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Hakan Demir © Foto: Jannis Chavakis, Zeichnung: MiG

Von Neukölln in den Bundestag

Der Späti als soziale Tankstelle

Hakan Demir ist Enkel von Gastarbeiter:innen und tritt für den Bundestag an. Alle zwei Wochen berichtet er uns von seinem Wahlkampf. Heute geht er in den Späti, seine soziale Tankstelle im Kiez.

Von Montag, 19.04.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 19.04.2021, 10:17 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

„Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“ – so beschrieb einst Kurt Tucholsky die Berliner Mentalität. Für mich reicht mir meine Wohnung in Neukölln. In meiner Nachbarschaft befinden sich Parks und viele kleine Cafés, die ratternde S-Bahn und die stets lebendige Karl-Marx-Straße mit ihren unzähligen Spätis.

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Hier wohne ich und ich fühle mich sehr wohl. Cemal (Name geändert), der Mitarbeiter des Spätis von nebenan, nennt mich spaßeshalber schon „Herr Bundestagsabgeordneter“. Ich winke dann lachend ab, aber natürlich schmeichelt mir seine Aussage – denn das will ich ja, Bundestagsabgeordneter werden. Der Späti ist meine soziale Tankstelle im Kiez. Hier hole ich mir oft Kleinigkeiten, halte ein und rede mit Cemal und den Kund:innen über das, was sie und mich gerade beschäftigt. Diese Gespräche geben mir Kraft – vor allem in der Corona-Pandemie, in einer Zeit, in der man kaum persönliche Kontakte hat.

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„Der Tod wird häufig aus der Öffentlichkeit verbannt – als ob es ihn nicht geben würde. Der Tod ist aber da – 365 Tage. Im letzten Jahr starben 80.000 Menschen an und mit dem Corona-Virus.“

Zwei Monate hatte ich Cemal nicht mehr gesehen. Ich dachte, er sei im Ausland bei seiner Familie. Gestern sah ich ihn dann wieder. Er hatte abgenommen. Sein Gesicht war eingefallen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm.

Der Tod wird häufig aus der Öffentlichkeit verbannt – als ob es ihn nicht geben würde. Der Tod ist aber da – 365 Tage. Im letzten Jahr starben 80.000 Menschen an und mit dem Corona-Virus. Es ist so wichtig, innezuhalten, an sie und ihre Angehörigen zu gedenken. Das haben viele Politiker:innen gestern gemacht. Es ist ein Symbol. Es ändert noch keine Politik, bringt niemanden zurück, spendet aber für mindestens einen Moment Trost. Gerade deshalb sind Mitgefühl und Gedenken wichtig, weil sie zeigen, dass wir solidarisch miteinander sind.

„Meine Frau ist gestorben“, sagt Cemal und presst die Lippen aufeinander. „Du hast in dieser Zeit nicht nach mir gefragt und Du willst Abgeordneter werden?“

Ich fühle einen Stich in der Brust. Und natürlich habe ich nicht mit seinem Vorwurf gerechnet, aber ich erkenne, dass ich für ihn nicht nur ein Kunde bin, sondern eine Bezugsperson – einer, der da ist, wenn etwas ist. Einer, der ihm zuhört und ihn ernst nimmt. Einer, der in den Bundestag will, und dort die Anliegen auch von ihm, Cemal, vertritt.

„Sobald man für ein Mandat kandidiert, übernimmt man mehr Verantwortung. Dazu gehört es auch, immer mit offenen Augen, offenem Herzen und offenen Ohren durch die Welt zu gehen. „

Das ist eine große Verantwortung. Fakt ist aber auch: Sobald man für ein Mandat kandidiert, übernimmt man mehr Verantwortung. Dazu gehört es auch, immer mit offenen Augen, offenem Herzen und offenen Ohren durch die Welt zu gehen. Politik darf keine Einbahnstraße sein. Politiker:innen müssen den Menschen zuhören und anpacken.

Also rufe ich ihn kurzerhand um 22.19 Uhr an und merke, dass er nicht nur der Späti-Mitarbeiter ist, sondern auch meine Bezugsperson im Kiez. Und da verstehe ich, dass es nicht darauf ankommt, was vor oder hinter dem eigenen Haus steht. Es kommt nur darauf an, dass es Menschen da draußen gibt, die mitfühlen und mithelfen.

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