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Afghanistan © ErikaWittlieb @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Hintergrund

Nach der Machtübernahme zeigen sich die Taliban versöhnlich

Nach fast 20 Jahren sind die Taliban in Afghanistan wieder an der Macht. Die Führung zeigt sich versöhnlich. Doch die Versprechen in Sachen Frauenrechten bleiben vage.

Von Donnerstag, 19.08.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 18.08.2021, 16:21 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Mit der Machtübernahme der Taliban beginnt für die afghanische Bevölkerung eine neue, ungewisse Zukunft. Fast 20 Jahre lang haben die radikalen Islamisten gegen die internationalen Streitkräfte und die vom Westen gestützte Regierung in Afghanistan gekämpft. Spätestens mit der Eroberung der Hauptstadt Kabul dürfen sie sich als Sieger des blutigen Konflikts fühlen, der Hunderttausenden Menschen das Leben gekostet hat. Woher kommen die Taliban und wie könnte das Land unter ihrer Herrschaft aussehen?

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Taliban bedeutet „Student“ in der Paschtu-Sprache. Die Bewegung ist Teil der islamischen Deobandi-Schule und vertritt fundamentalistische Ansichten, etwa zu Frauen und zum Scharia-Recht. Offiziell gegründet wurde die Taliban-Bewegung im Jahr 1994 nach Ende des Bürgerkrieges in Afghanistan. Der in der afghanischen Provinz Kandahar geborene Mullah Mohammed Omar rekrutierte seine ersten Kämpfer aus afghanischen Flüchtlingslagern im pakistanischen Peschawar.

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Die Bombardierung Afghanistans

Bereits 1996 beherrschten die Taliban Afghanistan – den Norden des Landes, in dem ethnische Usbeken oder Tadschiken in der Mehrheit sind, kontrollierten sie allerdings nur zum Teil. Die Gruppe bestand vor allem aus ethnischen Paschtunen, die im Süden Afghanistans beheimatet sind. Während ihrer bis zum Jahr 2001 andauernden Herrschaft verbannten die Taliban Frauen aus der Öffentlichkeit, verfolgten religiöse Minderheiten und verboten Musik, Tanz sowie Feiern.

Sie boten außerdem Al-Kaida-Führer Osama bin Laden Zuflucht, dem Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA. Das US-Militär begann Ende 2001 mit der Bombardierung Afghanistans. Innerhalb weniger Monate wurde das Taliban-Regime von einer internationalen Militärkoalition gestürzt. Die Führung der radikal-islamischen Gruppe fand im Nachbarland Pakistan Unterschlupf, von wo aus sich die Taliban neu formierten. Unterstützt wurden sie dabei vom pakistanischen Militärgeheimdienst ISI.

Heutige Taliban strebt Anerkennung an

Während ihrer fast fünfjährigen Schreckensherrschaft zwischen 1996 und 2001 zeigten die Taliban wenig Interesse an Regierungs- und Verwaltungsgeschäften. Mullah Omar residierte in Kandahar, verließ kaum sein Haus und besuchte während der Jahre seiner Herrschaft nur zweimal die Hauptstadt Kabul. Dem Wissenschaftler Ahmed Raschid zufolge waren die Taliban in traditionellen Stammesstrukturen gefangen und wollte keine wirkliche Staatsstruktur aufzubauen. International waren sie geächtet.

Die jetzige Spitze der Taliban-Bewegung strebt hingegen internationale Anerkennung an. Als künftigen Regierungschef handeln viele Beobachter den stellvertretenden Taliban-Führer Mullah Abdul Ghani Baradar. Am Dienstag hatten die Taliban bei ihrer ersten Pressekonferenz seit der Machtübernahme afghanischen Mitarbeitern der internationalen Streitkräfte eine Amnestie versprochen und versichert, dass niemand im Land sich vor Rache fürchten müsse.

Vage Aussagen zu Frauenrechten

Zugleich sind sich die Taliban einig, dass Afghanistan nach islamischem Recht regiert werden soll. Das beeinflusst zum Beispiel die Rolle von Frauen und Mädchen. Zwar versicherte der Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid, dass Frauen weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen sollten, jedoch „in den Grenzen der Scharia“. Dies kann vielseitig ausgelegt werden, etwa dass Polizistinnen und Lehrerinnen Kopftuch und tragen müssen. Während der ersten Taliban-Herrschaft jedoch waren die Rechte von Frauen stark eingeschränkt. Mädchen war der Schulbesuch untersagt.

Die Entscheidungsstrukturen und Gliederung der Taliban sind nur schwer durchschaubar. Als Guerilla-Bewegung verfügt sie über mächtige regionale Führer, deren wirtschaftliche und politische Interessen sich nicht immer mit denen der Spitze decken. Ein erster Test für die Bewegung wird der Umgang mit dem Drogenhandel sein. So hat die Führung angekündigt, den vor allem von lokalen Taliban-Kämpfern kontrollierten Opiumanbau abzuschaffen. (epd/mig)

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