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Mevlüde Genç, Überlebende des rassistischen Brandanschlags in Solingen © MiGAZIN/Ekrem Şenol

„Vorbild der Versöhnung“

Trauer um Friedensbotschafterin Mevlüde Genç

Sie überlebte den rechtsextremistischen Anschlag in Solingen, verlor dabei Familienmitglieder - und setzte sich dennoch für Versöhnung und Dialog ein. Der Tod von Mevlüde Genç löst Trauer in ganz Deutschland aus.

Sonntag, 30.10.2022, 14:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 30.10.2022, 16:43 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Vertreter aus Politik und Gesellschaft trauern um die Friedensbotschafterin Mevlüde Genç. Die Überlebende des Solinger Brandanschlags von 1993 sei im Alter von 79 Jahren gestorben, erklärte die nordrhein-westfälische Staatskanzlei am Sonntag in Düsseldorf. Damit „verliert unser Land ein großes Vorbild der Versöhnung“, sagte Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU).

Genç und ihr Mann hatten bei dem rassistischen Brandanschlag 1993 in Solingen zwei Töchter, zwei Enkelkinder und eine Nichte verloren. Danach machte sich die nun Verstorbene für Versöhnung und interkulturellen Dialog stark. Für ihr Engagement wurde sie 1996 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2015 mit dem Verdienstorden des Landes NRW geehrt. Seit 2019 verleiht NRW jährlich einen nach ihr benannten Toleranzpreis, die mit 10.000 Euro dotierte Mevlüde-Genç-Medaille.

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Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan (SPD), würdigte das Engagement Gençs. Trotz ihres unglaublich schmerzhaften Verlusts habe sie nie aufgehört, für Frieden und Versöhnung zu kämpfen, twitterte sie. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) twitterte: „Sie wird für immer mein großes Vorbild bleiben.“

Schweigeminute im Landtag

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman Mazyek, schrieb ebenfalls bei Twitter, Genç habe sich als mutige Frau, Mutter und Kämpferin für den Frieden, gegen Hass und Rassismus „um unsere Gemeinschaft verdient gemacht.“ Sie werde sehr fehlen.

NRW-Landtagspräsident André Kuper (CDU) kündigte an, der Landtag werde der Verstorbenen am kommenden Mittwoch mit einer Schweigeminute gedenken. „Die Größe, mit der sie Schmerz und Trauer in Vergebung gewandelt hat, bleibt – auch über ihren Tod hinaus“, erklärte er.

Laschet: „Eine der beeindruckendsten Frauen“

Der ehemalige NRW-Ministerpräsident und CDU-Bundestagsabgeordnete, Armin Laschet, bezeichnete Genç als „eine der beeindruckendsten Frauen, die ich je kennengelernt habe.“ Sie habe die Maxime Versöhnung statt Hass vorgelebt. Serpil Temiz Unvar, Aktivistin und Mutter des bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordeten Ferhat Unvar, bezeichnete Genç bei Twitter ebenfalls als Vorbild. Trotz allem, was sie durchgemacht habe, habe sie an das Gute glaubt und dafür gekämpft.

Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende in NRW, Thomas Kutschaty, würdigte das Engagement der 79-Jährigen. Ihr Satz „Liebe lässt den Menschen leben, aber der Hass bringt den Tod“ werde eine Mahnung bleiben. Die NRW-Grünen-Fraktionsvorsitzende Verena Schäffer twitterte, ihre Gedanken seien bei den Angehörigen. „Es ist unsere Verantwortung, Rassismus zu bekämpfen & an die Opfer zu erinnern.“

Symbolfigur für Verständigung und Toleranz

Mevlüde Genç kam mit 27 Jahren aus der Türkei nach Solingen. Am 29. Mai 1993 zündeten vier junge Neonazis das Haus der Familie in Solingen an. Insgesamt 17 Familienmitglieder wurden bei der Tat schwer verletzt und leiden zum Teil noch heute an den Folgen.

1995 nahm Genç die deutsche Staatsbürgerschaft an und wurde zu einer Symbolfigur für Verständigung und Toleranz. Im Gespräch nannte sie kurz vor ihrem 70. Geburtstag ihren muslimischen Glauben als Motivation für ihr Engagement. Sie beziehe ihre Stärke aus ihrer Beziehung zu Gott und aus dem Wunsch, Vorbild zu sein für gegenseitige Achtung und Nächstenliebe. „Für mich sind alle Menschen gleich, unabhängig von Herkunft und Religion“, sagte sie. (epd/mig)

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