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Afghanistan © Ricardo Mangual @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Ulrike von Pilar im Gespräch

„Humanitäre Hilfe wurde Instrument westlicher Außenpolitik“

„Ärzte ohne Grenzen“ starteten vor 50 Jahren ihren ersten Einsatz in Afghanistan. Ulrike von Pilar erklärt im Gespräch, wie die humanitäre Hilfe am Hindukusch zum Spielball der Außenpolitik wurde.

Von Dienstag, 21.12.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 20.12.2021, 12:57 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

In den 1980er Jahren starteten die „Ärzte ohne Grenzen“ ihren ersten Einsatz in Afghanistan. Mit Karawanen überwanden die Mediziner hohe Bergpässe, um zu den notleidenden Menschen zu kommen. Zum 50. Jubiläum der internationalen Organisation erklärt die Mitgründerin der deutschen Sektion, Ulrike von Pilar, die Entwicklung der humanitären Hilfe am Hindukusch im Laufe der Jahrzehnte.

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Die Arbeit in Afghanistan wurde anfangs geheim gehalten. Wie war das damals und warum sind die „Ärzte ohne Grenzen“ später doch an die Öffentlichkeit gegangen?

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Ulrike von Pilar: Es war kurz nach der Invasion sowjetischer Truppen in Afghanistan Anfang der 1980er Jahre. Die Hilfe war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber eine der ersten großen Unternehmungen, die Medizin und Hoffnung in entlegene Gebiete des Landes gebracht hat.

Wir arbeiteten damals nur auf einer Seite des Konflikts und zwar dort, wo die Mudschaheddin die Kontrolle hatten. Damit hatten wir das Gebot der Neutralität in der humanitären Hilfe zwar eigentlich verletzt. Aber wir arbeiteten genau dort, wo die bedürftigsten Menschen waren – und folgten damit dem Ideal der Unparteilichkeit. Die Mitglieder des Teams mussten zum Teil 35-tägige Märsche auf sich nehmen, um zum Ziel zu gelangen und dort Monate bleiben, bis die Bergpässe wieder passierbar waren. Doch dann wurden unsere Kliniken von der sowjetischen Seite bombardiert und wir entschieden, zum Nutzen unserer Patientinnen und Patienten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Was ist dann passiert?

Der US-Kongress hat uns 1985 nach Washington eingeladen. Juliette Fournot, die diese extrem mutige Mission in Afghanistan leitete, plädierte für eine Verstärkung der humanitären Hilfe. Es wurde mit großer Sympathie gehört, aber die Konsequenz war eine ganz andere: Die Amerikaner beschlossen, anstelle der humanitären Hilfe Finanzmittel in Millionenhöhe in die entstehenden Oppositionsgruppen in den Flüchtlingslagern in Pakistan zu lenken. Aus diesen Gruppen erwuchs dann, was wir heute als die Taliban kennen. Juliette Fournot hat sich sehr instrumentalisiert gefühlt.

Wie erlebten Sie später den politischen Umgang mit humanitärer Hilfe?

In den 1990ern wurde bemerkenswerterweise die humanitäre Hilfe zum Instrument der Außenpolitik, insbesondere der westlichen Regierungen. Wir hatten große Schwierigkeiten, uns immer wieder abzugrenzen gegen diese militärischen Interventionen, die von den Regierungen als humanitär bezeichnet wurden.

In Afghanistan wurde von den Hilfsorganisationen ab den 2000er Jahren erwartet, dass sie sich den Zielen des sogenannten Kriegs gegen den Terror unterordnen. Wir haben es trotzdem geschafft, unabhängige Verhandlungskanäle mit allen beteiligten politischen Gruppierungen zu etablieren – dazu gehörten auch die Taliban.

Eigentlich ist humanitäre Hilfe das unpolitischste überhaupt: es geht darum, das Überleben zu garantieren und um Respekt für die grundlegende Würde aller Menschen. Damit ist humanitäre Hilfe aber auch immer ein Stachel im Fleisch derjenigen, die nicht möchten, dass die Gegenseite als menschlich anerkannt wird. (epd/mig)

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