Margot Friedländer, Holocaust, Jüdin, Antisemitismus, Nationalsozialismus
Margot Friedländer © Scott-Hendryk Dillan (Diskussion), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Margot Friedländer

Das unfassbare Leid der unbeugsamen Berlinerin

Ihre Eltern und ihr Bruder wurden deportiert und ermordet, Margot Friedländer schaffte es, die Schoah zu überleben. Jetzt wird sie 100, ist in ihre Geburtsstadt Berlin zurückgekehrt und sagt: „Ich spreche für die, die es nicht geschafft haben.“

Von Freitag, 05.11.2021, 5:19 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 04.11.2021, 17:51 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Eine zierliche alte Dame, elegant gekleidet, mit großen wachen Augen unter dem widerspenstigen weißen Haar, nimmt auf dem Podium Platz. Wenn Margot Friedländer zu sprechen beginnt, von ihrem Leben erzählt, vergisst man ihr hohes Alter sofort. Spielend zieht sie ihre Zuhörerschaft in den Bann. So auch Mitte Oktober, als im Roten Rathaus in Berlin ein Bildband vorgestellt wird mit Porträts der Zeitzeugin an Orten, die für ihr Leben bestimmend waren. Der Titel „Ich lieb‘ Berlin“.

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Es ist eine fotografische Liebeserklärung an die Stadt, in der Margot Friedländer vor 100 Jahren, am 5. November 1921, zur Welt gekommen ist. Doch in vielen Porträts spiegelt sich auch das unfassbare Leid, das die Jüdin erfahren musste. Die Eltern und ihr Bruder wurden Opfer der Schoah, sie selbst versteckte sich über viele Monate im Untergrund in Berlin, überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt.

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Margot Friedländer mit ihrem Mann nach New York gegangen, sie besitzt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Erst 2003 besuchte sie erstmals wieder ihre Geburtsstadt, 2010 kehrte sie endgültig nach Berlin zurück. Sie sagt über ihre frühe Kindheit: „Ich bin so froh, in einer so schönen Stadt geboren zu sein, ich war so glücklich hier zu sein, ich konnte atmen, es war mein Berlin.“

Vater 1942 in Auschwitz ermordet

Geboren wurde sie als Margot Bendheim in Berlin-Kreuzberg und wuchs in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Ihr Vater Artur Bendheim besaß ein Geschäft im Modeviertel am Hausvogteiplatz. Ab 1933 emigrierten nach und nach viele Verwandte und Freunde. Margot Friedländers Vater, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, entschloss sich erst 1939, in letzter Minute, nach Belgien zu fliehen. 1942 wurde er in Auschwitz ermordet.

Nach ihrer Schulzeit besuchte Margot eine Modezeichenschule. Als sich die Eltern 1937 scheiden ließen, begann sie eine Schneiderlehre. Mit der Mutter und ihrem jüngeren Bruder zog Margot zunächst in eine Pension am Ludwigkirchplatz in Berlin-Wilmersdorf, ab 1939 lebte die Familie bei den Großeltern mütterlicherseits.

Versuche, dich zu retten!

1941 wurden sie in eine sogenannte „Judenwohnung“ in der Skalitzer Straße eingewiesen. Die beiden Frauen waren nicht zu Hause, als Ende Januar 1943 die Gestapo klingelte und den Bruder abholte. Daraufhin stellte sich die Mutter freiwillig der Polizei, sie wollte den Sohn nicht allein gehen lassen. Beide wurden nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Kurz zuvor hatte die Mutter einer Nachbarin eine Handtasche mit einer Bernsteinkette und einem Notizbuch für Margot übergeben. Ihre Botschaft an die Tochter: Versuche, dich zu retten. Jahrzehnte später erinnert sich Margot Friedländer: „Ich könnte mir vorstellen, dass meine Mutter dachte, ich sei stark genug. Ich war vielleicht sogar als junges Mädchen draufgängerisch. Ich kann mir vorstellen, dass meine Mutter gehofft und gebetet hat, dass ich es schaffe.“

15 Monate im Untergrund

Sie war 21 Jahre alt, riss sich den Judenstern vom Mantel, färbte sich die Haare rot, ließ sich sogar die Nase operieren und tauchte unter. 16 Menschen, zählt sie, hätten ihr geholfen, immer wieder neue Verstecke zu finden. „Sie haben immer versucht, mir ein Bett zu geben, mir ein Essen zu geben. Man brauchte nicht mit den Menschen politisch über Bücher, Musik sprechen. Man hat gekämpft, um zu überleben – diese Menschen auch.“

15 Monate lang lebte sie im Untergrund mit ständig wechselnden Aufenthaltsorten. Die Kette und das Notizbuch von ihrer Mutter behielt sie immer bei sich. Auch noch, als sie im April 1944 bei einer Ausweiskontrolle auf dem Kurfürstendamm sogenannten jüdischen „Greifern“ ins Netz ging und ins KZ Theresienstadt deportiert wurde. Hier traf sie ihren späteren Mann, Adolf Friedländer, den sie bereits aus Berlin kannte. Beide überlebten und ließen sich im Frühsommer 1945, noch im Lager, von einem Rabbi trauen. 1946 emigrierte das Paar in die USA. Adolf Friedländer wollte nie wieder deutschen Boden betreten.

„Ich spreche für die, die es nicht geschafft haben“

Nach dem Tod ihres Mannes besuchte Margot Friedländer einen Kurs im „Memoirenschreiben“. Unter dem Titel „Versuche, dein Leben zu machen“ veröffentlichte sie ihre Autobiografie, die 2008 auch auf Deutsch erschien. 2010 entschied sie sich, nach Berlin zurückzuziehen.

Seither hat Margot Friedländer in Schulen und auf unzähligen Veranstaltungen über ihr Leben gesprochen. Ihre Mission, so sagt sie, ist das Weitergeben ihrer Geschichte, insbesondere an junge Menschen. „Ich spreche für die, die es nicht geschafft haben“, betonte sie bei der Buchvorstellung im Roten Rathaus, „was ich jetzt mache, ist für die Jugend. Sie soll wissen: Was war, das können wir nicht mehr ändern, aber es darf nie wieder geschehen.“

100. Geburtstag – mit 100 Gästen

Margot Friedländer hat viele Preise erhalten, ist Ehrenbürgerin Berlins. Seit 2014 trägt ein Preis ihren Namen und wird an Jugendliche vergeben, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen, gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung engagieren.

Ihre amerikanische Staatsbürgerschaft hat sie behalten, beerdigt werden möchte sie in den USA, an der Seite ihres Mannes. Doch jetzt will sie erstmal ihren 100. Geburtstag feiern – mit 100 Gästen. Auf die Frage, als was sie sich heute empfinde, antwortet die 100-Jährige: „Als Berlinerin natürlich, gar keine Frage.“ (epd/mig)

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