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Nebenan

Quo vadis, Deutschland?

Laschet oder Söder? Söder oder Laschet? Ein ist aber klar: Söder geht gar nicht. Er ist mal grüner als Kretschmann, dann sozialer als Wagenknecht, schließlich fremdenfeindlicher als Meuthen.

Von Dienstag, 20.04.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 19.04.2021, 10:52 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Ich will ganz offen sein: Diesen Text zu schreiben war gar nicht einfach. Denn natürlich muss es hier um die K-Frage der Union gehen. Aber anders als die Tagesschau oder Twitter habe ich mich an Abgabefristen zu halten. Und während ich diese Zeilen schreibe, läuft zwar die Frist ab, die die Union sich zur Klärung der Frage gesetzt hatte – aber trotzdem ist noch immer nicht klar, welche der beiden herausragenden Flaschen, die die Frage da unter sich ausmachen wollen, am Ende den Vorzug erhält. Genau genommen ist nicht einmal mehr klar, ob die beiden Flaschen die Frage unter sich ausmachen, oder ob die ganze Kiste gefragt werden muss.

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Gleichzeitig wurde die Woche über klar, dass, anders als bei Laschet, über die Hälfte der Deutschen sich Söder als Kanzler vorstellen können. Und ich bin ja auch einer davon. Und ich krieg alternierend das kalte Kotzen und Schweißausbrüche, wenn ich mir diesen Kanzler Söder vorstelle. Ein Mann, der schon so wenig Respekt vor den Gremien, den Prozessen und ganz allgemein der Zukunft der CDU, der „Schwesterpartei“ seiner CSU, hat, wie soll so einer ganz Deutschland führen oder vertreten?

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Söder, soviel ist in der letzten Woche klarer geworden als je zuvor, geht es nur um Söder. Und seiner CSU geht es stets einzig und allein um Bayern – das lässt sich unter anderem aus der katastrophalen Bilanz der letzten Bundesverkehrsminister ableiten, die statt marode Brücken in NRW oder Brandenburg zu reparieren, lieber unnötige neue in Bayern bauten. Die CSU ist keine gesamtdeutsche Partei: sie sollte überhaupt keine gesamtdeutsche Verantwortung tragen, aber schon gar nicht im Kanzleramt.

Söder hat dabei nicht einmal eine klare politische Linie: Er mäandert auf der Suche nach Wählern durch fast alle politischen Lager, ordnet sein Image stets den Umfragen und dem unbedingten Willen zur Macht unter; ist mal grüner als Kretschmann, dann sozialer als die Wagenknecht, schließlich fremdenfeindlicher als Meuthen: ganz, wie es gerade zur Zielgruppe passt. Dabei galt die CSU früher einmal als strammrechte kleiner Schwester der pragmatischen Opportunisten der CDU. Laschet steht zumindest verlässlich als Integrator mit erkennbarer Linie dar – auch wenn diese nicht besonders erfolgreich ist.

Klar ist zum jetzigen Zeitpunkt nur eines: Paul Ziemiak scheint unter gewaltiger Farbenblindheit zu leiden. Der verkündete nämlich immer wieder, dass „wir“ zwei „hervorragende“ Kandidaten hätten – und ich will ihm ja zugutehalten, dass er das auch so meint. Nur: Hält er nun Annalena Baerbock und Robert Habeck für zwei Schwarze oder sich für einen Grünen?

Wie zwei Machtpolitiker eine Kandidatur unter sich ausmachen können, haben diese beiden in einer Weise gezeigt, die nicht nur ihrer Partei nicht geschadet hat, sondern letztlich sogar beide gestärkt hat. So, kann man argumentieren, verhalten sich hervorragende Kandidaten. Die beiden Flaschen von der Union, die im parteiinternen Sch-Vergleich längst nur noch dem Wähler unter die Nase reiben, wie außerordentlich kurz ihrer denn nun ist, haben ihre Parteien jedenfalls vortrefflich demontiert. Die Chancen der Grünen, den nächsten Kanzler zu stellen, sind damit enorm gewachsen.

Wer auch immer sich durchsetzt: Laschet ist, von der Hälfte seiner Partei verlassen, so angeschlagen, dass er kaum das Vertrauen der Bürger gewinnen wird, ihn zum nächsten Kanzler zu wählen. Söder mag, wie einige seiner Parteigenossen glauben, weniger beschädigt sein und so höhere Chancen an dieser Front haben. Doch ist es unwahrscheinlich, dass Gesamtdeutschland sich auf diesen bajuwarischen Gockel einlassen will, der sein Bundesland durch erratisches Verhalten als Corona-Loch der Oberklasse etabliert hat.

Bayern drohte nicht zuletzt, seit es sich durch den Länderfinanzausgleich vom zurückgebliebenen Bauernstaat zur kleptokratischen Modellregion gewandelt hat, in der Vergangenheit bei jeder Gelegenheit, sich aus der deutschen Solidarität zu verabschieden und seinen Wohlstand, den es aus dem Länderfinanzausgleich finanziert hat, nicht mehr zu teilen. Es zieht wie ein Parasit Geld aus der deutschen Staatskasse für weltferne Wahlgeschenke und ideologische Hirngespinste, für teure Fehler inkompetenter Minister und nicht zuletzt für eben seinen vormodernen Tribalismus. Hinzu kommt noch, dass ein nicht geringer Anteil dieser Schluchtenscheißer die Unabhängigkeit ihres Alpenfreistaats von Deutschland wünschen.

Und ausgerechnet aus dem Kreis dieser bajuwarischen Bauernkaste soll sich jetzt ein Bundeskanzler für Ganzdeutschland rekrutieren können? Kaum.

Selbst wenn Söder die Union als größte Partei über die Bundestagswahl retten könnte: Mehrheiten würden die übrigen Parteien wohl lieber jenseits des egomanen Bayern suchen. Laschet könnte im Gegensatz dazu mit jedem reden, sogar, falls es so weit kommen sollte, als Juniorpartner mit den Grünen: für Söder unvorstellbar.

Wenn gestandene CDU-Ministerpräsidenten aktuell also durch die Blume formulieren: Söder sei ein nichtsnutzer Saftsack, aber mit ihm könne man mehr Stimmen holen (O-Ton: „Es geht nicht um […] Vertrauen oder Charaktereigenschaften.“), dann ist das eben nur die halbe Wahrheit. Die „Machtfrage“ entscheidet sich nicht dadurch, wer vielleicht mehr Stimmen holen könnte als der andere, sondern darin, wer aus den Stimmen, die er holt, etwas machen kann. In Markus Söders Kopf gibt es nur Markus Söder, noch mehr Markus Söder, danach lange nichts und schließlich etwas Bayern – für mehr ist dann aber kein Platz mehr. Es ist nachvollziehbar, warum das für Bayern reicht. Aber Deutschland ist eben nicht Bayern – und dafür sollten wir alle dankbar sein.

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