Berthe Obermanns, Migazin, Menschenrechte, Frauen, Recht, Juristin, Rechtsanwältin
Berthe Obermanns © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Richtungswechsel

Die „Winnetou-Liebe“ der Deutschen gehört aufgearbeitet

Es braucht keine unkritische „Winnetou“-Verherrlichung, sondern die Bereitschaft, sich mit den eigenen kolonialen Fantasien auseinanderzusetzen.

Von Mittwoch, 14.09.2022, 20:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 14.09.2022, 15:01 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |  

Am 11. August erschien der Film „Der junge Häuptling Winnetou“ in den Kinos. Nunmehr hat der Ravensburger Verlag die Auslieferung der gleichnamigen Kinderbuchreihe aufgrund „verharmlosender Klischees“ über die Behandlung der indigenen Bevölkerung und entsprechender „negativer Rückmeldungen“ gestoppt. Prompt folgte ein Aufschrei der Empörung. Die Bild-Zeitung bezeichnete den Verkaufsstopp des Verlags als „Woke-Wahnsinn“, der ehemalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel schrieb auf Twitter: „Als Kind habe ich Karl Mays Bücher geliebt, besonders Winnetou. Als mein Held starb, flossen Tränen. Zum Rassisten hat mich das ebenso wenig gemacht wie Tom Sawyer & Huckelberry Finn.“ Auch der CDU-Politiker Tino Sorge bezeichnete Winnetou und Old Shatterhand als Helden seiner Kindheit und resümierte: „Wer dies Kindern heute versagt wegen ‚kultureller Aneignung‘, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.“ Weitere Politiker, Schauspieler und anderweitig in der Öffentlichkeit stehende Personen haben sich mittlerweile ähnlich geäußert.

Auffällig ist, dass es sich dabei fast ausschließlich um weiße, cisgeschlechtliche Männer handelt, die von „der guten alten Zeit“ schwärmen. Die Verteidigungshaltung, in die sie dabei verfallen, mag auf den ersten Blick sogar verständlich erscheinen, schließlich geht es darum, die eigenen Kindheitserinnerungen und damit auch einen Teil der eigenen Identität in Schutz zu nehmen.

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„Sie möchten festhalten an ihren kolonialen Fantasien, an ihrem Bild von den „Anderen“ und den entsprechenden kolonialrassistischen Zuschreibungen, vor allem aber an einer vermeintlichen „weißen Überlegenheit“.“

Vergessen wird hierbei jedoch, dass Identität nicht unabänderlich ist, sondern einem permanenten Veränderungs- und Anpassungsprozess an die eigene Umwelt unterliegt. Wandelt sich die Gesellschaft – und mit ihr bestimmte Werte und Normen – kann Identität auch hinterfragt und umgedeutet werden. Es wäre also durchaus möglich, die frühere Liebe zu den Winnetou-Geschichten neu zu interpretieren. Hierzu sind diejenigen, die sich nun über die Entscheidung des Verlags echauffieren, allerdings nicht bereit. Sie möchten vielmehr festhalten an ihren kolonialen Fantasien, an ihrem Bild von den „Anderen“ und den entsprechenden kolonialrassistischen Zuschreibungen, vor allem aber an einer vermeintlichen „weißen Überlegenheit“.

Die Winnetou-Geschichten wurden während der Kolonialzeit geschrieben; so lesen sie sich auch. Karl May, der selbst niemals in Nordamerika gewesen war, zeichnete in seinen Erzählungen ein Bild, das in Deutschland bis heute die Vorstellungen über Native Americans prägt. Dieses Bild basiert auf siedlerkolonialen Fantasien über das Leben im „Wilden Westen“. Es reproduziert weiße Vorstellungen über die „Anderen“. Einer marginalisierten Gruppe wird dadurch quasi die Erzählfähigkeit der eigenen Geschichte abgesprochen. Stattdessen wird sie einer vermeintlich allgemeingültigen Geschichtserzählung aus dem Blickwinkel der Dominanzkultur untergeordnet.

Betrachtet man die Helden der Kindheit in Gestalt von Winnetou und Old Shatterhand vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Debatte, müsste zumindest ein Hinterfragen und eine Änderung des Blickwinkels die logische Konsequenz sein. Wer allerdings sämtliche Hinweise ignoriert, stattdessen selbstmitleidig der „guten alten Zeit“ nachtrauert und sich krampfhaft an den eigenen Privilegien festklammert, muss auch damit umgehen können, als ignorant bezeichnet zu werden.

„Es geht auch nicht darum, Menschen vorzuwerfen, die Winnetou-Geschichten als Kind gerne gelesen zu haben. Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, dass sich unsere Gesellschaft verändert und die Kritik an Winnetou im Grunde ein Kampf für eine gerechtere Welt darstellt.“

Und sofern es nun wieder heißen sollte, die Cancel Culture sei eine der größten Bedrohungen für die Menschheit, wie der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz kürzlich behauptete, sei zunächst einmal klarzustellen, dass es bei der Debatte nicht darum geht, etwas zu verbieten. Sämtliche Formen von Paternalismus haben bei der Diskussion nichts zu suchen. Es geht auch nicht darum, Menschen vorzuwerfen, die Winnetou-Geschichten als Kind gerne gelesen zu haben. Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, dass sich unsere Gesellschaft verändert und die Kritik an Winnetou im Grunde ein Kampf für eine gerechtere Welt darstellt. Dementsprechend kann man auch die Helden der Kindheit anders betrachten; und zwar mit interessiertem, informiertem und kritischem Blick.

Wer nämlich die Hintergründe kennt und sich damit auseinandersetzt, wie massiv Indigene unterdrückt wurden, der wird vermutlich selbst auf die Idee kommen, dass die Geschichten um Winnetou mehr als problematisch sind.

Insofern wäre ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs über den Umgang mit problematischer, weil rassistischer und kolonialistischer Kunst, angebracht. Denn Kunst, Literatur und Musik sind keinesfalls – wie es derzeit zuweilen den Anschein erweckt – unabänderlich. Dies zeigt sich beispielsweise auch daran, dass bestimmte Ausdrücke in Kinderbüchern, unter anderem in „Pipi Langstrumpf“ oder „Die kleine Hexe“, mittlerweile geändert wurden. Auch die Tatsache, dass die deutsche Punkband „Die Ärzte“ kürzlich mitgeteilt hat, ihren Song „Elke“ aufgrund des enthaltenen Bodyshamings nicht mehr zu spielen, ist ein positives Beispiele für ein „Hinterfragen“, ein „sich selbst Reflektieren“ und ein „Eingestehen“.

„Es braucht Information und Wissen um die massive Unterdrückung von Native Americans.“

Statt also von vornherein zu behaupten, Winnetou sei unproblematisch, sollte ein Blick in die Geschichte geworfen werden. Es braucht Information und Wissen um die massive Unterdrückung von Native Americans. Und es braucht einen (erneuten) Blick in die Bücher selbst, in denen die meisten von Karl May gezeichneten Native Americans – mit Ausnahme von Winnetou – als kognitiv beeinträchtigt beschrieben werden (wenn auch nicht so sehr wie der N* Bob). Neben kolonialrassistischen Zuschreibungen und Misogynie ist darüber hinaus White Saviorism enthalten: Gute Weiße helfen den armen, bemitleidenswerten „Indianern“.

Sofern man sich dann auch noch klarmacht, dass das Karl-May-Museum im sächsischen Radebeul insgesamt sieben Jahre brauchte, um einen Skalp nach einer Beschwerde des „Sault Ste. Marie Tribe of Chippewa Indians“ aus dem US-Bundesstaat Michigan an diesen zurückzugeben, wird deutlich, dass es um mehr geht als um problematische fiktionale Erzählungen. Es geht auch darum, wie über Objekte gewacht wird, um Geschichte zu deuten und dadurch (neue) koloniale Verhältnisse zu produzieren. So heißt es in einem Bericht des Stammes aus dem Jahr 2015: „Dieses Stück wurde ohne Befugnis entnommen und in ein Museum gebracht, um wie ein Bild an der Wand gezeigt zu werden.“ Die Vertreter der Chippewa Indians sehen dabei ihre Kulturgüter des eigentlichen Kontextes entnommen und bewerten die Zurschaustellung als „respektlos, beleidigend und unverschämt“.

Und genau das schildert das Problem rund um Winnetou und die kulturelle Aneignung: Die Dominanzkultur bereichert sich an der Kultur einer marginalisierten Gruppe, ohne etwas zurückzugeben und ohne eine nur ansatzweise vergleichbare Diskriminierung dafür zu erfahren. Kulturelle Aneignung bedeutet daher nicht – wie oft behauptet wird – ein Gut auszutauschen. Kulturelle Aneignung bedeutet vielmehr, dass die Mehrheitsgesellschaft etwas an sich nimmt, ohne nachzufragen, ob die Weg- oder Übernahme in Ordnung ist. Auch an einer Gegenleistung fehlt es in der Regel, was insbesondere dann problematisch ist, wenn die Wegnahme mit Profitabsicht erfolgt; so wie es auch bei den Winnetou-Büchern der Fall ist.

„Ein Native American kann die Merkmale, anhand derer er im Alltag Diskriminierung erfährt, nicht ablegen.“

Auch das Argument, man habe sich als Kind gerne als „Indianer“ verkleidet und wolle dies den eigenen Kindern nicht verbieten, ist schon für sich genommen höchstproblematisch: Denn ein Native American kann die Merkmale, anhand derer er im Alltag Diskriminierung erfährt, nicht ablegen, so wie sich auch ein angeblich an der Hautfarbe erkennbarer Migrationshintergrund nicht wie ein Kostüm ablegen lässt.

Dies muss erkannt und debattiert werden. Eine kluge, informierte Diskussion um kulturelle Aneignung, die frei ist von gegenseitigen Anschuldigungen, könnte nämlich auch eine Chance sein. Sie könnte die koloniale Aktualität von Rassismus und kultureller Enteignung im europäischen Kontext aufzeigen und damit dazu beitragen, dass der europäische Kolonialismus nicht länger in die Vergangenheit und außerhalb Europas verwiesen wird. Sie könnte uns alle dazu bringen, uns mehr zu informieren und mehr Interesse an anderen Kulturen zu zeigen, insbesondere auch an marginalisierten Gruppen und den kolonialrassistischen Hintergründen bzw. Zuschreibungen. Denn nur, wer sich dessen bewusst ist, kann problematisches Verhalten überhaupt erkennen. Gerade deshalb wäre eine differenziertere und mit mehr Offenheit und Interesse geführte Debatte so wichtig: Sie könnte unser Interesse an anderen Kulturen fördern, anstatt es zu unterbinden, sie könnte zu einem intensiveren Austausch führen und uns dadurch näher zusammenbringen, sie könnte strukturellen Rassismus und Diskriminierungen sichtbar machen, die für die weiße Mehrheitsgesellschaft vielleicht gar nicht offensichtlich sind.

„Es geht um die Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte. Es geht um den Kampf gegen Diskriminierung.“

Von der Organisation „Natives in Germany“ wurde die Entscheidung des Ravensburger Verlags jedenfalls begrüßt. Gleiches gilt für die „Native American Association of Germany“, die unter anderem kritisiert, dass der Film „Der junge Häuptling Winnetou“ eine Fülle an stereotypen Vorstellungen enthalte, die nun an die nächste Generation weitergegeben werden.

Und genau darum geht es doch: Unsere Gesellschaft verändert sich, unser Blick auf Kunst und Kultur ebenso. Alles ist veränderlich. Und selbst diejenigen, die die Winnetou-Geschichten als Kind geliebt haben, müssten – sofern sie bereit sind, sich zu informieren – in der Lage sein, zu erkennen, dass der Vorwurf der kulturellen Aneignung letztendlich eine Folge anhaltender sozialer Ungerechtigkeit ist. Im Grunde geht es also darum, diese Ungleichheit zu bekämpfen. Es geht um die Erkenntnis, dass wir in einer rassistischen Gesellschaft leben. Es geht um die Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte. Es geht um den Kampf gegen Diskriminierung.

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