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Franziska Nori, Direktorin Frankfurter Kunstverein © Norbert Miguletz/FKV

Interview mit Franziska Nori

„Hanau war ein Wendepunkt für viele Menschen“

Im Frankfurter Kunstverein werden Arbeiten des Künstler-Kollektivs „Forensic Architecture“ zum rassistischen Terroranschlag in Hanau und zum Tod von Oury Jalloh in einer Polizeizelle gezeigt. Franziska Nori, Curatorial Host, erklärt im Gespräch, warum ein Kunsthaus der richtige Ort für die Ausstellung ist, welche Erkenntnisse bisher gewonnen wurden und was sie bewirken soll.

Von Montag, 04.07.2022, 15:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 07.07.2022, 13:29 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |  

Unter dem Titel „Three Doors – Forensic Architecture/Forensis, Initiative 19. Februar Hanau, Initiative in Gedenken an Oury Jalloh” hat der Frankfurter Kunstverein das Künstler:innen Kollektiv „Forensic Architecture“ eingeladen, gemeinsam eine Ausstellung zu erarbeiten, in der drei neue Werke präsentiert werden. Ihre visuellen Untersuchungen zum rassistischen Terroranschlag vom 19. Februar 2020 in Hanau bilden dabei den Schwerpunkt.

Sie sind Curatorial Host der Ausstellung „Three Doors“ im Frankfurter Kunstverein. Wer ist daranbeteiligt?

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Franziska Nori: Die Ausstellung Three Doors entstand als Zusammenschluss, in einer Koalition unterschiedlicher Akteur:innen: der unabhängigen Ermittlungsagentur Forensic Architecture und deren Schwesteragentur Forensis Berlin, der Initiative 19. Februar Hanau, der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, Journalist:innen und dem Frankfurter Kunstverein.

Wie ist die Ausstellung aufgebaut?

Wir haben diese unterschiedlichen Akteur:innen zusammengebracht und ihnen den Raum geboten, ihre eigene Stimme zu erheben: durch die bildwissenschaftlichen und forensischen Methoden der Forensic Architecture/Forensis, die neue Erkenntnisse zu ungeklärten Fragen in der Tatnacht des rassistisch motivierten Anschlags in Hanau liefern. Auch eine journalistische Aufarbeitung durch eine siebenteilige Audio-Dokumentation in Kooperation mit dem SWR2 ist entstanden. Und durch zehn Filmportraits von Überlebenden und Angehörigen der Opfer, in denen sie ihre Fragen an den Hessischen Untersuchungsausschuss zum Attentat von Hanau erstmals einer breiten Öffentlichkeit im Frankfurter Kunstverein zugänglich machen.

Franziska Nori (geb. 1968) leitet seit November 2014 den Frankfurter Kunstverein. Von 2007-14 war sie Direktorin des Centro di Cultura Contemporanea Strozzina am Palazzo Strozzi in Florenz und leitete von 2000-03 die Abteilung digitaler Kunst am Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt. Sie arbeitete von 1996 bis 2006 als freie Kuratorin für moderne und zeitgenössische Kunst u.a. für die Brown University, das Transmediale Festival, das Museum für zeitgenössische Kunst Belgrad, das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid, die Fundación la Caixa in Palma de Mallorca, das Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig in Wien, die Schirn Kunsthalle Frankfurt. Nori ist seit 2011 Honorarprofessorin für Museologie und kuratoriale Praktiken zeitgenössischer Kunst an der Marist University Lorenzo de Medici. Sie hat zahlreiche Aufsätze und Kataloge zur Kunst der Gegenwart veröffentlicht.

Auch eine neue Plausibilitätsstudie zum Fall Oury Jalloh, der 2005 in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte, wird veröffentlicht. Zusätzlich rückt die Ausstellung bestehende Arbeiten wie zu den Morden des NSU sowie zu weiteren internationalen Menschenrechtsverletzungen in den Blick, sodass ein Spektrum forensischer und bildwissenschaftlicher Methodiken aufgezeigt wird.

Wie sieht die Untersuchung zum Haus des Täters und zum Polizeieinsatz in der Tatnacht in Hanau genau aus?

Am 19. Februar 2020 wurden bei einem rassistischen Terroranschlag in Hanau neun Menschen ermordet: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

„Entweder war der offizielle Bericht zum Todeszeitpunkt der Mutter des Täters nicht korrekt, oder die eingesetzten SEK-Kräfte haben mit ihrer Aussage, die tödlichen Schüsse nicht gehört zu haben, gelogen.“

Für den Mord an der Mutter des Täters gibt es anscheinend keine Augenzeug:innen. Der Vater des Täters behauptet, nur Schüsse von außerhalb des Hauses gehört zu haben. Die Polizei behauptet, sie habe gar keine Schüsse gehört. Ein wichtiger Bestandteil der Ermittlung war daher eine Analyse der Hörbarkeit dieser Schüsse. Forensic Architecture/Forensis sichtete tausende Seiten der Untersuchungsakten und erstellte die erste detaillierte Analyse von Aufnahmen eines in dieser Nacht eingesetzten Polizeihubschraubers, um die Bewegungen der Polizei während der gesamten Nacht nachzuvollziehen und Fragen zur Durchführung des Einsatzes zu stellen. Forensic Architecture/Forensis entwickelte außerdem ein Schallexperiment und bildete den Schall der zwei Schüsse nach, die der Täter zur Ermordung seiner Mutter abgefeuert hatte. Damit kann hergeleitet werden, wo diese Schüsse im Haus und in der Nachbarschaft zu hören gewesen sein könnten.

Alle weiteren Ergebnisse finden Sie auf der Website des Kunstvereins.

Welche neuen Erkenntnisse hat die Arbeit der Recherche-Agentur Forensic Architecture/Forensis bei diesem Schallexperiment ergeben?

Es gibt eine Reihe von Schlussfolgerungen, aus denen eine ganz neue Fragen resultieren. Teilweise zählen diese zu den schon vermeintlich ausermittelten Aspekten seitens der Behörden.

„Die Polizei hat bei ihren Bemühungen, das Haus des Täters sicher zu umstellen und ihm die Möglichkeit zur Flucht zu nehmen, in der Tatnacht entscheidend versagt.“

Folgende Evidenzen scheinen wahrscheinlich: Entweder war der offizielle Bericht zum Todeszeitpunkt der Mutter des Täters nicht korrekt, oder die eingesetzten SEK-Kräfte haben mit ihrer Aussage, die tödlichen Schüsse nicht gehört zu haben, gelogen. Der Vater des Täters hat bei der Polizei vielleicht eine Falschaussage abgegeben. Sowohl durch das von Forensic Architecture/Forensis durchgeführte Schallexperiment als auch durch die Beweislage aus den Untersuchungsakten drängt sich diese Schlussfolgerung auf. Die Polizei hat bei ihren Bemühungen, das Haus des Täters sicher zu umstellen und ihm die Möglichkeit zur Flucht zu nehmen, in der Tatnacht entscheidend versagt.

Wäre diese Ermittlungsarbeit nicht die Aufgabe der Polizei und der Staatsanwaltschaft gewesen?

Die Zivilgesellschaft und die Opfer rechtsextremistischer echter Gewalt haben die Initiative selbst ergriffen, Aufklärung und Vermittlungsarbeit in die Gesellschaft zu leisten. Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen sind die vier zentralen Forderungen, die Angehörige der Opfer, Überlebende und alle Mitstreiter:innen der Initiative 19. Februar unermüdlich stellen. Es sind Forderungen, die für alle gelten müssen.

„Hanau war ein Wendepunkt für viele Menschen, die sich als Teil unserer Gesellschaft gefühlt haben und dann doch, aufgrund ihres Aussehens vielleicht, oder aufgrund anderer Vorurteile, das Gefühl erleben mussten, dass sie nicht dazugehören. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, macht viel kaputt…“

Hanau war ein Wendepunkt für viele Menschen, die sich als Teil unserer Gesellschaft gefühlt haben und dann doch, aufgrund ihres Aussehens vielleicht, oder aufgrund anderer Vorurteile, das Gefühl erleben mussten, dass sie nicht dazugehören. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, macht viel kaputt, es verunmöglicht ein Zusammenleben in gegenseitigem Respekt und im Bewusstsein, in einem geltenden Staatssystem zu seinem Recht und zu Gerechtigkeit zu kommen.

Warum und wie kann der Frankfurter Kunstverein und die Zivilgesellschaft das leisten, was andere bisher nicht geschafft haben?

Es geht darum eine Lücke zu füllen. Eine Lücke, die durch behördliches Fehlverhalten und staatliche Untersuchungen nicht gefüllt wurde, auf die es keine ausreichenden Antworten gibt. Antworten, die wir den Opfern rassistischer Gewalt inmitten unserer Gesellschaft schuldig sind. Es geht um eine Gegenerzählung über die Geschehnisse in Hanau, um Sichtbarkeit für die Opfer zu schaffen und deren Rechte zu stärken.

Auch Mitglieder des Untersuchungsausschusses zum rechtsextremistischen Attentat im Hessischen Landtag haben die Ausstellung bereits besucht. Ist es abzusehen, dass es Konsequenzen geben wird?

Die Polizei Süd-Ost Hessen will sich zu den Erkenntnissen aus den Ermittlungen von Forensic Architecture nicht äußern und verweist auf Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt. Die Bundesanwaltschaft wiederum verweist auf den bereits laufenden Landtags-Untersuchungsausschuss zum Anschlag in Hanau. Die Ergebnisse von Forensic Architecture werden dort mit Sicherheit eine Rolle spielen.

Tahera Ameer ist Programmvorständin der Amadeu Antonio Stiftung. Sie sprach bei der Eröffnung der Veranstaltung darüber, dass die Ausstellung auch den Namen „Four Doors“ hätte tragen können, wenn mehr Zeit gewesen wäre. Was hat sie damit gemeint?

Three Doors, drei Türen: die Tür der Polizeizelle in Dessau, die Notausgangstür in der Arena-Bar in Hanau und die Eingangstür zum Haus des Attentäters von Hanau stehen für drei neue Untersuchungen. Jede Tür öffnet eine neue Perspektive auf strukturellen Rassismus in deutschen Behörden, einschließlich fehlender Konsequenzen.

„Was am 19. Februar 2020 geschah, ist eines der schlimmsten rassistisch motivierten Terrorattentate, die in unserem Land passiert sind.“

Was am 19. Februar 2020 geschah, ist eines der schlimmsten rassistisch motivierten Terrorattentate, die in unserem Land passiert sind. Das Attentat in Hanau hat sichtbare mediale Aufmerksamkeit erfahren, jedoch zeigt uns die Geschichte, dass Hanau kein Einzelfall war. In den 90er Jahren gab es rassistische Anschläge zum Beispiel in Mölln, Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda. Auch die neun durch den NSU-Komplex verübten Morde zwischen 2000 und 2006 und das Attentat von Halle von 2019 sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Jeder dieser Fälle könnte eine weitere Tür sein. Hätten wir mehr Zeit und Raum gehabt, dann hätte unsere Ausstellung auch „Four Doors“ oder „Five Doors“ heißen können.

Wieso ist der Frankfurter Kunstverein der richtige Ort für eine solche Ausstellung?

Weil es sich um eine Kulturinstitution handelt, die sich als Ort für kritische, aber notwendige Debatten versteht. Das kulturelle Forum wird zu dem öffentlichen Raum einer zivilgesellschaftlichen Aufarbeitung, die im juristischen Forum vorerst keine Verhandlung mehr zulässt. Der Frankfurter Kunstverein arbeitet bewusst an der Schnittstelle zwischen den Wissenschaften und der Kunst. Die Realität kann aus einer Perspektive allein nicht ausreichend begriffen und diskutiert werden, um daraus politische Handlungen umzusetzen. Der Begriff der kollektiven Wahrheitsfindung kann ein angemessenes Instrument der Aufklärung und der politischen Bildung und Handlung sein. Der Frankfurter Kunstverein ist ein Ort für Kunst an der Schwelle zu weiteren Disziplinen und zur Gesellschaft. Ein Ausstellungshaus, in dem neuartige und innovative Erzählungen dank künstlerischer Praktiken und erweiterten Denkweisen möglich sind, die den gesellschaftlichen Diskurs beeinflussen.

Wie sieht das Begleitprogramm zur Ausstellung aus?

Flankierend zur Ausstellung findet im Frankfurter Kunstverein das öffentliche Forum kollektiver Wahrheitsfindung statt, in dem einige Aspekte der Ausstellung vertieft diskutiert werden. Teilnehmen werden Vertreter:innen betroffener Familien und Opfer des Attentats in Hanau sowie die Initiative In Gedenken an Oury Jalloh und die Initiative 19. Februar Hanau, Vertreter:innen des Künstler:innenkollektivs Forensic Architecture/Forensis, Expert:innen für Rechtsextremismus und Anti-Rassismus sowie Jurist:innen und Journalist:innen.

Wie unterscheidet sich die Ausstellung von anderen?

Mit „Three Doors“ präsentieren wir eine Ausstellung, bei der aktuelle Kunst an der Grenze zum Aktivismus und zur Wissenschaft steht. Die Werke von Forensic Architecture entstehen aus konkreten Anlässen und sind nicht nur künstlerische Metapher oder Symbol. Die Praxis von Forensic Architecture bietet eine radikal andere Position als das, was von den Mainstream-Medien und dem Kunstmarkt als „Kunst“ und „Kultur“ verstanden wird und löst immer wieder eine Kontroverse darüber aus, ob dies als Kunst bezeichnet werden kann. Dies ist keine Kunst im klassischen Sinne. Es geht um die Freiheit von Kunst in der Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, die für Gewalt und Zerstörung verantwortlich sind.

Was möchten Sie mit dieser Ausstellung bewirken?

„Es liegt an der Zivilgesellschaft zu handeln.“

Es liegt an der Zivilgesellschaft zu handeln. Und so findet diese Ausstellung im Frankfurter Kunstverein statt. In einer der ältesten, nicht staatlich und nicht städtischen Kulturinstitutionen Frankfurts. Er wurde als gemeinnütziger Verein von Bürger:innen 1829 gegründet. Ein Haus, das aus der Tradition der Selbstermächtigung der Zivilgesellschaft hervorgeht. Und immer wieder haben hier über die Jahrzehnte politische Ausstellungen stattgefunden.

Die große und uns alle angehende Frage lautet, wie wollen wir eigentlich in diesem Land leben? Wie können wir eine Gesellschaft schaffen, die bereit ist, solidarisch zu sein? Es geht darum, eine solidarische Gesellschaft zu schaffen. Und eine zentrale Aufgabe besteht darin, Rassismus gemeinsam zu bekämpfen.

Vielen Dank für das Interview!

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