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Köln, Stadt, Rhein, Dom, Kirche, Stadt Köln
Köln © michaelphilipp @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Ausstellung zum Festjahr

Einblicke in die Fülle jüdischen Lebens in Deutschland

1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: Das Festjahr ist Anlass für eine Ausstellung im Kölner Museum Kolumba. Sie zeigt anhand von Schicksalen, Kunst und wertvollen Exponaten die Vielfalt jüdischer Geschichte.

Von Mittwoch, 15.09.2021, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 14.09.2021, 16:58 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

„Hier könnt Ihr sehen, wie ich gekleidet bin“, schreibt Schmuel Doderer im November 1807 an seine Eltern in Niederzissen. Verziert ist der vergilbte, auf Deutsch in hebräischer Schrift verfasste Brief mit einer bunten Zeichnung. Der junge Mann fürchtet sich aber vor der Kälte des herannahenden Winters, wie er schreibt. Es handelt sich um eines der frühesten Dokumente eines jüdischen Soldaten. Ein Einzelschicksal von vielen, die ab Mittwoch in einer Ausstellung in Köln neben hochkarätigen Kunstwerken, seltenen Exponaten und archäologischen Schätzen dokumentiert sind.

Die Schau unter dem Titel „In die Weite. Aspekte jüdischen Lebens in Deutschland“ sei keine chronologische Erzählung, betonen die Ausstellungsmacher vom Kunstmuseum des Erzbistums Köln, Kolumba, und vom LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, MiQua. „Dennoch gibt es die ganze Bandbreite jüdischen Lebens zu entdecken“, sagt MiQua-Direktor Thomas Otten. „Die Vielzahl der Exponate sind Anlass, Geschichten zu erzählen“, erklärt Kolumba-Direktor Stefan Kraus.

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Abschrift aus dem Jahr 321

Die umfangreiche Ausstellung, die bis zum 15. August 2022 präsentiert wird, ist Teil des Festjahres „321-2021. 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Sie zeigt Kunstwerke und Objekte aus der Sammlung des Kolumba, archäologische Funde aus Köln sowie rund 100 internationale Leihgaben, die teilweise erstmals öffentlich zu sehen sind. Dabei reicht das Spektrum von Zeugnissen jüdischen Lebens aus dem frühen Mittelalter bis in die Gegenwart.

Herzstück der Ausstellung ist die älteste erhaltene Quelle jüdischen Lebens in Deutschland, die Abschrift eines Dekrets Kaiser Konstantins aus dem Jahr 321. Das Dokument ist Anlass des jüdischen Festjahres, das mit bundesweit mehr als 1.000 Veranstaltungen auf 1.700 Jahre jüdischer Geschichte zurückblickt. Die Abschrift wurde erstmals von der Vatikanischen Bibliothek verliehen und wird fünf Wochen lang in Köln zu sehen sein.

Auf dem Dachboden

Als weiterer Höhepunkt der Schau gilt der Amsterdam Machsor, ein um 1250 in Köln entstandenes jüdisches Gebetbuch. Es war 2017 vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) und dem Historischen Museum in Amsterdam gemeinsam erworben worden.

Eine Besonderheit ist auch die Präsentation der vollständig erhaltenen Genisa der ehemaligen Synagoge Niederzissen. Dabei handelt es sich um einen Raum zur Aufbewahrung nicht mehr verwendeter oder beschädigter ritueller Gegenstände oder Schriften. Diese seien nach jüdischem Brauch an einem besonderen Ort abgelegt worden, erklärt Kraus. So sei es auch im Fall der Niederzissener Genisa gewesen, die sich auf dem Dachboden der Synagoge befunden habe. Nachdem das Gotteshaus in der Reichspogromnacht 1938 verwüstet worden war, wurde es als Schmiede genutzt.

„Das Unbenennbare“ integriert

Die bis zu 400 Jahre alten Objekte der Genisa überdauerten jedoch auf dem Dachboden die Zeit. Sie wurden geborgen, als die Gemeinde das Gebäude 2009 kaufte. Die Sammlung umfasst auch Briefe sowie Rechnungen und gibt so nicht nur Einblick in die Lebensweise des Landjudentums, sondern auch in die Kontakte zur christlichen Bevölkerung.

Eine Ausstellung, die sich mit dem Judentum beschäftigt, schließe immer auch die Shoa ein, sagt Kraus. Der Tragik eine Sprache zu verleihen, funktioniere aber nicht mit Worten. Daher hat die Ausstellung mit der Integration bildender Kunst eine weitere Bedeutungsebene erhalten. Damit werde auch „das Unbenennbare“ integriert, sagt Kraus. Exemplarisch für den künstlerischen Ausdruck jüdischer Identität steht das Gemälde „For Mark Rothko“ von Frederic Matys Thursz, der 1941 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten floh. Gewidmet ist das Bild dem jüdischen US-Maler Rothko. Dieser war zusammen mit anderen jüdischen Künstlern ein Protagonist des abstrakten Expressionismus, der sich von der abstrakten Malerei christlich-europäischer Bildtradition abgrenzte. (epd/mig)

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