Hetty Berg, Jüdisches Museum Berlin, Leiterin, Antisemitismus
Hetty Berg, Leiterin des Jüdischen Museums Berlin

Gespräch mit Hetty Berg

„Das leere Museum schmerzt mich sehr“

Vor einem Jahr – in der Corona-Krise- übernahm die Kulturhistorikerin Hetty Berg die Leitung des Jüdischen Museums Berlin. Sie folgte auf den angesehenen Judaisten Peter Schäfer, der das Amt nach massiver Kritik an der Politik des Hauses vorzeitig verließ. Im Gespräch erklärt die Niederländerin, wie es ist, ein Museum durch Pandemiezeiten zu führen und das Haus wieder zu konsolidieren.

Von Dienstag, 11.05.2021, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 10.05.2021, 16:18 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Frau Berg, wie ist es, täglich durch ein nahezu menschenleeres Museum laufen zu müssen?

Hetty Berg: Das leere Museum schmerzt mich sehr. Ein Museum ist ein lebendiger Ort, mit Besucherinnen und Besuchern, wo Begegnungen stattfinden und das ist gerade nicht möglich. Aber viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass es auch in einem geschlossenen Museum viel Arbeit gibt. Seit letztem Frühjahr planen wir Eröffnungen – die unserer Dauerausstellung, der Kinderwelt Anoha, der Ausstellung „Yael Bartana – Redemption Now“ – und müssen sie immer wieder verschieben. Ich habe die Corona-Zeit genutzt, um mich konzentriert mit internen Prozessen im Haus zu beschäftigen, die Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen, Arbeitsprozesse und sehr viel hinter den Kulissen zu verstehen. Das ist Museumsarbeit, die man nicht auf den ersten Blick sehen kann, die aber genauso wichtig ist, und das macht mir auch sehr viel Spaß!

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Sie haben das Museum unabhängig von Corona in schweren Zeiten übernommen beispielsweise mit dem unschönen Weggang ihres Vorgängers Peter Schäfer. Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Berlin gekommen und haben die sich erfüllt?

„Aber sehr wichtig ist auch, dass die Akademie ein Raum für offene Debatten und Begegnungen bleibt. Es ist also kein eingefrorener Zustand, im Gegenteil…“

Hetty Berg: Es gibt generell große Erwartungen an dieses Haus, als Bundesmuseum und eines der größten Jüdischen Museen Europas. Es gibt aber auch ein großes Interesse: Zum Beispiel hat die Eröffnung der neuen Dauerausstellung sehr viel Aufmerksamkeit bekommen und viel positive Resonanz. Ich denke, dass es nach der Periode vor meinem Amtsantritt aber auch eine Erwartung von Konsolidierung gibt. Wir brauchen ein festes Fundament, auf dem wir aufbauen können und müssen Vertrauen zurückgewinnen, sowohl bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, hinter denen eine schwierige Zeit liegt, als auch in die Institution des Jüdischen Museums selbst. Mit der Eröffnung der neuen Dauerausstellungen haben wir im vergangenen Jahr schon einen großen Schritt gemacht: Das war ein Meilenstein in der Geschichte des Museums, das größte Projekt seit seiner Gründung. Jetzt haben wir eine Ausstellung, die zeitgemäß ist und anschaulich die Geschichte und – viel stärker als zuvor – auch die Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland zeigt.

Die Stelle eines neuen Programmdirektors, einer neuen Programmdirektorin ist immer noch unbesetzt und es gibt auch immer noch keine neue Leiterin oder einen neuen Leiter der Akademie. Liegt das an Corona, weil alles eingefroren ist oder gibt es keine Interessenten?

Hetty Berg: Ich habe das Museum ohne Programmdirektorin und Akademieleiterin übernommen und hatte so die Chance, es erstmal kennenzulernen. Das fand ich wichtig für mich selbst, zu erspüren, wie läuft es in diesem Haus, wie arbeitet man, um dann zu schauen: Was brauchen wir? So soll beispielsweise die W. Michael Blumenthal Akademie mehr an das Museum angebunden werden. Mein Ziel ist es, die vielen Angebote wie die Dauerausstellung, die Wechselausstellungen, die Akademie und die Kinderwelt Anoha enger zu verzahnen. Dass die Akademie stärker Bezug nimmt auf die Themen des Museums und der Dauerausstellung, wie es beispielsweise die aktuelle Online-Dialogreihe „Kosher to Go“ tut, wo es unter anderem um verschiedene Perspektiven auf jüdische Speisegesetze geht. Auch wird die Akademie ein neues Forum haben, um Themen museumsintern zu diskutieren und Wechselausstellungen vorzubereiten. Wir haben zum Beispiel ein Lab zum Thema „Juden in der DDR“ eingerichtet, das in einer Ausstellung münden soll. Aber sehr wichtig ist auch, dass die Akademie ein Raum für offene Debatten und Begegnungen bleibt. Es ist also kein eingefrorener Zustand, im Gegenteil, es ist viel passiert und wir planen, die beiden vakanten Stellen in der nächsten Zeit neu auszuschreiben. Es wird sicherlich viele Interessenten geben!

Mit Corona erlebt Deutschland eine beispiellose Welle von unverhohlenem Antisemitismus vor allem auf den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Wie erleben Sie das als Holländerin und vor allem als Holländerin mit jüdischen Wurzeln?

„Der Antisemitismus war jedoch nie verschwunden, er hatte sich nur weniger in der Öffentlichkeit geäußert. Die jetzige Vermischung mit anderen Verschwörungsmythen macht mir große Sorgen.“

Hetty Berg: Das ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung, denken Sie an den Anschlag von Halle. Der Antisemitismus war jedoch nie verschwunden, er hatte sich nur weniger in der Öffentlichkeit geäußert. Die jetzige Vermischung mit anderen Verschwörungsmythen macht mir große Sorgen. Aber es ist auch etwas, das mich besonders motiviert, diese Arbeit zu machen. Ein Jüdisches Museum Berlin ist wichtiger denn je – um überhaupt die Begegnung mit der jüdischen Kultur, mit Jüdinnen und Juden, mit jüdischem Leben heute zu ermöglichen. Aber auch um neue Perspektiven und neue Räume für jüdische Geschichte und Kultur anzubieten. Den tief verwurzelten Vorurteilen und Ideen über Juden hofften wir auch in den Niederlanden schon in den 80er und 90er Jahren durch Bildungsarbeit etwas entgegenzusetzen. Dass das jetzt alles wieder auftaucht, verstärkt durch die sozialen Medien, ist schrecklich und zeigt viel Unwissen, Ignoranz und Hass. Umso wichtiger ist es, dass wir im Jüdischen Museum Berlin unsere Arbeit machen.

Sie haben vor ihrem Amtsantritt 2020 schon mal in Berlin gelebt?

Hetty Berg: Ich war 2016/2017 mit meinem Mann, dem Fotografen Frédéric Brenner, bereits für sieben Monate in Berlin. Er war am Wissenschaftskolleg und das war wirklich eine wunderbare Erfahrung! Ich habe in dieser Zeit die Stadt kennengelernt, viele Kontakte geknüpft und das erste Mal mein Schuldeutsch ausprobiert. Das war für meinen Beginn natürlich sehr hilfreich.

Wie erleben Sie die Stadt unter Corona-Bedingungen? Viele beklagen, Berlin sei langweilig geworden und habe an Charme eingebüßt, weil alles geschlossen ist.

Hetty Berg: Ich habe keine Zeit, mich zu langweilen! Glücklicherweise. Was mir viel Freude macht, ist, dass die Stadt so grün ist, dass man schnell nach draußen kommt, dass man schwimmen kann in den Seen, wenn es wieder wärmer wird. Die Pandemie-Lage ist, wie sie ist und jeder steht vor Herausforderungen. Aber ich habe nicht zu klagen. Wir sind in einer sehr privilegierten Situation. Das einzig Schwierige für mich ist, dass ich meine Kinder, meine Familie und Freunde in Amsterdam nicht so leicht besuchen kann. (epd/mig)

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