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Plakat zur Ausstellung © Schleiner + Partner

Ausstellung

Sehnsucht nach Heimat

In Zeiten der Globalisierung hat der Begriff „Heimat“ wieder Konjunktur. Doch seine Bedeutung ist deutlich vielfältiger geworden, wie eine neue Wechselausstellung im Bonner Haus der Geschichte zeigt.

Von Donnerstag, 16.12.2021, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 15.12.2021, 16:52 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

„Bin ich Deutscher, bin ich Pole, bin ich Schlesier?“ Wie viele Menschen in Deutschland ist sich Ronald Urbanczyk nicht sicher, wo seine Heimat liegt. Was genau ist in einer globalisierten Welt eigentlich Heimat und wo ist sie zu finden? Dieser Frage geht die Ausstellung „Heimat. Eine Suche“ im Bonner Haus der Geschichte seit Samstag nach. „Wir wollen nicht sagen, was Heimat ist, sondern zeigen, dass es ganz unterschiedliche Antworten geben kann“, sagt Ausstellungsdirektor Thorsten Smidt. Dazu haben die Ausstellungsmacher Menschen befragt, in deren Leben der Verlust, aber auch die Suche nach Heimat eine besondere Rolle spielt.

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Dabei wird deutlich, dass die Bestimmung von Heimat – so wie im Fall des in Polen geborenen und im Ruhrgebiet aufgewachsenen Filmemachers Ronald Urbanczyk – oftmals nicht eindeutig zu klären ist. Heimat sei die „Summe der Erinnerungen“, „ein Gefühl von Zugehörigkeit“ oder „etwas Inneres“, sagen zum Beispiel einige der Menschen, denen die Besucherinnen und Besucher an den zahlreichen Medienstationen in der Ausstellung immer wieder begegnen.

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Die Schau, die bis zum 25. September 2022 zu sehen ist, empfängt das Publikum zunächst mit einem kurzen Blick in Zeiten, als der Begriff Heimat noch eindeutig zu sein schien. In der Romantik spiegelte sich etwa das Rheintal mit seinen Burgen in der Malerei als heimatlicher Sehnsuchtsort. Der Nationalsozialismus übersteigerte und missbrauchte den Heimatbegriff dann mit seiner „Blut- und Boden“-Ideologie. Aber auch in den 50er Jahren schien Heimat noch eine eindeutige Größe zu sein. Liebevoll bestickte Kissen mit Schriftzügen wie „Es gibt nur eine Heimat“ zierten damals deutsche Sofas.

Vorbei das heimatliche Idyll

Doch spätestens Ende der 70er Jahre ist es vorbei mit den verklärten Vorstellungen vom heimatlichen Idyll. Die Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung verweist auf dessen Bedrohung. Nuklearwaffen-Gegner entfalten eine neue Form des Lokalpatriotismus. Zum Beispiel mit Anti-Atom-Aufklebern wie „Düsseldorf atomwaffenfrei“. Die Aufkleber gab es für zahlreiche deutsche Städte. Die erfolgreiche Fernsehserie „Heimat“ von Edgar Reitz setzt dem verkitschten Heimatfilm-Genre der 50er Jahre die realistische Geschichte einer Hunsrücker Familie entgegen. In der Ausstellung sind Filmausschnitte, Requisiten und der Regiestuhl zu sehen.

Dass auch in Deutschland die Heimat von Menschen bedroht ist, zeigt ein Blick in die Braunkohlereviere im Osten und Westen, wo zahlreiche Orte dem Tagebau weichen müssen. Besonders gefährdet sind die Sorben in der Lausitz, denen mit dem Verschwinden ihrer Dörfer auch der Verlust ihrer Kultur droht.

Leben im „Land der Täter“

Verdeutlicht wird diese Entwicklung durch ein Bühnenbild, das bis 1979 im Saal des örtlichen Gasthofs in Tzschelln als Kulisse dient. Es zeigt eine idyllische Spreewaldlandschaft, wie sie existierte, bevor sich der Tagebau in die Region fraß. Als das sorbische Dorf dem Kohleabbau weichen muss, findet das Bühnenbild im Nachbardorf Mühlrose ein neues Zuhause. Doch nun soll auch der dortige Gasthof Opfer des Braunkohleabbaus werden. Auch im Gebiet des rheinischen Tagebaus leiden die Menschen unter Heimatverlust. Dafür steht eine Bodenfliese aus dem „Immerather Dom“, der Kirche St. Lambertus, deren Türme für viele Menschen Heimatgefühl bedeuteten.

Eine besondere Beziehung zu Deutschland haben Jüdinnen und Juden, die sich bewusst entschlossen, im „Land der Täter“ zu leben. Ein eindrucksvolles Zeugnis ist der Koffer des Holocaust-Überlebenden Leo Sachs, der sich nach dem Krieg von Auschwitz aus zu Fuß auf den Weg in seine Heimatstadt Köln macht. Erst nach seinem Tod findet seine Tochter den Koffer, in dem er seine Lagerkleidung und seinen Wanderstock aufbewahrt hat.

Wer gehört dazu?

„Wer gehört dazu?“, lautet die Frage am Ende der Ausstellung. Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchten, oder als Kinder von Migranten hier aufwuchsen, erzählen von ihren Erfahrungen. Dabei gelingt es nicht immer, die Kultur des Herkunftslandes und die des neuen Zuhauses so zu verbinden, wie dies zwei Schwestern aus Kamerun glückt. Die beiden Münchnerinnen entwerfen traditionelle Dirndl aus afrikanischen Batikstoffen und betreiben damit ein erfolgreiches Mode-Label.

Wie im Haus der Geschichte üblich, sind die Besucherinnen und Besucher auch in dieser Ausstellung aufgerufen, mit ihrer Meinung zum Gesamtbild beizutragen. „Was macht Heimat aus?“, „Wie schafft man Heimat?“ oder „Wie kann man Heimat mitnehmen?“ lauten einige der Fragen, die das Publikum auf Karten beantworten kann. Anregungen bietet eine Diskussion mit den Protagonistinnen und Protagonisten der Ausstellung, die in einer Art Forum gezeigt wird. (epd/mig)

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