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Safran Blume © 123rf.com

Frauen in Afghanistan

Safran für ein würdevolles Leben

In der Wüste um die westafghanische Stadt Herat herrschen Armut und Not. Doch dank des Anbaus von Safran verdient eine Gruppe Frauen selbständig ein Einkommen für sich und ihre Familien - und Respekt.

Von Sonntag, 17.07.2022, 16:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 17.07.2022, 15:49 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Jahr für Jahr im Herbst blüht die Wüste im Westen Afghanistans lila. Im Distrikt Pashtun Zarghun nahe der Stadt Herat drängen sich durch rissige Erdschollen kleine Blumen, in deren Innerem sich drei wertvolle Blütenstempel verbergen: Safran. Bibi Gul hockt mit drei anderen Frauen auf einem Feld abseits des Dorfes Gabighan. Meter für Meter pflücken sie die Blüten der Krokusart. Die drei Safrannarben werden sie später mit der Hand herauszupfen, in einem speziellen Ofen trocknen, dann wiegen und in Gläser füllen.

Bibi Guls Mann Merajudin Shahabi kämpfte viele Jahre mit der Not, die der Trockenheit der Wüste entsprang. Seit Jahren wartet man hier auf genug Regen. Er baut Kartoffeln und Zwiebeln an. In guten Jahren verdient er 3.000 Afghani, 30 Euro, im Monat; in schlechten 2.000 Afghani – weniger als ein 25-Kilo-Sack Reis kostet. Seit sich Bibi Gul vor zwei Jahren der Frauenkooperative anschloss, die Safran anbaut, verarbeitet und vermarktet, hat sich das Leben der sechsköpfigen Familie geändert. „Ich bin jetzt sichtbar und werde respektiert“, sagt die 47-Jährige. „Ich bin nicht mehr allein“, sagt ihr Mann.

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Neben Bibi Gul arbeitet die 25-jährige Azita, eine schüchterne Frau, deren Gesicht lange seine Jugend verloren hat. Ihr Mann ist, wie schätzungsweise 3,6 Millionen Afghanen, drogenabhängig. Seit Azita der Kooperative angehört, kann sie Lebensmittel und Kleidung kaufen, ihre Töchter zur Schule schicken. Vor allem aber ist sie weniger den Launen ihres Mannes ausgesetzt. „Er respektiert mich.“

Frauen auf dem Land

Der Safranverband ist eine Initiative der Deutschen Welthungerhilfe. Deren lokaler Partner RAADA hat seinen Sitz in Herat, einer alten Handelsstadt mit 600.000 Bewohnern an der ehemaligen Seidenstraße und über Jahrtausende Mittelpunkt der muslimisch-persischen Kultur. Am 12. August vergangenen Jahres wurde sie nach tagelangen Kämpfen an die Taliban übergeben.

RAADA-Direktor Nazir Ghafoori ist eigentlich Veterinär. Seit vielen Jahrzehnten aber engagiert er sich für die Rechte und die Stärkung der Frauen auf dem Land. Er hat ein halbes Dutzend Initiativen auf den Weg gebracht, um ihnen Verdienst und minimale Freiheiten zu ermöglichen. Die Kooperation mit der Welthungerhilfe führte zur Idee des Safrananbaus.

Einsichtige Männer

In das Projekt aufgenommen werden vor allem Frauen, die mit großer Not zu kämpfen haben. „Wir fahren in die Dörfer und dort schauen wir, welche Familien am ärmsten sind“, beschreibt Ghafoori. Voraussetzung sei, dass die Familie ein Stück Eigenland besitze. „Dann reden wir mit den Dorfältesten und den Ehemännern. Wir erklären ihnen, welche Vorteile es hat, wenn die Frauen Geld verdienen. Wir stoßen selten auf Schwierigkeiten, denn die Einsicht der Männer ist groß.“

Die ausgewählten Frauen erhalten jede 400 Safranzwiebeln von der Welthungerhilfe und ein Training über den Anbau. Um in der Kooperative ihre Waren selbständig vermarkten zu können, gibt es auch Alphabetisierungs- und Buchhaltungskurse. Die getrockneten roten Fäden verkaufen sie in Herat an Zwischenhändler, die die Ware in den Nahen Osten transportieren. Ein Kilo Safran erbringt zurzeit umgerechnet 800 Euro.

Afghanistans starke Frauen

Bevor sie in das Projekt aufgenommen wurde, wusste Bibi Gul wenig über Safran. Inzwischen betrachtet sie sich als Expertin und, sie sagt es mit Stolz, als Geschäftsfrau. „Wir sind der Beweis, dass Afghanistans Frauen sehr stark sind.“

Politisch hat sich für die Frauen durch die Machtübernahme der Taliban bisher wenig geändert. Schon davor waren die meisten Dörfer in der Steppe um Herat unter der Kontrolle der Islamisten. Und diese ließen sie mit ihrem Projekt gewähren, weil sie die Hilfsorganisationen zur Versorgung der Bevölkerung brauchten. Armutsbekämpfung, das Gesundheitssystem und die Infrastruktur haben die afghanischen Behörden größtenteils den Hilfsorganisationen überlassen.

Dunkle Zeiten

Dass die Frauenorganisation weitermachen darf, verdankt sie den Verhandlungen der Welthungerhilfe und der engagierten Lobbyarbeit von RAADA. Jene Taliban, die in der Gegend das Sagen haben, verstünden die prekäre Lebenssituation der Menschen, erklärt Ghafoori. „Viele Männer sind arbeitslos oder verdienen nur wenig Geld. Mindestens ein Viertel aller afghanischen Familien wird komplett von Müttern oder Töchtern ernährt. Unter den Frauen, die Safran anbauen, sind auch etliche, deren Männer den Taliban angehören.“

Wirtschaftlich ist die Lage dennoch eine existentielle Bedrohung. Die Taliban-Regierung hat kein Geld, mehr als 70 Prozent aller Afghanen sind ohne Arbeit. Die UN warnen vor einer Hungersnot, wenn nicht massiv humanitäre Hilfe ins Land kommt. Die Kosten für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mehl und Öl sind stark gestiegen. Wie die Zukunft der Frauen aussieht, weiß auch Ghafoori nicht einzuschätzen. „Es sind dunkle Zeiten, und wir können nur hoffen, dass sie wieder heller werden.“ (epd/mig)

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