belsen“ gegründet, weil aus ihrer Sicht zu wenig geschah.

Sie forderten, die Gedenkstätte brauche eine Dokumentation, Forschung, ein eigenes Archiv und eine Cafeteria, erzählt die heutige Vorsitzende Elke von Meding. „Es war ein breites Bündnis von eher linken bis zu traditionellen Gruppen, das da zusammenkam“, sagt sie. Die Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus war dabei ebenso vertreten, wie Gewerkschaften und Kirchen. Die Ehrenamtlichen organisierten selbst Führungen und gaben Informationsschriften und Bücher heraus. Bis heute setzen sie eigene Akzente.

„Das bleibt wichtig“

Es dauerte noch bis 2007, bis Bund und Land mit einem Millionenprojekt ein neues Dokumentationsgebäude einweihten, dessen Ausstellung erstmals alle Aspekte der Lagergeschichte zeigt. In dem 195 Meter langen Betonbau sind unter anderem Filme zu sehen, in denen Zeitzeugen und Überlebende berichten. Über viele Jahre haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte mit ihnen Kontakt aufgenommen und Interviews geführt. Mit Schneisen in Wald und Heide wurde auf dem Gelände das Gebiet des früheren Lagers wieder sichtbar gemacht. Der Bund stieg in die Förderung ein. Und die Gedenkstätte soll sich weiter entwickeln.

Im kommenden Jahr will die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten einen Antrag auf eine neue Dauerausstellung stellen, wie deren Leiterin Elke Gryglewski erläutert. Unter anderem sollen Texte an heutige Lesegewohnheiten angepasst werden. Auch die Rolle der NS-Täter solle Thema werden, sagt Gryglewski. In internationaler Zusammenarbeit werde zudem nach Wegen gesucht, um noch mehr Menschen zu erreichen: „Das bleibt wichtig, denn immer noch relativieren Menschen die Verbrechen des Nationalsozialismus. Noch immer gibt es offenen Antisemitismus und Rassismus.“ (epd/mig)

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