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Frau hinter einem Fenster (Symbolfoto) © Free-Photos @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Wie auch immer

Afghanistans Frauen trotzen den Taliban

Für viele Frauen in Afghanistan hat sich in den vergangenen Jahren wenig geändert. Für die anderen lässt die Machtübernahme der Taliban Schlimmstes befürchten. Dennoch wollen viele weitermachen. Wie auch immer.

Von Mittwoch, 08.09.2021, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 07.09.2021, 17:54 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

„Die vergangenen 20 Jahre habe ich studiert und für eine bessere Zukunft gearbeitet“, sagt Azita Nazimi. „Ich werde nicht zulassen, dass all diese Erfolge verloren gehen.“ Die afghanische Journalistin erinnert sich im Gespräch mit dem TV-Sender Tolo News noch zu gut, wie es beim letzten Mal war, als die Taliban in den 90er Jahren in Afghanistan an der Macht waren. Sie durfte wie viele andere Mädchen nicht mehr zur Schule gehen. Nun droht sich die Geschichte zu wiederholen.

Zwar geben die Taliban sich diesmal weniger radikal als vor 20 Jahren. So erlauben sie Studentinnen den Universitätsbesuch, solange sie einen Nikab tragen und von den Männern mindestens durch einen Vorhang getrennt werden. Doch gegen Frauenproteste gingen die neuen Machthaber schnell sehr entschieden vor. Als Azita Nazimi mit einer Gruppe von Frauen in Kabul zwei Tage lang gegen die Pläne der Taliban protestierte, keine Frauen an ihrer Regierung zu beteiligen, setzten die Radikalislamisten Tränengas und Elektroschocker ein. Frauen-Demonstrationen gab es auch in anderen Städten, etwa in Herat, im Westen Afghanistans.

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Jenseits der Großstädte leben afghanische Frauen in einer anderen Realität: Zwangsverheiratung, Kinderehen und der Verkauf an ältere Männer sind alltäglich. In fast der Hälfte aller Ehen in Afghanistan ist die Braut jünger als 18 Jahre, in 15 Prozent der Fälle sogar jünger als 15. Eine Afghanin bringt im Schnitt 5,3 Kinder zur Welt. Geburten und Schwangerschaft bleiben ein großes Gesundheitsrisiko.

Strenge Geschlechtertrennung

In Afghanistans tief patriarchalischer Gesellschaft diktiert die „Purda“ den Alltag, eine strenge Trennung der Geschlechter, die Frauen ins Haus verbannt und ihnen den Ausgang nur mit einem männlichen Familienmitglied erlaubt. Dazu kommen Gewalt, Vergewaltigungen, Misshandlungen und sogenannte Ehrenmorde – all dies im Namen einer sehr konservativ ausgelegten Religion und Kultur. Die Taliban und ihr Umgang mit Frauen speisen sich aus diesen Quellen.

Doch nun treffen die neuen Herren von Kabul auf urbane Frauen, die fast 20 Jahre lang deutlich mehr Freiheiten genossen haben. Westliche Hilfsorganisationen brachten afghanischen Mädchen Skateboard-Fahren bei, organisierten Frauenfußballvereine, förderten Mädchenchöre an Schulen, unterstützten coole Graffiti-Malerinnen, Robotics-Erfinderinnen, Bowling-Bahn-Inhaberinnen und andere Projekte. Für ein paar Jahre gaben sich alle der Illusion hin, sie würden dem Fortschritt in Afghanistan zusehen. Schließlich war die Invasion Afghanistans 2001 auch damit begründet worden, den Frauen zu ihren Rechten zu verhelfen, die von den Taliban unterdrückt wurden.

Realitäten prallen aufeinander

Nun prallen zwei Realitäten harsch aufeinander. Die vom Westen hofierte weibliche Elite mit Doppelpässen, Green Cards und anderen Privilegien hat sich in vielen Fällen in Sicherheit gebracht. Frauen wie die Politikerin Fauzia Koofi verfügen über genug Kontakte und Geld, um sich im Ausland einzurichten. Auch andere flohen schnell: „Sie kommen, um mich zu töten“, schrieb Sahraa Karimi, Regisseurin und Leiterin des afghanischen Filminstituts, auf Twitter. Die 38-Jährige slowakische Staatsbürgerin verließ wenig später Kabul mit einem Evakuierungsflug. Die bekannte Sängerin Aryana Sayeed wurde in die Türkei ausgeflogen. Die 36-Jährige hat seit Jahren einen Zweitwohnsitz in Istanbul.

Die meisten Frauen in Afghanistan haben deutlich weniger Glück. Für sie beginnt nun eine schwere Zeit. Die Frauenrechtlerin Mary Akrami, die ein Schutzhaus für Frauen in Kabul leitet und schon länger selbst bedroht wird, will versuchen, weiterzuarbeiten. Sie fühle sich „verraten“, sagte sie jüngst dem TV-Sender France24. Woher die finanzielle Hilfe für sie kommen soll und ob die Taliban wirklich Interesse an einem Frauenhaus haben, ist schwer vorstellbar. Doch es gibt genug andere Frauen in Afghanistan, die nicht in die 1990er Jahre zurückwollen. Es wird schwer sein, sie zum Verstummen zu bringen. (epd/mig)

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  1. urbuerger sagt:

    Man kann nur hoffen, dass die Taliban merken, dass sie mit ihren mittelalterlichen Einstellungen ihrer Religion, nicht mehr weit in der Welt des 21. Jahrhunderts kommen kônnen!

    Leider ist es so, dass im Islam noch sehr viele Männer der Ideologie des Koran anhängen, solange er ihnen nützt, ihre Frauen zu unterdrücken!

    Selbst hier in Deutschland sieht man noch immer, wie Frauen ihren Männern hinterherlaufen müssen und sogar geschlagen werden, wenn sie nicht den Ansagen der Männer gehorchen!

    Mir selbst ist einmal eine Sache passiert, die mich sehr traurig machte!
    Ich saß in einem Café und frühstückte, als eine Frau, etwa Mitte 40 herein kam! Wir saßen im abgeteilten Raucherbereich und sie rauchte eine Zigarette!
    Wir kamen ins Gespräch über ihr Kopftuch, weil ich wohl etwas verstohlen darauf schaute!
    Sie erklärte mir, dass sie das Kopftuch aus eigenem Willen trägt, allerdings kam ich nicht mehr dazu weiter nachzufragen, denn es stürzte ein muslimischer Mann herein und schlug die Frau mitten ins Gesicht!
    Ich stand auf und griff ein und verteidigte die Frau!
    Da der Mann um einiges älter war als ich, hätte ich ihn sehr schnell im Griff, so dass er sie nicht mehr schlagen konnte!
    Als sie mir dann erklärte, dass das ihr Onkel sei und er sie nur geschlagen hat, weil sie mit einem ungläubigen Mann gesprochen hat, der auch noch ziemlich Jung ist, ließ ich den Mann los und er verließ sofort das Café und wartete draußen auf sie!
    Sie fing an zu weinen und erklärte mir, dass sie am Abend wenn die Familie zusammen sitzt riesen Ärger bekommen wird!
    Sie sei zwar verwitwet, aber das spiele keine Rolle, sie würde Ärger bekommen!
    Auf meine Frage, warum sie die Familie denn nicht verlassen würde, erklärte sie, dass sie keinerlei Einkommen hat und von ihrem Bruder, Onkel und Großvater vollkommen abhângig ist!

    Im nächsten Moment stand ihr Onkel am Fenster und rief ihr etwas in ihrer Sprache zu, was ich nicht verstanden habe, aber sie fing wieder an zu weinen!
    Ich sagte ihr, dass ich drei Tage in der Woche dort Frühstücken würde und wenn sie jemanden zu Reden brauche, wäre ich da, leider sah ich diese Frau nie wieder!

    So sieht es in unserem demokratischen, aufgeklärten Land für Muslima aus, wahrscheinlich nicht viel besser als in Afghanistan!

    Auch dass sie das Kopftuch, oder wie das Teil heißt, aus eigenem Willen getragen hat glaube ich ihr nun , nach dem Erlebnis, auch nicht mehr!
    Schade, es war eine kurze Unterhaltung, bis zu der unschönen Unterbrechung, hätte mich gefreut, über sie mehr vom Islam zu erfahren!!!

  2. A.F.B. sagt:

    Jeder ehrliche Gelehrte des islamischen Rechts wird zugeben, daß es im Islam keine „Ehrenmorde“ gibt. Mord ist Mord, und nach dem islamischen Recht gibt es keine mildernden Umstände, wenn ein solcher verübt wird, um eine vermeintliche Ehre wiederherzustellen. Wenn die Taliban das nicht so handhaben, muß man sie in die Pflicht nehmen und dazu ermahnen, sich an das islamische Recht zu halten.
    Es gibt auch den umgekehrten Fall, wo afghanische Frauen nicht vor der Geschlechtertrennung davonlaufen, sondern sie suchen. So kam eine in Deutschland aufgewachsene Afghanin nach Jordanien zu dem aus den USA stammenden Sufi-Scheich Nuh Keller, um dort freiwillig den Niqab zu tragen und an den Versammlungen mit strikter Geschlechtertrennung teilzunehmen. Sie fand das gut.
    Nun ist Afghanistan eines der wenigen Länder auf dieser Erde mit einer islamischen Ordnung geworden. Wem das nicht gefällt, sollte lieber in eines der zahlreichen Länder ohne islamische Ordnung auswandern, um dort die Freiheit in vollen Zügen zu genießen. Aber man sollte damit aufhören, ständig gegen diejenigen zu hetzen, die ihre Freiheit darin sehen, dem Einen Gott zu gehorchen und Seinen Anweisungen Folge zu leisten.