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Hakan Demir, SPD, Bundestag, Neukölln, Kolumne, MiGAZIN
Hakan Demir © Foto: Jannis Chavakis, Zeichnung: MiG

Von Neukölln in den Bundestag?

„Mama, ich kandidiere für den Bundestag!“

Hakan Demir ist der Enkel von Gastarbeiter:innen. Der 36-jährige Sozialdemokrat ist in einem Arbeiterviertel in Krefeld aufgewachsen und tritt für den Bundestag an. Seine Chancen stehen in Neukölln gar nicht mal so schlecht. Doch es gibt Hürden. Demir nimmt uns alle zwei Wochen mit auf seine Reise „von Neukölln in den Bundestag?“ und gibt uns einen ganz persönlichen Einblick.

Von Montag, 25.01.2021, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 25.01.2021, 9:36 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Ich war ziemlich aufgeregt. Wie würden wohl meine Eltern reagieren? Egal, wie alt man ist, wir alle sehnen uns nach ihrer Anerkennung. Das ändert sich wohl nie. Also nahm ich das Handy in die Hand und rief an. Das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung war meine Mutter. Ich sagte: „Mama, ich kandidiere für den Bundestag!“

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Mein Großvater kam 1970 in dieses Land. Er baute Straßen und Häuser und holte später seine Familie nach. Mein Großvater starb 2016. Zeit seines Lebens war er dankbar dafür, dass Deutschland ihm die Chance geboten hatte, seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Er wollte immer, dass ich studiere, lerne, dass ich etwas aus mir mache.

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Eine Kandidatur für den Bundestag hätte ihn bestimmt gefreut und stolz gemacht. Dieses Jahr jährt sich das Anwerbeabkommen mit der Türkei zum 60. Mal. Viele Menschen der ersten Gastarbeiter:innengeneration leben heute nicht mehr. Viele von ihnen haben wir vergessen.

Zu siebt in einer Drei-Zimmer-Wohnung

Ich bin Mitte der 1980er Jahre in einem dreistöckigen Mietshaus aufgewachsen. Wir lebten im Erdgeschoss in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Außer meiner Eltern, Großeltern wohnten auch meine Tante und mein Onkel bei uns. Wir waren zu siebt. Ich hatte also immer jemanden, der mit mir spielte und wenn nicht, waren in dem Viertel genug Kinder in meinem Alter. Ich erinnere mich daran, dass wir bis spät in den Abend hinein Fußball spielten. Es gab eine große Wiese.

Zwischen uns Kindern und dem anderen Wohnhausblock, der viel schöner war und einladende Balkone hatte, stand ein Holzzaun. Auf der anderen Seite wohnten keine Kinder aus Arbeiter:innenfamilien, die aus Izmir, Edirne, Adıyaman oder Çorum kamen.

Auf ihren Straßen parkten Wohnwagen und schicke Kombis. Als Kind dachte ich, dass nur die anderen – die Gegenüberlebenden – Einfamilienhäuser besitzen und hinterfragte diesen Gedanken nicht. Wie auch? Ich war ja erst ein kleines Kind.

Ich machte Abitur, studierte als Erster in meiner Familie und zog 2012 nach Neukölln. Ein Problembezirk – meinen viele Medien. Für mich nicht. Für mich ist Neukölln mein neues Zuhause. Ich fühle mich den Menschen hier verbunden – aus über 150 Nationen kommen sie – Studierende aus Italien und Spanien wohnen hier genauso wie Rentner:innen, Gastarbeiter:innen und ihre Nachkommen, Geflüchtete, Alteingesessene, Neu-Berliner:innen.

Abkehr von Hartz IV

Hier ging ich zu den ersten Parteisitzungen, kämpfte, feierte, verlor Wahlen und machte weiter. Zehn Millionen Wähler:innen hat die SPD in den letzten 20 Jahren verloren. Ein Grund ist sicherlich die neoliberale Wende, die in die Hartz-IV-Reformen mündete. Eine Abkehr davon ist beschlossene Sache in der Partei. Mit unserem Sozialstaatspapier von 2019 machen wir wieder stärker klassische sozialdemokratische Politik: Wir wollen einen Staat, der vor Lebensrisiken wie Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit schützt und Menschen befähigt, ein Leben in Würde zu führen. Die Grundrente und das Kurzarbeitergeld, das uns gerade vor der Massenarbeitslosigkeit schützt, sind heutige sozialdemokratische Errungenschaften.

Sinnerfüllung durch Politik

Im Oktober vergangenen Jahres gab es in der SPD Neukölln zum ersten Mal eine Mitgliederbefragung zur Bestimmung des Bundestagskandidaten. Im parteiinternen Wahlkampf habe ich mich knapp gegen meinen Konkurrenten durchsetzen können.

Der Wahlkampf hat also begonnen. Allerdings nur digital. Die Corona-Pandemie lässt gerade nicht viel dessen zu, was man einen klassischen Wahlkampf nennen könnte. Das Leben ist in den meisten Fällen eine große Videokonferenz. Ich hoffe, dass sich das bald ändert.

Doch die Chance zu erhalten, im besten Fall das Leben von vielen Menschen zu verbessern, motiviert mich jeden Tag. Ich sehe darin eine große Sinnerfüllung. Ich will, wenn ich mit 80 oder 90 Jahren auf mein Leben zurückblicke, sagen: „Dit war jut.“ Dieser Gedanke treibt mich an.

„Mama, ich kandidiere für den Bundestag!“ Am anderen Ende kurzes Schweigen. „Ist das nicht gefährlich?“, fragt sie. Das war nicht die Reaktion, die ich erwartet hatte. Sie ist aber verständlich in einer Zeit, in der Aktivist:innen und Politiker:innen zunehmend angegriffen werden. „Nein. Ich pass schon auf mich auf, Mama.“ Im Hintergrund ruft Papa. „Was brauchst Du? Wie können wir Dich dabei unterstützen?“

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