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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Mittelfinger in der Geschichtsstunde

Deutschland erkennt den Völkermord gegen Herero und Nama an - und verpflichtet sich zur Zahlung von Peanuts. Damit fügt es der Verletzung noch eine Beleidigung hinzu, nämlich den Mittelfinger.

Von Dienstag, 01.06.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 31.05.2021, 16:02 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Am 2. Oktober 1904 proklamierte General Lothar von Trotha im Auftrag Deutschlands in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwest: „[…] Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück [in die wasserlose Omaheke-Wüste, d.A.], oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen Deutschen Kaisers“.

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Auf diesen als „Vernichtungsbefehl“ bekannten Aufruf zum Völkermord folgte später auch die Einrichtung von Konzentrationslagern, die nicht weniger als die Blaupause der KZs der Nazis waren. Weder von Trotha selbst, noch der damalige Chef des Generalstabs Alfred von Schlieffen ließen damals einen Zweifel daran, dass es um die vollständige Vernichtung der Herero ging – dem Kaiser gefiel das, wie man heute sagen würde. Zwischen etwa zwei Dritteln und drei Vierteln aller Herero und wohl rund die Hälfte aller Nama waren am Ende durch deutsche Rassisten im Auftrag des Kaisers vernichtet worden.

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„Der Bundestag machte dabei auch klar, dass daraus keine rechtlich bindenden Ansprüche an die Türkei oder eben das mit ihr verbündete Deutsche Reich abgeleitet werden könnten, die Resolution also rein symbolisch ist und die Armenier uns ansonsten mal kreuzweise können.“

Am 2. Juni 2016 beschloss der Deutsche Bundestag ohne lange Debatte und bei nur einer einzigen Gegenstimme und einer einzigen Enthaltung, dass die Massaker der Türken an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs ein Völkermord waren. Damit wolle dieser klar machen, „dass zur Aussöhnung die Verantwortung für die gemeinsame Vergangenheit unabdingbar ist“. Der Bundestag machte dabei auch klar, dass daraus keine rechtlich bindenden Ansprüche an die Türkei oder eben das mit ihr verbündete Deutsche Reich abgeleitet werden könnten, die Resolution also rein symbolisch ist und die Armenier uns ansonsten mal kreuzweise können.

Seit 2015 verhandelte das Außenministerium Deutschlands bereits mit der namibischen Regierung, nicht aber mit Vertretern von Herero und Nama, die der namibischen Opposition nahestehen – wie es sich möglichst elegant aus der Affäre ziehen kann. Auch seit 2015 schon benutzt das Außenministerium in seinem allgemeinen Sprachgebrauch den Begriff Völkermord.

In der jetzt bekannt gewordenen „Einigung“, die von den Vertretern von Herero und Nama weitestgehend sehr eindeutig abgelehnt wird, erkennt Deutschland nun eine allgemeine Schuld an, auch einer allgemeinen Formulierung von „Völkermord“ steht die Bundesregierung offensichtlich nicht im Wege – wohl aber, deja vu, allen Rechtsansprüchen, die man daraus ableiten könne. Auch Reparation lehnt Deutschland weiterhin strikt ab. Stattdessen hat man sich darauf geeinigt, ein paar „Peanuts“ (Zitat Josef Ackermann) zu verteilen – und weil man den Schwarzen ja nicht trauen kann, auch nicht sofort, sondern verteilt auf die nächsten Jahrzehnte. Nur zum Vergleich, als benötigte der Begriff „Peanuts“ für den lächerlichen Betrag, den Deutschland für diese Einigung locker macht, noch eine Rechtfertigung: Deutschland zahlt Namibia 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre: das ist ziemlich genau ein 30stel dessen, was Deutschland allein für den Deutschen Bundestag als solchen aktuell ausgibt, nämlich knapp 1,1 Milliarden jährlich.

Und sicher: würde Deutschland für all seine Kriegsverbrechen, Massaker und Völkermorde die Verantwortung übernehmen müssen, wäre sichergestellt, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen kann, weil Deutschland so pleite wäre, wie die Staaten, die es beraubt hat. Da ist es natürlich zu einem gewissen Grade verständlich, dass Deutschland seit jeher alles tut, sich genau dieser Verantwortung zu entziehen, ist es doch integraler Bestandteil unserer christlich-abendländischen Kultur, nichts vom eigenen Reichtum abzugeben.

Dieses Abkommen, dass Deutschland offensichtlich gern als Schlussstrich sähe, das offizielle Namibia aber nur als ersten Schritt interpretiert und von den betroffenen Herero und Nama als Schlag ins Gesicht verstanden wird, ist aber nichts anderes als eine nationale Schande, für die wir alle uns schämen sollten. Dass dieses Abkommen am Ende von jahrelangen Verhandlungen steht, die die Beteiligten womöglich vollen Ernstes geführt und allen Ernstes beendet haben, ist jämmerlich.

„Diese Einigung mit Namibia ist der ausgestreckte Mittelfinger, der der Verletzung durch das jahrelange Ignorieren des Völkermords an den Herero und den Nama hinzugefügt wurde.“

Im Englischen gibt es die Redewendung „to add insult to injury“, also einer Verletzung auch noch eine Beleidigung hinzufügen. Diese Einigung mit Namibia ist der ausgestreckte Mittelfinger, der der Verletzung durch das jahrelange Ignorieren des Völkermords an den Herero und den Nama hinzugefügt wurde, die ihrerseits bereits ein ausgestreckter Mittelfinger auf den Völkermord selbst war.

Zur Aussöhnung ist Verantwortung für die eigene Vergangenheit unabdingbar, das ist korrekt. Man muss diese Verantwortung aber auch übernehmen. Und dazu reicht es nicht, festzustellen, dass andere ihren eigenen Völkermord begangen haben. Das ist nicht nur billig, es kostet ganz wortwörtlich nichts. Deutschland muss sich dieser eigenen Verantwortung endlich stellen. Einzugestehen, dass Deutschland einen Völkermord an den Herero und den Nama begangen hat, ohne Wenn und Aber und in vollem rechtlichen Sinne des Wortes, wäre ein möglicher Anfang.

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