Afghanistan, Frauen, Mädchen, Armut, Gewalt, Krieg, Flucht
Afghanische Mädchen warten auf Hilfe © isafmedia auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Hilfskonferenz

Zugesagte Gelder kommen in Afghanistan nicht an

Auch nach der Machtübernahme der Taliban will die internationale Staatengemeinschaft die Menschen in Afghanistan weiter unterstützen. Mehr als eine Milliarde US-Dollar werden bei einer UN-Konferenz in Aussicht gestellt. Vieles bleibt jedoch vage und das Geld kommt nicht an.

Mittwoch, 15.09.2021, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 15.09.2021, 9:21 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

UN-Generalsekretär António Guterres hat sich zufrieden mit dem Ergebnis einer Hilfskonferenz für die notleidenden Menschen in Afghanistan geäußert. Das eintägige Treffen habe seine Erwartungen voll erfüllt, sagte Guterres am Montag in Genf. Insgesamt seien für verschiedene Projekte in dem Krisenland Afghanistan und der Region mehr als eine Milliarde US-Dollar (mehr als 850 Millionen Euro) in Aussicht gestellt worden.

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Allerdings sei es noch nicht möglich zu sagen, wie viel davon direkt den Menschen in Afghanistan zugutekommt. Hilfswerke verweisen auf das Problem von Geldtransfers in das Land. Das Ergebnis der Konferenz sei ein Hoffnungsschimmer, sagte die Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, Dagmar Pruin, am Dienstag dem Inforadio des RBB. Nun brauche es aber Möglichkeiten, damit die Hilfsgelder ins Land gelangen könnten. Da der internationale Bankenverkehr zusammengebrochen sei, könne man derzeit aus dem Ausland kein Geld nach Afghanistan überweisen.

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Welthungerhilfe zeichnet drastisches Bild

Auch der Leiter des Caritas-Büros in Kabul, Stefan Recker, sieht im mangelnden Zugang zu Geld das derzeit größte Problem für die Hilfe in Afghanistan. Die Staatsbank Afghanistans habe keinen Zugang zu Devisen, alle Devisen des Landes seien in Amerika geparkt, sagte Recker im ARD-„Morgenmagazin“ in Köln. Zudem gebe es die Sanktionen gegen die Taliban. Diese Situation müsse entschärft und das Banken- und Liquiditätsproblem gelöst werden, betonte Recker. Man könne schlicht die notwendigen Sachen in Afghanistan nicht kaufen.

Die Welthungerhilfe mahnt derweil, mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Afghanistan sei auf Hilfe angewiesen, mehr als 13 Millionen Menschen hungerten. Das sei jeder Dritte in dem Land. Die Hilfsorganisation zeichnet ein drastisches Bild: Viele Häuser seien bei den Kämpfen zerstört worden. Die Mehrheit der besuchten Dörfer habe keinen Zugang zu Trinkwasser, keines erhalte derzeit Nahrungsmittelhilfe von außen. Zudem lebten viele Frauen dort allein mit ihren Kindern, nachdem ihre Männer bei den Kämpfen getötet worden seien oder geflüchtet seien.

Neue und alte Zusagen

Bei den Zusagen auf der Hilfskonferenz handelt es sich um neue und alte Zusagen. Auch Deutschland erklärte sich bereit, seine Hilfe für Afghanistan und die Region aufzustocken. Die Bundesregierung plane, weitere 500 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um die Menschen in Afghanistan und den Nachbarstaaten zu unterstützen, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) in Genf.

Er hielt fest, dass Deutschland seine humanitäre Hilfe für Afghanistan und die Region bereits um 100 Millionen Euro erhöht habe. Einen Zeitrahmen und Details zu den Finanzströmen nannte der Bundesaußenminister nicht. Humanitäre Hilfe brauche Zugänge zu den Notleidenden, betonte Maas. Er rief die Führung der machthabenden Taliban auf, das Wohlergehen und die Sicherheit der humanitären Hilfsorganisationen und ihres Personals in Afghanistan zu gewährleisten.

Guterres: „Wir brauchen mehr“

Der UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths erklärte, dass die Taliban Garantien für die Lieferungen humanitärer Güter gemacht hätten. Ohne diese Zusagen sei es kaum möglich, die Menschen zu versorgen.

Zu Beginn der Konferenz hatte Guterres die internationale Gemeinschaft aufgefordert, großzügig Gelder für Afghanistan bereitzustellen. „Wir brauchen mehr“, sagte er. Bis Ende des Jahres würden für die humanitäre Hilfe in Afghanistan 606 Millionen US-Dollar (513 Millionen Euro) benötigt. Fast die Hälfte der rund 38 Millionen Menschen in dem Land seien auf Lieferungen von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen humanitären Gütern angewiesen.

Wirtschaftlicher Zusammenbruch

Hilfswerke appellierten ebenfalls an die Regierungen, sich großzügig zu zeigen: „Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, die Augen vor der Not der Menschen in Afghanistan nicht zu verschließen“, sagte die Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, Dagmar Pruin. „Der weitaus größte Teil der Bevölkerung hat keine Möglichkeit, das Land zu verlassen.“ Die UN-Sondergesandte für Afghanistan, Deborah Lyons, warnte vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch Afghanistans. „Während die afghanische Währung abgestürzt ist, sind die Preise für Sprit und Essen in die Höhe geschossen“, sagte Lyons.

Mitte August hatten die radikalislamistischen Taliban die Macht in Afghanistan an sich gerissen. Dadurch verschlimmerte sich die humanitäre Krise in dem seit Jahrzehnten politisch instabilen Land weiter. Die Menschen in Afghanistan leiden auch unter Dürren, Seuchen wie Covid-19 und Korruption. Die Wirtschaft befindet sich im freien Fall. (epd/mig)

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