Burak Tuncel, Kolumne, MiGAZIN, Dichtung, Dichter
Burak Tuncel © privat, Zeichnung: MiG

Dichertränen

So Lebet Wohl

Unsere Vorfahren opferten ihre Gesundheit für diesen kalten und seltsamen Ort hier. Und dennoch. Der Dichter sprach: Man möchte uns leider in diesem Land nicht haben. Der Abschied naht.

Von Donnerstag, 25.03.2021, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 24.03.2021, 12:48 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Oh Geliebte,

wir kamen arm in diese Welt, welch ein Glück. Wie hätten wir sonst so schöne Lieder singen können? Wie hätten wir sonst solch wundervolle Liebesgeschichten erleben dürfen? Auch wenn wir hier an diesem kalten Ort viel Schmerz und Ausgrenzung erfuhren, war es ein süßer Schmerz, denn wir ertragen Tadel frohen Herzens, so ist nun mal der Weg, der für uns bestimmt ist. Doch dein Geliebter ist nun am Ende seiner Kräfte. Er kann zum Horizont blicken und sieht, dass man uns bald aus diesem Land vertreiben wird. Kalt die Blicke der Menschen, und ihre Gesten voller Gewalt. Wenn Blicke töten könnten Liebling, ja dann glaube mir, wir wären schon tausende Male verstorben.

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„Unsere Vorfahren opferten ihre Gesundheit für diesen kalten und seltsamen Ort hier. Sie zahlten Milliarden von Steuern. Doch der Dank blieb aus.“

Unsere Vorfahren opferten ihre Gesundheit für diesen kalten und seltsamen Ort hier. Sie zahlten Milliarden von Steuern. Doch der Dank blieb aus. Liebste Geliebte, da ich diese Erlebnisse nicht mehr mit dem rationalen Verstand erklären kann, habe ich nun eine andere Eingebung bekommen. Es muss an der Seele der Menschen liegen. Hier an diesem trüben und traurigen Ort bekommen die Kinder in der Schule den Konkurrenz- und Wettbewerbsgedanken gelehrt. Das Herz und die Seele werden verleugnet. Es geht nur um den Besitz und Profit bei allen Handlungen.

Ja, meine Geliebte. Ich kam als Dichter hierher, um den Menschen das schöne Licht der Poesie zu bringen. Die ewige Wiederkunft ist ein zentraler Gedanke in Friedrich Nietzsches Werken. So kam sein Geist in meinem Körper erneut an diesen Ort, wo er früher gelebt hatte. Welches Schicksal gab dieses Land jenem wundervollen Dichter? Ja, sie machten Nietzsche krank und er verlor den Verstand. Das Gleiche machen sie heute mit den Dichtern von heute, allen voran mit deinem Geliebten. Doch das Licht muss sich nicht beweisen, es strahlt ganz hell. Die Dunkelheit kann das Licht nicht ertragen. Es wird bald für immer Abend im Abendland sein. Denn die Liebe wurde traurig und zog weit weg aus diesem Land, mit Tränen in den Augen. Sie konnte nicht mehr mit ansehen wie dieses Land mit seinem Dichter umging.

Oh du schöne Geliebte. In dieser Welt wird stets die Schönheit angegriffen. So glaube mir, ich durfte dies tausende Male am eigenen Leib erfahren an diesem Ort. Doch wie verhielten sich die Menschen? Sie schauten weg und widmeten sich weiterhin dem leeren Vergnügen. Die heutigen Ereignisse sind nur eine Strafe dafür, wie sie mit den Dichtern umgingen. Denn nur der Dichter kann Genesung in die Welt bringen, da er aus einer anderen Sphäre die Welt betrachtet, nämlich mit dem Herzen, weit weg vom Alltag. Doch die Gesellschaft wird sich auch dieses Mal nicht zum Schönen ändern. Sie lernen nicht aus der Geschichte. Leider.

„Ja, wir erfuhren viel Ausgrenzung bereits ganz früh in Kinderjahren. Sie möchten uns hier nicht haben.“

Ja, wir erfuhren viel Ausgrenzung bereits ganz früh in Kinderjahren. Sie möchten uns hier nicht haben. In ihrer angeblichen Toleranz sieht man gewaltvolle Augen. Toleranz bedeutet zu spalten, den anderen degradieren zum Fremden, dass er Anders ist, nicht hierhergehört.

So lass uns die Koffer packen meine Schöne und von Dannen ziehen. Weg von hier in das Land der schönen Lieder wo wir mit der Natur und den Tieren eins werden. Wo wir Brüder mit den Tieren sind. Ja, der weiße Mann kann unsere Art zu lieben nicht verstehen.
Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wüste. Die Erde gehört nicht den Menschen. Die Erde verletzen, heißt ihren Schöpfer zu verachten.

„Wir dichteten von neuen Kontinenten. Jeden Tag gingen wir weiter Richtung Horizont. Wir hatten nichts zu geben als die Liebe. Mehr besaßen wir nicht.

Wir lernten von Erich Fromm, Osho und Jiddu Krishnamurti.

Sie kamen aus dem Lande der schönsten Märchen. Mit Astrid Lindgren wuchsen wir auf. Zu Michel aus Lönneberga wurden wir. Mit William Shakespeare flogen wir von Traum zu Traum. Bei Friedrich Nietzsche fühlten wir uns verstanden und fanden Heimat. Wie schön, dass wir das alles erleben durften.

Was braucht es denn mehr in diesem Leben geliebte Mama?

Doch es ist leider nichts mehr zu machen für die Menschen an diesem Ort. Die Lieder der Liebenden sind weit weg gezogen in das Reich der Schönheit. Die Poesie hat die Menschen verlassen. Die Sonne spielt die Symphonie des Abschiedes. Die Bäume verlieren zum letzten mal ihre Blätter und sie packen ihre Koffer in Richtung Ewigkeit. Die Liebe, wie sie einst in den Schwarz–Weiß Filmen zu sehen war, ist aus dem Leben verschwunden hier an diesem trüben, kalten, seltsamen Ort. Wir leben in der Endzeit.“

Meinung
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  1. Levent Öztürk sagt:

    Deutschland hat sich bei den seit den 60er Jahren in und für Deutschland schaffenden Türken mit Ereignissen wie in Mölln, Solingen oder Hanau, den täglichen Anschlägen auf Moscheen inkl. der strafrechtlichen Aufklärungs-Quote von unter 5% sowie der Duldung von AfD, NPD, Pegida, der Vertuschung der NSU-Serienmorde und der Ermittlungsuntätigkeit im Rahmen NSU 2.0 bedankt. Wenn man die Türken in Deutschland nicht mehr haben möchte, dann sollte man eine Rückkehrer-Rente gemäß den eingezahlten Rentenbeiträgen (ca. 1.500 € monatlich) einführen oder eine Transfermöglichkeit der eingezahlten Beiträge von der deutschen Rentenkasse in die Türkische Rentenkasse ermöglichen. Hunderttausende Türken würden binnen kürzester Zeit Deutschland verlassen. Das Hauptproblem sind wie gesagt die eingezahlten Rentenbeiträge als Altersvorsorge.