Judensau, Wittenberg, Lutherstadt, Antisemitsmus
Lutherstadt Wittenberg - "Judensau" (um 1440) an der Stadtkirche St. Marien © onnola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

„Zumutung“

Beirat empfiehlt Abnahme von Wittenberger Schmähplastik

Die Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche könnte bald entfernt werden. Der 2020 berufene Beirat empfiehlt, das Relief an einen kirchennahen, noch zu entwickelnden Lernort zu versetzen.

Dienstag, 26.07.2022, 19:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 26.07.2022, 14:57 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Die judenfeindliche Schmähplastik an der evangelischen Stadtkirche zu Wittenberg soll nach Empfehlung des beauftragten Beirats der Kirchengemeinde zeitnah entfernt werden. Die Plastik müsse in einem angemessenen, einordnenden Rahmen aufbewahrt und zugänglich gemacht werden, forderte der „Beirat zur Weiterentwicklung der Stätte der Mahnung“ am Dienstag in Wittenberg. Über die konkrete Umsetzung müsse eine Einigung mit dem Denkmalschutz erzielt werden.

Das auch als „Judensau“ bekannte Fassadenrelief in vier Metern Höhe zeigt unter anderem ein Schwein, an dessen Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Eine 1988 vor der Kirche eingelassene Bodenplatte und eine Stele mit Erläuterungen stellen die Plastik in einen distanzierenden Kontext. Der Bundesgerichtshof hatte deshalb im jahrelangen Rechtsstreit um die Schmähplastik Mitte Juni entschieden, dass das Relief trotz des antijüdischen Inhalts an seinem historischen Ort verbleiben kann.

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Der Beirat war 2020 vom Gemeindekirchenrat der Stadtkirche einberufen worden, um über den Umgang mit dem Relief zu beraten. Mitglieder sind unter anderem der Beauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christian Staffa, der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK), Andreas Nachama, sowie der Ansprechpartner für jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt und gegen Antisemitismus, Wolfgang Schneiß.

Ist-Zustand eine „Zumutung“

Der Beirat empfehle, die Schmähplastik nicht in einem Museum, sondern in einem kirchennahen, noch zu entwickelnden Lernort unterzubringen, erklärte der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Christoph Maier, ebenfalls Beiratsmitglied. Dieser Lernort solle die Stätte der Mahnung mit dem Bodendenkmal ergänzen. „Die Tradition des Gedenkens vor Ort soll bestehen bleiben“, so Maier weiter.

Es sei eine „Zumutung“, die Plastik in der bestehenden Form in der Öffentlichkeit zu halten. Das Relief dürfe aber nicht versteckt werden, sondern müsse zugänglich bleiben. „Es ist wichtig, dass es vor Ort eine lebendige Gedenkkultur gibt“, betonte der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Bleibende Einordnung

Ein zeitgemäßes pädagogisches Konzept soll der Empfehlung zufolge eine bleibende Einordnung der Schmähplastik gewährleisten. „Der inhaltliche Bezug zur Geschichte christlicher Judenfeindschaft muss notwendigerweise herausgestellt werden“, hieß es.

Zugleich plädierte der Beirat für die Umsetzung von Sofortmaßnahmen. Dazu gehören die Erstellung einer Broschüre, die Installation eines neuen Erklärtextes für die Informationsstele an der Kirche sowie eine Ergänzung der Dauerausstellung im Innenraum der Kirche. Mit einer Neukonzeption der Dauerausstellung müsse zudem gewährleistet werden, dass „Antijudaismus und Antisemitismus thematisiert und kontextualisiert werden“. (epd/mig)

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  1. Paul-Wilh. sagt:

    Wenn sich wieder mal eine Beirat über die Entscheidung des BGH stellt, dann ist eigentlich nur der Beirat ein Zumutung und nicht die Plastik!