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Rennende Frau (Symbolfoto) © plofiz @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Nach der Angst die Flucht

Ukrainerin: „Ich habe jede Nacht gebetet, dass ich überlebe“

Eigentlich wollte sie erst im Herbst für ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) nach Deutschland kommen. Doch dann begann der Krieg. Nun wohnt Anastasiia Zaieva früher als geplant in Löwenstein und ist überzeugt: Ein FSJ könnte auch für andere aus ihrem Land hilfreich sein.

Von Dienstag, 03.05.2022, 17:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 03.05.2022, 14:45 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Wenige Tage vor Kriegsbeginn läuft im Leben von Anastasiia Zaieva aus Charkiw in der Ostukraine noch alles nach Plan. Die Deutsch-Studentin hat ein Online-Vorstellungsgespräch bei der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein im Landkreis Heilbronn für eine Stelle für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Über das „Incoming“-Programm der Diakonie in Baden und Württemberg haben junge Menschen aus aller Welt die Möglichkeit, ein Jahr in einem sozialen Dienst Erfahrungen zu sammeln, Menschen kennenzulernen und zugleich etwas Nützliches zu tun.

Zaieva findet es attraktiv, bei der Planung von Seminaren mitzuhelfen, Referentinnen und Referenten zu betreuen und die Homepage der Tagesstätte zu pflegen. Noch im Gespräch erhält sie die Zusage für das FSJ.

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Doch dann wird sie am 24. Februar um 5.10 Uhr aus dem Schlaf gerissen: „Wir hörten das Einschlagen von Raketen, und unsere Fensterscheiben wackelten.“ Militärgebäude in der ganzen Ukraine werden beschossen. Die 20-Jährige ist schockiert: „Wir waren nicht vorbereitet auf einen Krieg, weil wir dachten, dass es nicht sein kann, dass im 21. Jahrhundert noch einmal ein Krieg in Europa ausbricht.“ Drei Tage und Nächte saß sie im Keller ihres Hochhauses. „Ich habe jede Nacht gebetet, dass ich überlebe“, sagt die junge Frau mit den langen, glatten Haaren.

Nach der Angst die Flucht

Als sie erfährt, dass auch das Rathaus der zweitgrößten Stadt der Ukraine zerschossen ist, das sich nur wenige Meter von ihrer Universität befindet, bekommt sie Angst: Wird bald auch ihr Haus getroffen? Für sie ist klar: Sie muss das Land verlassen.

„Wir waren zutiefst betroffen, als wir die Nachricht von Anastasiia erhielten, dass es Explosionen gibt und wir für sie beten sollen“, sagt Beate Hanke, Mitarbeiterin der Bildungsabteilung der Evangelischen Tagungsstätte. Das Team entscheidet: Wenn Anastasiia Zaieva die Flucht gelingt, soll sie früher nach Löwenstein kommen.

Die Flucht, ein Wunder Gottes

Anastasiia Zaieva packt ihren Wanderrucksack und flieht. Für sie ist es ein Wunder Gottes, dass ihre Nachbarin sie mit dem Auto ans andere Ende der Stadt zum Bahnhof fährt, in einer Zeit, in der viele Menschen Unsummen für solche Autofahrten von Fluchtwilligen nehmen. Nach 13 Stunden Warten in Eiseskälte vor dem Bahnhof geht die chaotische Reise los. Vier Tage später ist die völlig übermüdete Ukrainerin in Löwenstein und darf erst einmal drei Wochen lang bei der Familie von Beate Hanke ankommen.

Seit einigen Tagen wohnt sie in der Tagungsstätte mit anderen internationalen FSJlern aus Georgien und Indonesien zusammen. Zuvor war Anastasiia Zaieva noch nie im Ausland. Bevor sie im Herbst ihr FSJ beginnt, will sie ihr Studium abschließen und hilft bereits als Übersetzerin aus, wo sie gebraucht wird.

Vermittlung zwischen Sprachen und Kulturen

Vor Kurzem war sie in einer Gemeinde in Affaltrach bei einem Begegnungstreffen, bei dem sie zwischen deutschen ehrenamtlichen Helfern und ukrainischen Flüchtlingen übersetzt hat. „Ich helfe sehr gerne zu übersetzen und bin so froh, dass ich zwischen den Sprachen und Kulturen vermitteln kann.“

Anastasiia Zaieva sieht in dem FSJ auch für andere ukrainische Landsleute eine gute Möglichkeit, in Deutschland anzukommen und sich zu integrieren – vorausgesetzt, sie können wie sie bereits etwas Deutsch.

Mehr Bewerbungen erwartet

Bisher würden sich noch nicht mehr Menschen aus der Ukraine als sonst auf ein FSJ bewerben, teilen die Diakonien in Baden und Württemberg dem „Evangelischen Pressedienst“ auf Anfrage mit. Aber sie rechnen damit, dass sich in den kommenden Monaten mehr Geflüchtete aus der Ukraine für einen Freiwilligendienst interessieren werden.

„Darauf stellen wir uns ein, indem wir etwa bei Stellen mit Unterkünften, die wir sonst an Menschen aus aller Welt vergeben, ein gewisses Kontingent für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine vorhalten“, sagt Christian Könemann, Pressesprecher der Diakonie in Baden. Allerdings würden auch von Geflüchteten vor Dienstantritt grundlegende Deutschkenntnisse erwartet, damit sie mit den Menschen sprechen können, für die sie sich engagieren wollen. „Auch deshalb braucht es etwas Zeit, bevor ein Freiwilligendienst denkbar ist.“ (epd/mig)

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