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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Nazibaiting

Letzte Woche haben mich zwei Wortbeiträge in spezieller Weise bewegt: Ilija Trojanows „Ein Volk ist kein Zuhause“ und Friedrich Merz' „Sozialtourismus“. Panik am Stammtisch.

Von Montag, 03.10.2022, 16:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 03.10.2022, 10:15 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Letzte Woche haben mich zwei Wortbeiträge in spezieller Weise bewegt, die sowohl thematisch und metaphorisch eng zusammenhängen, obwohl sie dann doch eigentlich wieder so gar nichts miteinander zu tun haben.

Der Eine ist eigentlich schnell abgehakt. Er stammt von Ilija Trojanow, erschien als Kolumne bei der taz und heißt „Ein Volk ist kein Zuhause“. Nicht, dass er sui generis etwas genial Überraschendes zu bieten hätte: Er ist kaum mehr als ein Konvolut galant aneinander gereihter Plattitüden darüber, dass der ganze Nationalismusquatsch eben doch nur Quatsch ist. Der Leser weiß das. Und selbst die Nichtleser dürften das wissen. Pro se soll er wohl eine Art Liebeserklärung an die deutsche Sprache sein, die meines Erachtens allerdings auf halbem Wege verhungert.

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Und doch passierte in meiner Reflektion etwas. Denn da, wo der Versuch, eine emotionale Reaktion hervorzurufen, aufs Gesicht fiel, drängte sich eine ganz andere Relevanz auf. Wie die Brüste der Isis, die – ist erst einmal ihr Schleier heruntergerissen – dem Betrachter allzu keck ins Auge springen, trifft eine Erkenntnis diesen Leser: Warum reden wir in der Diskussion über Nationalismusquatsch eigentlich so selten davon, dass Nationalismus Quatsch ist, lassen uns stattdessen nur Diskussionen über die kommode braune Soße aufdrängen? Wann wurde die Diskussion über Nationalismus durch den Nationalismus derart okkupiert, dass eine Sinndiskussion a priori gar nicht einmal mehr stattfindet?

„Warum reden wir in der Diskussion über Nationalismusquatsch eigentlich so selten davon, dass Nationalismus Quatsch ist, lassen uns stattdessen nur Diskussionen über die kommode braune Soße aufdrängen?“

Würden wir denn in einem Dialog über Geisterfahrern auch empfehlen, nur die rechte Spur zu nutzen, die Geschwindigkeit zu reduzieren, sich anzuschnallen, – oder würden wir nicht vielleicht doch lieber vom Geisterfahren ganz allgemein abraten?

Wie haben es die geistigen Geisterfahrer dann also geschafft, dass keine Sinndiskussion mehr geführt wird, stattdessen minderbelichtete Politiker davon brabbeln, „Bedenken ernst zu nehmen“? Wann wurden aus Hass, Rassismus, Sexismus, Homophobie eigentlich „Bedenken“? Ist eine Diskussion mit einem Impfgegner, der sich in seinem Meinungsführerbunker verschanzt hat, nicht vielleicht sogar kontraproduktiv, weil er sich so in seinem antisozialen, antiszientistischen Wahn auch noch legitimiert fühlt? Beißen wir nicht auf Zenit – wie es Fußballphilosoph Christoph Kramer wohl fomulieren würde – wenn wir versuchen, Unernstes ernst zu nehmen? Und wäre damit ein wohltemperiertes „Du bis doch bescheuert!“ nicht oft die bessere Reaktion?

„Früher einmal waren Neofaschismus, Ausländerhass, Geschichtsrevision indiskutabel. Die Daswirdmandochnochsagendürfer, die Ichbinkeinrassistaberer haben das geändert…“

Die deutsche Sprache kennt das herrliche Wort „indiskutabel“, es beschreibt, was nicht zu diskutieren, was per se falsch ist. Früher einmal waren Neofaschismus, Ausländerhass, Geschichtsrevision indiskutabel. Die Daswirdmandochnochsagendürfer, die Ichbinkeinrassistaberer haben das geändert, so scheint es jedenfalls.

Nur: Flacherdler sind Spinner, keine Menschen mit abweichenden Meinungen, keine „Alternativen“. Und sie bleiben Spinner, ob man mit Ihnen diskutiert oder nicht. „Trickle down“-Ökonomen sind Spinner, dazu muss man sich nur die Zahlen anschauen. Warum so tun, als sei es anders? „Klimaleugner“ sind Spinner – jeder weiß doch, dass es Klima gibt, sonst gäbe es ja auch gar keine Klimaanlagen. Duh!

Damit bin dann aber auch schon bei der bereits angedrohten zweiten Wortmeldung: Friedrich Merz, dieses asoziale, rechte … hat nämlich bewiesen, dass er trotz Frauenquote und angetäuschtem Mitte-Kurs eben doch noch dieses asoziale, rechte Schwein ist, dass die Linke so liebt. Alhamdulillah!

Ukainerinnen und Kindern unterstellte er schließlich gerade pauschal und im besten AfD-Jargon „Sozialtourismus“. Und weil ich hier niemandem mehr erklären muss, was eigentlich dieses ominöse „Framing“ ist, sag ich gleich: Wer Menschen, die vor des Deutschen liebstem Feindbild und dem mit diesem geführten Krieg in der Ostukraine „nach Europa“ fliehen, eine „Lustreise“ nach Deutschland unterstellt, der hat das Feld des Diskutablen längst hinter sich gelassen. Und nur um auch das noch einmal so eindeutig zu sagen: Wer Gespräche darüber führt, die kleptokratische Ukraine in die Europäische Union einzuladen (da passt sie hin), sollte es andererseits tunlichst vermeiden, zu behaupten, Ukrainer flüchteten „nach Europa“. Panik am Stammtisch: 42 Millionen Ukrainer sind längst hier, in Europa!

„Ein Friedrich Merz weiß das natürlich eigentlich alles. Er weiß, dass, wer Ukainerinnen und Kindern unterstellt, Urlaub in Deutschland zu machen, um hier parasitär von Sozialleistungen zu profitieren, während die eigene Heimat in Flammen steht, ein asoziales, rechtes Schwein ist.“

Ein Friedrich Merz weiß das natürlich eigentlich alles. Er weiß, dass, wer Ukainerinnen und Kindern unterstellt, Urlaub in Deutschland zu machen, um hier parasitär von Sozialleistungen zu profitieren, während die eigene Heimat in Flammen steht, ein asoziales, rechtes Schwein ist. Aber einen Friedrich Merz ficht das nicht. Ein Friedrich Merz nimmt es einfach zurück, sobald es einmal die Runde gemacht hat. Irgendwas wird zur Rechten schon hängen bleiben, und sei es nur, dass die früheren Parteifreunde von Gauland bis Steinbach merken: Der Friedrich, das ist eben immer noch einer von uns.

All das kann man am Ende aber halt nur feststellen, nicht diskutieren. Und feststellen muss man dann wohl auch: Friedrich, du bist doch bescheuert! Merkste selber, ne?

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  1. Levent Öztürk sagt:

    Mich hat letzte Woche wieder sehr erschütternd bewegt, dass in Hildesheim im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung der FDP-Politiker den türkischen Staatspräsidnten Recep Tayyip Erdogan in bekannter primitiver niveauloser Manier beleidgt hat, wissentlich, dass er sich auf deutsche Gerichte verlassen kann und diese Beleidgung keine strafrechtlichen Konsequenzen für ihn haben wird. Würde jedoch ein in Deutschland lebender Türke den herrn Kubicki auf gleiche Art und Weise beleidigen, dann würde er strafrechtlich mit voller Härte belangt werden.