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Gerichtssaal des Oberlandesgerichts Frankfurt a.M. (Archiv)

Sachsenhausen-Prozess

Überlebender ruft SS-Wachmann auf, sein Schwegen zu brechen

Mehr als 200.000 Menschen waren zwischen 1936 und 1945 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Emil Farkas wurde mit 15 Jahren dorthin verschleppt. Er hat überlebt. Am Donnerstag sagte Farkas im Sachsenhausen-Prozess in Brandenburg aus.

Freitag, 05.11.2021, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 04.11.2021, 16:37 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Im NS-Prozess gegen einen früheren Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen hat ein israelischer Überlebender an den Angeklagten appelliert, sein Schweigen zu brechen. Der 92-jährige Emil Farkas, ein aus der Tschechoslowakei stammender Jude und späterer Leistungssportler der israelischen Nationalmannschaft im Geräteturnen, rief den 100-jährigen Josef S. in der Verhandlung in Brandenburg an der Havel am Donnerstag auf, sein „dunkles Geheimnis“ nicht länger für sich zu behalten und den Mut aufzubringen, über die Zeit zu reden.

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Er selbst sei Ende 1944 mit 15 Jahren nach Sachsenhausen deportiert worden und habe dort quälende Zwangsarbeit leisten müssen, berichtete der 92-Jährige aus Haifa, der von mehreren Angehörigen zu der Gerichtsverhandlung begleitet wurde: „Es ist sehr schwer, über solche Sachen zu reden.“ Mit seiner Aussage wolle er auch ein Zeichen setzen und deutlich machen, „wir Überlebenden sind hier und wollen Zeugnis ablegen“, sagte sein Anwalt Thomas Walther.

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Als Sportler habe er auch im Konzentrationslager morgens Turnübungen gemacht und sei damit der SS-Wachmannschaft aufgefallen, sagte Farkas. Im sogenannten Schuhläuferkommando habe er dann mit anderen Häftlingen täglich rund 40 Kilometer Stiefel einlaufen müssen und miterlebt, wie Gefangene vor Erschöpfung starben oder erschossen wurden, wenn sie zu entkräftet waren. In dem Kommando wurden unter mörderischen Bedingungen Schuhe und Stiefel für die zivile Schuhproduktion und die Wehrmacht getestet.

„Ich war stumm, jahrzehntelang.“

Von Sachsenhausen sei er 1945 erst nach Bergen-Belsen, dann nach Dachau verlegt und dort von der US-Armee befreit worden. Mehrere Angehörige seien in der Schoa ums Leben gekommen, Mutter, Vater und ein Bruder hätten wie er überlebt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs habe es rund 50 Jahre gedauert, bis er über die Qualen, die ihm und seiner Familie zugefügt wurden, sprechen konnte. „Ich wollte eigentlich alles vergessen“, betonte Farkas: „Ich war stumm, jahrzehntelang.“

Der geschäftsführende Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, sagte nach der Verhandlung, die Aussagen seien „der eindrucksvollste Appell“ an den Angeklagten gewesen, „auch aus der Mauer seines Schweigens auszubrechen“. Dem 100-jährigen Josef S. wird Beihilfe zum Mord in mindestens 3.518 Fällen vorgeworfen (AZ: 11 Ks 4/21). Am Freitag sollen der psychiatrische Sachverständige, der seine Verhandlungsfähigkeit untersucht hat, und ein Nebenkläger aus Frankreich, der Nachkomme eines Häftlings ist, als Zeugen angehört werden.

Als SS-Wachmann gearbeitet

Den Ermittlungen zufolge hat Josef S. in der Zeit zwischen dem 23. Oktober 1941 und dem 18. Februar 1945 im KZ Sachsenhausen als SS-Wachmann gearbeitet. Im Zuge der Ermittlungen wurden unter anderem umfangreiche Dokumente aus der Gedenkstätte Sachsenhausen, dem Bundesarchiv in Berlin und der Stasi-Unterlagenbehörde ausgewertet.

Der Angeklagte hatte sich bei seiner Vernehmung am zweiten Prozesstag für unschuldig erklärt. In der Befragung zu seinem Lebenslauf hatte er sich zwar zu Kindheit und Armeezeit in Litauen, Kriegsgefangenschaft und DDR-Zeit geäußert, jedoch nicht zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. (epd/mig)

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